Drei Haare auf der Brust

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Bernd Stelter schlüpfte einmal mehr in viele Rollen und belustigte die Zuschauer im Kulturhaus.

LÜDENSCHEID - An Klampfe und Klavier, auf dem Gymnastikball, oder in schlichter Vertrautheit mit dem Publikum plaudernd hat Bernd Stelters Auftritt im Kulturhaus richtig Spaß gemacht. Zudem ist sein jüngstes Programm „Mundwinkel hoch!“ klug gestrickt, niveauvoll und kurzweilig unterhaltend. Das Publikum im Kulturhaus genoss – und ermunterte Stelter am Ende heftig applaudierend zu mehreren Zugaben.

Von Ulf Schwager

In Deutschland, dem Land hängender Mundwinkel, tritt Stelter fürs innere und äußere Lifting ein. Schließlich verbrennt der Mensch mit zehnminütigem Lachen so um die fünfzig Kilokalorien. Das ist mehr als bei normalem Sex. Stelter denkt da keineswegs über mögliche Synergien nach, führt lieber zu Leibniz und Voltaire. Bei Leibniz ist unsere Welt die beste aller möglichen, und Spötter Voltaire kündete dereinst, da es der Gesundheit zuträglich sei, habe er beschlossen, glücklich zu sein.

Mensch in Deutschland aber bedeute häufig, die Mundwinkel nach unten und die Weltsicht negativ ausgerichtet zu haben. Barde Stelter darauf mit der Klampfe im Anschlag: „Ich hab heute ärgerfrei.“ Er schon. Eine Frau im Publikum hat Kreislaufprobleme. Hurtig kommen von Stelter herbeigerufene Helfer herbei, die Frau wird aus dem Publikum über die Bühne hinaus geführt. Stelter „Helmut“ als Eso-Alternativer von Karma, Aura, Buddha und Margarine beschwingt auf dem Weg zum Yoga Kurs: „Meditieren ist besser als rumsitzen und nichts tun...“ Schräg sägt Stelter rhetorisch in skurril aufgezogene Szenen und Binnenwelten hinein und reizt auch im schwarz angehauchten Witz elegant Grenzen sprachlicher Logik aus: „Ich hänge mich erst auf, wenn alle Stricke reißen...“

Eine Feuerwerk jugendsprachlicher Konstrukte feuert Stelter in einer seiner besten Szenen ab. Sechzehn Jahre alt, „Hosenbund in der Kniekehle und die Mundwinkel verdammt weit oben“ beschreibt er seinen Jugendlichen. Da empfiehlt er dem Publikum, da viele wie „Ötzi Reloaded“ aussähen, einen Gang in die „Änderungsfleischerei“. Ein „analoger Asphalt-eBay“ (Flohmarkt) bringt ihn mit dem Buch „Grimm“ von dem Autoren „Gebrüder“ in Kontakt. Schon fährt er auf die Geschichte mit dem „Kanalkermit“ (Froschkönig) ab, möchte seine Traumfrau mit der goldenen Abschleppöse im linken Nasenloch nach Gebrüderart beeindrucken. Geht daneben. Mal launig, mal nachdenklich im Liede, bietet Stelter auch Zeit zum Luftholen. Eso-Herbert schlängelt sich Optimismus versprühend durchs Programm, und die Zahl seiner Missgeschicke nimmt zu. Die Mundwinkel hoch und jetzt singen alle miteinander: „Ich hab drei Haare auf der Brust, ich bin ein Bär.“

Das Stelter-Programm „Mundwinkel hoch!“ hebt sich insgesamt meilenweit von dem im Genre gern gepflegten Wettbewerb um Spracharmut und praktizierter Hirnleere ab. - Ulf Schwager

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