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„Katastrophe in der Katastrophe“: Gasfontäne im MK - Anwohner müssen fliehen

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Von: Jan Schmitz

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Eine Katastrophe in der Katastrophe: In Lüdenscheid-Brügge sorgte eine Gasfontäne für höchste Explosionsgefahr. Im Hochwasser war ein Gastank leckgeschlagen. Die Feuerwehr musste gleichzeitig Menschen aus einem überfluteten Gebäude retten.

Lüdenscheid – Über Stunden verfolgt Mario Meuser am Mittwoch, wie der Pegel der Volme steigt und steigt, dokumentiert die Fluten mit seinem Smartphone. Den weißen Schleier, der am Abend über dem Hochwasser aufzieht, kann der Familienvater zunächst nicht einordnen. Ist es ein Wetterphänomen oder gar Rauch? Sein Video zeigt, wie sich eine Wolke über Fluss und Ufer legt und auch das Haus der Meusers in unmittelbarer Nähe zur Volme in Lüdenscheid-Brügge erreicht. Nur wenige Minuten später muss die Familie Hals über Kopf ihr Haus verlassen. Es herrscht akute Explosionsgefahr.

KreisMärkischer Kreis
HauptstadtLüdenscheid
Einwohner408.662 (2020)

Dirk Losch ist an diesem Tag der diensthabende Einsatzleiter in der Lüdenscheider Feuer- und Rettungswache. Er ist für die Spezialaufträge im Unwettergeschehen in Lüdenscheid zuständig. Am Abend erreicht ihn der Hilferuf von der Volmestraße. Dort droht ein frisch befüllter Tank mit Flüssiggas von den Fluten davongetragen zu werden. Als die Feuerwehr eintrifft, hängt er nur noch an der Leitung. Mit einem an Leinen befestigten Boot wollen zwei Feuerwehrmänner den Tank sichern. Doch dazu kommt es nicht mehr. Vor den Augen der Feuerwehrleute reißt die Strömung den Gastank mit sich. Noch ist er dicht.

Jetzt muss es schnell gehen. Angesichts der Strömungsgeschwindigkeit zählt jede Sekunde. Mit den Feuerwehrautos wollen die Männer die schwimmende „Zeitbombe“ flussabwärts überholen und stoppen, bevor sie im tosenden Fluss leckschlägt. Die Brücke an der Straße Am Kamp erscheint ihnen der geeignete Standort dafür. Doch als sie dort ankommen, fehlt von dem Tank zunächst jede Spur.

Höchste Explosionsgefahr: Aus dem beschädigten Tank schoss am Mittwoch über der Volme eine Fontäne aus Flüssiggas in die Höhe.
Höchste Explosionsgefahr: Aus dem beschädigten Tank schoss am Mittwoch über der Volme eine Fontäne aus Flüssiggas in die Höhe. © Dirk Losch

Stattdessen verlangt ein anderer Einsatz plötzlich die volle Aufmerksamkeit der Retter. In der dortigen Autowerkstatt sind drei Mitarbeiter eingeschlossen. Sie haben sich vor den Fluten ins erste Obergeschoss gerettet. Das Tor ist eingedrückt, das Wasser steht bereits brusthoch in der Halle. „Wir haben dann den Tank erst einmal Tank sein lassen“, sagt Losch. Menschenrettung geht vor. Mit dem Boot rudern die Feuerwehrleute an das Gebäude heran, holen die eingeschlossenen Mitarbeiter über die Steckleiter wieder auf festen Boden.

Gasfontäne in Lüdenscheid-Brügge: Höchste Explosionsgefahr durch Flüssiggas

„Als ich an dem Gebäude vorbeigeschaut habe, sah ich es. Das Gas schoss senkrecht in die Höhe wie eine überdimensionale Nebelfontäne. Da wusste ich sofort, wo der Tank ist. Er war unter einer Brücke stecken geblieben“, erinnert sich Losch an den unwirklichen Moment. Er weiß auch: Jetzt besteht höchste Gefahr. Unkontrolliert strömt das unter Druck verflüssigte Propan-Butan-Gemisch in die Luft, bildet dort eine hochexplosive Verbindung. Losch schaut auf sein Messgerät. Über die Werte will er nicht reden. Nur so viel: Er befiehlt den sofortigen Rückzug, die Funkgeräte dürfen ab sofort nicht mehr benutzt werden. Ein kleiner elektrischer Impuls könnte genügen, und es kommt zur Explosion. „Die Katastrophe in der Katastrophe“, sagt der Einsatzleiter.

Das Foto 1 entstand kurz bevor der Gastank davontrieb. Unter einer Brücke an der Straße Am Kamp steckte der Tank fest (Foto 2). In Dahlerbrück wurde der leere Tank gefunden (Foto 3).
Das Foto 1 entstand kurz bevor der Gastank davontrieb. Unter einer Brücke an der Straße Am Kamp steckte der Tank fest (Foto 2). In Dahlerbrück wurde der leere Tank gefunden (Foto 3). © privat/Mario Meuser/Feuerwehr Schalksmühle

Gefahr droht noch an anderer Stelle. Eine weitere Frau ist in ihrer Wohnung von den Wassermassen eingeschlossen und wartet auf Rettung. Kontakt hält sie mit ihrem Ehemann – über das Handy. Kurz bevor der Gas-Nebel das Haus erreicht, klettert sie gerade noch rechtzeitig mit ihrem Hund aus dem Fenster. „Um Haaresbreite“, sagt Dirk Losch. Es gilt keine Zeit zu verlieren. Losch ordnet die Sperrung der Bahnstrecke und die Evakuierung aller Anwohner in höhergelegene Gebiete an. Mitglieder des Löschzugs Brügge sind inzwischen eingetroffen und warnen die Anlieger.

Gas-Alarm in Lüdenscheid: Anwohner müssen aus ihren Häusern flüchten

„Plötzlich klopfte es an der Tür. Ein Feuerwehrmann forderte uns auf, sofort das Haus zu verlassen“, berichtet Anwohner Mario Meuser. Mit klarer Ansage: Rennen, nicht gehen. „Ich hatte noch nie so große Angst“, erinnert sich Ehefrau Yvonne. Ohne etwas zu packen, flüchten sie mit ihren Söhnen Nils und Julian, Hund Toby und Oma Gerhild durch den Garten in die etwas höher gelegene Straße Am Gehäge. Sogar dort werden alle Nachbarn evakuiert. Gebannt schauen die Anwohner ins Tal.

Als der Gastank leer ist, entspannt sich die Lage. Die Konzentration des Flüssiggasgemischs in der Luft nimmt ab, dennoch muss jedes Haus und jeder Keller noch einzeln freigemessen werden, bevor die Anwohner zurück dürfen. Anderthalb Stunden nach der Evakuierung ist es für Familie Meuser so weit.

Dramatischer Einsatz in Lüdenscheid-Brügge

Dirk Losch wird den dramatischen Einsatz am 14. Juli sein Leben lang nicht vergessen. „Wir hatten so viel Glück, das kann man gar nicht glauben“, sagt der Einsatzleiter mit Blick auf die verschiedenen parallelen Einsätze, die alle gut ausgingen. Er dankt seinen Kameraden von der Hauptwache und den Mitgliedern des Löschzugs Brügge für ihren professionellen Einsatz in gefährlicher Lage. Fast zeitgleich wird am anderen Ende von Lüdenscheid ein Kind durch den tapferen Einsatz von Anwohnern und der Feuerwehr Halver aus den reißenden Fluten gerettet.

Mit fallendem Wasserstand kommt der feststeckende Gastank in der Nacht wieder frei. Er wird am nächsten Morgen flussabwärts gefunden, bei Thyssen-Krupp in Schalksmühle-Dahlerbrück.

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