Im Kampf gegen Klimawandel und Borkenkäfer

Hier wächst der Zukunftswald

Fritz Grüber, ehemaliger Förster und seit fast 20 Jahren im Ruhestand, kümmert sich um die Aufforstung privater Waldflächen. Hier zeigt er, wie eine junge Eiche vor Wildverbiss geschützt werden muss.
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Fritz Grüber, ehemaliger Förster und seit fast 20 Jahren im Ruhestand, kümmert sich um die Aufforstung privater Waldflächen.

Es ist ein Zeichen der Hoffnung: Auf den ersten Borkenkäfer-Brachen rund um Lüdenscheid wächst ein neuer Wald heran. Ein Knochenjob für die Pflanzer, ein Signal für die Zukunft des Waldes.

Lüdenscheid - „Der Kolkrabe“, sagt der alte Lüdenscheider Förster, „kriegt jetzt auch Probleme.“ Alles hängt eben voneinander ab. Sorgenvoll blickt er dem Vogelpaar nach, das krächzend über abgeholzte Schrägen Richtung Othlinghausen kreist. Viele der großen, zusammenhängenden Waldbestände, an die der Vogel gebunden ist, sind verschwunden. Und der Rabe kreist verloren über Brachen. Und über Stämme-Stapel aus Borkenkäferholz, die auf ihren Abtransport warten.

Unten, auf dem schlammigen, mit Geäst und Rindenresten übersäten frischen Brachland kümmert sich Fritz Grüber (81) immer noch um seinen Wald. Seit fast 20 Jahren ist er im Ruhestand. 20 Jahre sind nicht viel für die Waldwirtschaft. „Das kann sich kein Unternehmer vorstellen, diese Produktionszeiträume.“ Nur Unkosten in den ersten 30, 40 Jahren: „Nach dem Pflanzen kommt die Pflege für 20 Jahre. Dann 20 Jahre wachsen lassen. Und dann kann der Waldbesitzer vielleicht etwas ernten.“

Gerade ist Pflanzphase. Das Borkenkäferdrama könnte irgendwann ein Happy End haben. Dafür arbeiten Menschen wie Maximilian Nauheimer hart. „Das werden tolle Wälder“, sagt er. Ein Zeitfresser sei die Arbeit. Und sie geht ins Kreuz. Der Forstwirt pflanzt gemeinsam mit anderen Helfern schon seit zehn Tagen auf dieser Fläche den Wald der Zukunft an. Säckeweise zu je 50 Stück wird er vorsichtig an Ort und Stelle getragen. 1 bis 1,50 Euro pro Stück; der Bedarf geht in die Hunderttausende. Doch hier liegen erst einmal 20 000 Pflänzchen geschützt bereit. Nein, Angst mache ihm diese Zahl nicht, sagt Maximilian Nauheimer und lacht: „Es ist eine nette Abwechslung zum Fichtenfällen.“ Zu dritt schaffen sie 1200 Setzlinge am Tag. Von Februar bis April ist Pflanzsaison. Ist es zu frostig oder zu trocken, leiden die empfindlichen Wurzeln.

Eine Reihe Buche, eine Reihe Douglasie, Lärche, Eiche. Alle zwei Meter eine. Von vorne nach hinten, den ganzen Hang. Auch Fichten. Fritz Grüber lässt auch Fichten pflanzen. Hätte er das „sooo komplizierte Fördermittelverfahren“ in Anspruch nehmen müssen, hätte er keine Fichten setzen dürfen. Aber er verpflanzt privates Kapital. Das ist nicht selbstverständlich. Natürlich sei die Wiederaufforstung privater Flächen auch ein finanzielles Problem, erzählt er. Viele Waldeigentümer hätten so gut wie nichts übrigbehalten durch den Borkenkäfer-Kahlschlag. „Wir haben große Sorge, dass Großflächen nicht wieder angepflanzt werden.“

Keine Umnutzung ohne Ausgleich

Es gebe Begehrlichkeiten, solche Flächen für eine andere Nutzung ins Auge zu fassen – Landwirtschaft, Gewerbegebiete –, weiß der derzeitige Lüdenscheider Förster Marcus Teuber. Doch da ist die Rechtsprechung vor: „In der Gesamtbilanz darf es nicht sein, dass wir weniger Wald kriegen.“ Keine Umnutzung ohne Ausgleich.

Zumindest diese Sorge muss sich Fritz Grüber nicht machen. Er forstet auf und sieht keinen Grund, warum die Fichte keine Zukunft haben sollte. „Wenn wir dieses Wetter jedes Jahr haben, können wir die Waldwirtschaft sowieso einstellen“, sagt er, und die Sorgenfalten werden wieder etwas tiefer. Im Moment überwiegt die Zuversicht, die Hoffnung. Deshalb lässt er auch einige Fichten pflanzen. Der Bedarf sei einfach da. Vieles werde aus Fichtenholz gemacht. Holzhäuser, zum Beispiel: „Den ökologischen Fußabdruck von Stahl und Aluminium, den darf man sich nicht angucken“, findet er: „Holz ist von der Ökologie her viel günstiger, und wir haben den Rohstoff vor der Tür.“ Jedenfalls irgendwann wieder, wenn alle Pflänzchen angehen. 2020 hat er schon eine andere Fläche aufforsten lassen – „da sind fast 100 Prozent angegangen“, freut er sich. Alles richtig gemacht.

Nach dem Pflanzen kommt der Schutz. Um jede kleine Lärche wird ein Stachelbaum gebunden. Jedes unscheinbare Mini-Stämmchen der vom Rehwild heiß geliebten Eiche bekommt ein Akazienpfählchen zur Seite gestellt. Beides wird umschlossen von einem knallgrünen Kunststoffnetz, das sich in zehn Jahren zersetzen soll. In der Zeit kann die leckere Eiche aus der Gefahrenzone wachsen.

Zukunftsplanung unter Zeitdruck: Bleiben die Flächen zu lange unbepflanzt, melden Brombeeren, Himbeeren und Adlerfarn Ansprüche an. Dieser Bewuchs, so weiß Grübers Nachfolger Teuber, müsse vor der Neubepflanzung mühsam entfernt werden. Deshalb begrüßt er schnelle Reaktionen wie zum Beispiel im Bereich Grebbecke, wo ebenfalls eine abgeräumte Fläche in der Verlängerung des Holbeinweges wieder bepflanzt worden ist.

Fritz Grüber will circa 50 Hektar in fünf Jahren aufgeforstet haben. Einfach wird das nicht, denn es gibt eine natürliche Begrenzung: „Die Pflanzen werden im Einkauf sehr knapp werden“, ahnt er. Sie müssen in Baumschulen gezogen werden, wo sie zwei bis vier Jahre verbleiben, bevor sie ein Wald werden dürfen. Es nutzt nichts, man braucht Geduld: „Wir müssen wieder anpflanzen“, sagt der alte Förster, „für das Wasser, die Luft, das Klima, die Erholung.“ Und für den Kolkraben, natürlich.

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