Kein Geld mehr für den Arztbesuch

Vielen Menschen fehlt nach Angaben der Caritas sogar das Geld für die Zuzahlung beim Arzt oder im Krankenhaus.

LÜDENSCHEID ▪ „Viele Menschen, die zu uns kommen, haben furchtbare Angst, alles zu verlieren“, sagt Thomas Becker, Leiter der Caritas-Beratungsstelle für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten.

Wenn Becker von seiner Arbeit berichtet, ahnt der Zuhörer, mit wie viel menschlichem Leid Becker und seine Kollegen täglich konfrontiert werden. Und die Zahl der Lüdenscheider, die in die Armut abgleiten, steigt: „Im vergangenen Jahr hatten wir einen Beratungszuwachs von 18 Prozent.“ Fast 570 Personen hätten 2009 im Beratungszentrum an der Graf-von-Galen-Straße Hilfe gesucht. Arbeitslosigkeit, Armut, Wohnungslosigkeit und die daraus resultierenden, vielseitigen Probleme sind es, die viele ohne Hilfe nicht mehr bewältigen können.

"Menschen, die 20 Jahre lang gearbeitet haben"

Im südlichen Märkischen Kreis leben nach den Informationen der Caritas 41 Menschen auf der Straße, annähernd 250 in prekären Wohnverhältnissen – sie stünden kurz davor auf der Straße zu leben. „Wir sprechen hier auch zunehmend über viele Menschen, die 20 Jahre lang gearbeitet haben“, macht Becker klar, dass die Klientel der Ratsuchenden sich im Laufe der Jahre verändert hat. „Dreh- und Angelpunkt ist der Arbeitsmarkt“, betont er. Wer entlassen werde – was in Zeiten der Wirtschaftskrise keine Seltenheit sei – und nicht zügig eine neue Arbeitsstelle finde, gerate schnell in einen Abwärtsstrudel, einen Teufelskreis mit massiven Problemen.

Kaum Chancen nach einem Jahr Arbeitslosigkeit

„Jemand, der ein Jahr arbeitslos ist, hat kaum noch die Chance in eine geförderte Maßnahme zu rutschen“, schildert der Leiter der Beratungsstelle. Dennoch versuchen die Caritasmitarbeiter zu helfen, in dem sie zum Beispiel Kontakt mit dem Arbeitsamt oder der Arge aufnehmen. Auch bei Problemen mit Stromanbietern, Vermietern, Krankenkassen oder zum Beispiel dem Ordnungsamt vermittelt das Team der Beratungsstelle. Becker nennt in Bezug auf die Krankenkassen ein tragisches Beispiel: „Viele Menschen können sich einen Arztbesuch oder einen Krankenhausaufenthalt wegen der Zuzahlung nicht mehr leisten.“

Neben solchen Sorgen hätten viele Ratsuchende psychische Probleme. „Sie sind in vielen Bereichen traumatisiert“, sagt Becker. Die Tatsache, dass sich Betroffene die Teilnahme am öffentlichen Leben nicht mehr leisten könnten, führe zu einer zunehmenden Vereinsamung. „Einige verlieren familiäre und soziale Bezüge“, schildert der Beratungsstellenleiter. Das erschwere wiederum die Rückkehr ins Arbeitsleben: „Diese Menschen sind einfach nicht mehr in der Lage, sich Arbeit zu suchen.“

Aufgrund des steigenden Beratungsbedarfs benötige das Team eigentlich Verstärkung – aber das lassen die Finanzen nicht zu. - cwi

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