Ein spannender Blindflug

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Kantor Dmitri Grigoriev hatte ein umfangreiches Programm zu absolvieren.

Lüdenscheid - Ein Konzert bei Kerzenschein haben die Zuhörer der Aufführung von Modest Mussorgskys Zyklus „Bilder einer Ausstellung“ in der evangelischen Erlöserkirche erlebt.

Die Zuhörerschaft zeigte sich am Ende begeistert, applaudierte so lange, bis Solist Dmitri Grigoriev noch eine kleine Zugabe gewährte.

Eine Brücke zum Verständnis dieser Komposition baute Moderatorin Bellis Klee-Rosenthal, die in den musikalischen Ansatz, Mussorgskys Verbindung zu dem Architekten und Maler Viktor Hartmann (1843 - 1873), sowie Art und Inhalt des Zyklus’ einführte.

Schwere Aufgabe für den Solisten am Flügel

Was sich für viele Zuhörer in der Erlöserkirche als Gewinn erwies, stellte den Solisten am Flügel, Dmitri Grigoriev, eine heftige Aufgabe: Es war dunkel in der Kirche, und auch Grigorievs Platz am Flügel lag abseits schwacher Lichtquellen. Die Partitur konnte so keine große Stütze sein. Hinzu kam, dass wohl auch die Tastatur lediglich schemenhaft erkennbar war. Der Solist begab sich mit seinen Zuhörern im spannenden Blindflug auf die Promenade durchs Museum. Das berühmte Motiv der „Promenade“ erklang, und es ging hin vor das Bild des „Gnomus“. Was der Maler Hartmann aus dem damals beliebten Nussknacker-Motiv entwickelte, war eine zwergenhafte Gestalt mit hässlichem, runzligem Gesicht, ausgestattet mit derber, zum Nüsseknacken bestimmter Kinnlade. Mussorgsky machte daraus musikalisch einen hinkenden wie ungestalten Zwerg als Abbild eines leidenden Menschen, der hinkt, herumspringt, zum Schabernack ansetzt und wieder verschwindet.

Kritisches Publikum applaudiert

Von Grigoriev herrlich belebt wirkte diese Passage, die nach Wiederaufnahme der Promenade in „Das alte Schloss“, wie ein romantisch bestimmtes Landschaftsbild. Zu den zwingenden Stücken zählten das „Ballett der unausgeschlüpften Küken“ und vor allem „Cum mortuis in lingua mortua“ (Mit den Toten in der Sprache der Toten), sowie das Treiben auf dem „Marktplatz von Limoges“. Der technischen Finessen eingedenk ein starkes Konzert bei ungleicher Verteilung des Kerzenscheins. Das kritische Publikum in der Erlöserkirche quittierte die Leistung Grigorievs mit großem Beifall.

Ein gewaltiges Programm hatte Kreiskantor Grigoriev zu absolvieren. Am Tag vor seinem Mussorgsky-Konzert bot er zum Jahresabschluss der losen Reihe „Musik zur Marktzeit“, ebenfalls in der Erlöserkirche, ein von Improvisation bestimmtes Vorspiel. Im ersten Teil widmete sich Grigoriev dem Kirchenlied „Jesu, meine Freude“, das Bach in die Form einer fünfstimmigen Motette brachte. Dabei stellte sich Grigoriev die Aufgabe einer Partita im barocken Stil über „Jesu, meine Freude“. Heraus ragten dabei die Improvisation im Stile eines Biciniums, dessen Zweistimmigkeit Grigoriev meisterhaft auf einem Instrument darlegte.

Erfindungsreichtum und Stilsicherheit

Großen Erfindungsreichtum und Stilsicherheit stellte der Organist auch mit der abschließenden Fuge unter Beweis. Humorvoller gestaltete sich der zweite Teil von „Musik zur Marktzeit“, den Grigoriev nutzte, um in verschiedenen Stilen über deutsche Volksweisen zu improvisieren. Zum witzigen Marsch geriet da „ABC, die Katze lief im Schnee“. Nach der Art einer Siciliana gestaltete Grigoriev „Bunt sind schon die Wälder.“ Als umtriebiges Scherzo erwuchs „Ein Männlein steht im Walde“. Die lose Reihe „Musik zur Marktzeit“ wird im kommenden Jahr fortgesetzt.

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