Elf Tage Freiheit zwischen zwei Haftstrafen

Lüdenscheid - 35 Monate hat er gesessen. Die Freiheit danach dauert nur elf Tage. Dann sticht er mit einem Messer auf einen Saufkumpan ein, ohne ersichtlichen Grund, mit 3,5 Promille im Blut. Seit dem 29. Dezember ist der 47-Jährige deshalb in U-Haft. Und wird, so das Urteil des Schöffengerichtes, die nächsten drei Jahre wieder in Gefängnissen und einer Entziehungsanstalt verbringen.

Oberstaatsanwalt Wolfgang Rahmer sagt: „Mich macht ein solcher Lebenslauf sprachlos.“ Das stimmt aber nicht.

Rahmer spricht viele Worte. Zum Beispiel darüber, „was unsere Gesellschaft noch alles ertragen muss“. Oder darüber, „was seine Opfer erleiden“ oder „was noch alles an Nachsorge organisiert werden muss, um einen solchen Mann in Haft mit Methadon zu versorgen und seinen Suchtdruck zu mindern“.

Der Angeklagte, seit 20 Jahren schwer drogen- und alkoholsüchtig, hat in Etappen insgesamt sechs Jahre und vier Monate hinter Gittern gesessen. 20 Vorstrafen stehen im Bundeszentralregister. Das nennt man justiz- und hafterfahren. Vielleicht ist so sein äußerlich entspanntes bis gleichgültiges Auftreten vor dem Schöffengericht zu erklären. Seinen Sohn (9) hat er seit knapp vier Jahren nicht zu Gesicht bekommen. Nach einem bürgerlichen Leben steht ihm offenbar nicht der Sinn.

So führt ihn der Weg nach der Haftentlassung gleich zurück in seine alte Szene. Eine Nachbarschaft an der Bahnhofstraße, extrem trinkfeste Frührentner, alte Junggesellen. „Nicht der ideale Rahmen für Abstinenz“, wie Verteidiger Thomas Trapp anmerkt.

Mit nikotinerprobter Stimme berichten sie im Zeugenstand von der Tatnacht. Wie sie miteinander gesoffen haben, sechs Flaschen Wodka zu vier Kerlen, dazu ein paar Flaschen Bier. Und wie der 47-Jährige noch mit zu seinem Nachbarn gegangen ist, „Fernsehen gucken, aber diesmal mit Bild“, sagt einer. Und mit der siebten Flasche Wodka.

Aus welchem Grund der Neuankömmling plötzlich über seinen gastfreundlichen Nachbarn herfällt, morgens gegen 5.45 Uhr, erschließt sich niemandem im Gerichtssaal. Der Angeklagte erzählt, sein Kumpel habe ihm, „als ich schlief, an der Hose herumgefummelt. Der wusste, dass ich Geld habe“. Das Opfer bestreitet. „Nein! Niemals!“

Das Motiv bleibt strittig. Klar ist: Der 51-Jährige muss ins Klinikum. Er hat Stichwunden im Gesicht, in der Achselhöhle, im Rücken, an der Hand. Lebensgefahr besteht nicht. Kurz vor Silvester darf er wieder nach Hause, zu seinen Freunden.

Amtsrichter Jürgen Leichter sagt: „Die Stiche hätten genau so gut zum Tode führen können.“ Das Urteil ergeht wegen vorsätzlichen Vollrauschs. Die Geschichte mit der Angst ums Geld habe sich der Angeklagte nachträglich ausgedacht. Die Frage, ob er Rechtsmittel gegen den Richterspruch einlegen will, beantwortet der Verurteilte mit einer kurzen Anweisung an seinen Verteidiger. „Machen wir den Sack zu und fertig!“ -  von Olaf Moos

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