Plötzlich nicht mehr kreditwürdig

Kampf gegen Schufa-Einträge: Hausmeister aus MK leidet unter Namensvetter

Mann mit Abfallzange
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Hausinspektor Ahmet Demir ist ein unbescholtener Mann – mit einer Reihe schlechter Erfahrungen.

Ärger mit der Schufa. Probleme mit Händlern. Schwierigkeiten mit Banken. Stress mit dem ADAC. Druck von Finanzbehörden. Hinter dem Lüdenscheider Ahmet Demir liegen drei nervige Jahre. Obwohl er sich nichts zu Schulden kommen lassen hat. „Jetzt“, sagt er, „habe ich wieder eine weiße Weste“. Und erzählt über seine Erfahrungen.

Lüdenscheid - Der 50-Jährige ist ein freundlicher Mann, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Der gelernte Maschinenbautechniker geht seiner Arbeit als Hausinspektor bei der Zentralen Gebäudewirtschaft der Stadt nach, kümmert sich um seine Familie und bezahlt seine Rechnungen. Am Amtsgericht wirkt Demir ehrenamtlich als Schöffe und engagiert sich in der Kommunalpolitik. Ein unbescholtenes Mitglied der Lüdenscheider Gesellschaft.

Hausmeister aus Lüdenscheid: „Das kann doch alles gar nicht sein“

Doch die Schufa hat ihm das Leben schwer gemacht. Denn Ahmet Demir war Opfer einer folgenreichen Verwechslung. „Das ging 2018 los“, erinnert sich der Schulhausmeister. Da will er zwei Autos leasen, keine große Sache. Der Händler schüttelt den Kopf. „Ich habe hier eine negative Schufa-Auskunft über Sie, tut mir leid.“ Der Lüdenscheider wundert sich. Der Leasingvertrag kommt dann trotzdem zustande, auf den Namen seiner Frau. „Ich habe mir erst mal keine großen Gedanken gemacht.“

Wenig später will Ahmet im Saturn-Markt ein Gerät für die Küche seines Eigenheims am Vogelberg kaufen und fragt nach einer Null-Prozent-Finanzierung. Erneut eine Absage. Schon wieder die Schufa-Auskunft. „Da habe ich gedacht, das kann doch alles gar nicht sein.“

Bei seiner Bank bekommt der Familienvater den Rat, direkt bei der Schufa nachzufragen. So viel erfährt er schon von seinem Bankberater: Ahmet Demir hat über die VW-Bank per Kredit den Kauf eines Autos für 30 000 Euro finanziert und muss monatlich 600 Euro tilgen. Der Lüdenscheider wird sauer: „Das stimmt nicht!“

Der Anruf bleibt zunächst ohne Ergebnis. Im Privatkunden-Servicecenter der Schufa erfährt Ahmet Demir, dass er keine Auskunft über seine Einträge erhält – weil er nicht Mitglied ist. Erst nach einer Online-Registrierung könne er seine Daten einsehen. Also klickt er sich per Internet durch die Registrierung. Aufnahmegebühr: 13 Euro. Monatsbeitrag: 3,95 Euro. Mindestdauer der Mitgliedschaft: ein Jahr.

Jetzt kommt Licht in die Sache. Es gibt noch einen Ahmet Demir, der wohnt im Ruhrgebiet, erfährt der Lüdenscheider. Der zweite Wohnsitz des Mannes ist angeblich die Adresse am Vogelberg, aber bei der Schufa mit falscher Hausnummer hinterlegt. Es gibt unter dem Namen vier Vorgänge bei der Targo-Bank, Käufe von Elektronik-Artikeln, Handyverträge bei verschiedenen Telefongesellschaften oder eben den satten Kredit bei der VW-Bank. Nach einer Mail an diese Bank dauert es vier Wochen, bis der Hausmeister aus deren System verschwunden ist.

Warten auf neue Mitgliedskarten vom ADAC

Zwischendurch bietet der ADAC seinem Kunden Ahmet Demir aus Lüdenscheid für dessen langjährige Treue eine Premiummitgliedschaft an. Er sagt zu. Besserer Auslandskrankenschutz ist nicht zu verachten, wenn man mit der Familie in die Türkei reist, um Verwandte zu besuchen. „Aber ich habe die neuen Mitgliedskarten nicht gekriegt.“ Nach zwei Monaten Warterei ruft er beim ADAC an und kriegt die Auskunft: Die Karten wurden irrtümlich ins Ruhrgebiet geschickt.

An einem Tag im Jahr 2019, erinnert sich der freundliche Mann aus der Kreisstadt, klingelt sein Telefon. Am anderen Ende kündigt ihm ein Mitarbeiter des Düsseldorfer Finanzamts üble Konsequenten an, sollte er nicht schleunigst seine Grundsteuer für sein Haus in Plettenberg entrichten. Das habe er nämlich zehn Jahre lang nicht getan. Auch dieser Irrtum klärt sich nach etlichen Telefonaten und nervendem Schriftverkehr auf.

Informationen zur Kreditwürdigkeit

Die Schufa Holding AG ist eine privatwirtschaftliche Wirtschaftsauskunftei mit Geschäftssitz in Wiesbaden. Zu den Aktionären gehören Banken, Handelsunternehmen und sonstige Dienstleister. Ihr Geschäftszweck ist, ihre Vertragspartner mit Informationen zur Kreditwürdigkeit Dritter zu versorgen. Die Schufa verfügt über 943 Millionen Einzeldaten zu 67,9 Millionen Personen und zu sechs Millionen Unternehmen. Die Schufa bearbeitet jährlich mehr als 165 Millionen Anfragen zur Kreditwürdigkeit. Davon sind 2,7 Millionen Auskünfte an Verbraucher, die ihre Daten einsehen wollen. Im Jahr 2019 belief sich der Umsatz auf 212 Millionen Euro. Quelle: wikipedia

Jetzt ist also alles geklärt, Ahmet freut sich über seine „weiße Weste“. Und denkt: Jetzt kann ich meine Mitgliedschaft bei der Schufa ja wieder kündigen. Aber das geht nicht, teilt ihm die Wiesbadener Aktiengesellschaft mit. Die Mindestdauer der Mitgliedschaft müsse zunächst erreicht sein. Und das ist sie erst im Mai 2022.

Wie es konkret zu der Datenpanne bei der Schufa gekommen ist, ob dem Lüdenscheider Ahmet Demir ein Schadensersatz zusteht, etwa wegen Rufschädigung oder falscher Anschuldigung oder nervlicher Belastung oder bezahlter Mitgliedsgebühren – diese Fragen bleiben unbeantwortet. Die Versuche unserer Redaktion, eine Stellungnahme von der Schufa zu erhalten, blieben unbeantwortet.

Eines weiß Ahmet Demir sicher: Er hat einen Namen, der „im Deutschen so ist wie Müller, Meier, Schulze“, lacht der Schulhausmeister. Das erkläre, warum es oft zu Verwechselungen kommt. „Allein in Lüdenscheid heißen drei Männer so wie ich.“

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