Juristische Scharmützel verlängern den Prozess

Lüdenscheid - Das Urteil sollte eigentlich fallen. Doch der Strafprozess gegen den 120 Kilo schweren Schläger aus Lüdenscheid wird sich bis in den Dezember erstrecken. Grund dafür ist ein juristisches Scharmützel, das Strafverteidiger Andreas Trode gegen die Kammer eröffnet hat. Es geht um die Qualität des psychiatrischen Gutachtens der Sachverständigen Dr. Susanne Kowohl von der Hans-Prinzhorn-Klinik des Landschaftsverbandes in Hemer.

Die 55-jährige Chefärztin der Psychiatrie und Psychotherapie hat einen schweren Stand in diesem Prozess. Einerseits hat es der Angeklagte auf Anraten seines Verteidigers abgelehnt, sich untersuchen zu lassen. Andererseits soll sie in der Hauptverhandlung qualifizierte Aussagen zur Frage der Schuldfähigkeit des 28-Jährigen oder zur Notwendigkeit seiner Unterbringung in einer Entziehungsanstalt machen.

Doch die Ärztin beruft sich auf die „ungünstige Ausgangslage“ und „nicht optimalen Bedingungen“ und trifft ihre Feststellungen nach eigenen Worten lediglich anhand der Aktenlage und den Eindrücken, die sie im Laufe des Prozesses von dem wuchtigen und bis zum Hals tätowierten Mann gewonnen hat.

Die Erkenntnisse, die sie daraus gewonnen hat, entsprechen aber nicht der Auffassung des Iserlohner Rechtsanwaltes. Laut Dr. Susanne Kowohl gibt es nämlich „keine Hinweise auf eine erheblich eingeschränkte Steuerungsfähigkeit“ des Angeklagten zur Tatzeit. Nichts deute auf Schwachsinn oder mindere Intelligenz, krankhafte seelische Störungen oder eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung hin. „Festgestellt werden kann nur der Hinweis auf Alkohol- und Drogenmissbrauch.“

Das will der Verteidiger nicht gelten lassen. Die Gutachterin habe immerhin die Möglichkeit gehabt, seinem Mandanten und den Zeugen alle relevanten Fragen während der Hauptverhandlung zu stellen. Außerdem moniert Andreas Trode, dass die Wahl der Richter überhaupt auf die Hemeraner Psychiaterin gefallen ist. Schon vor dem Prozess hat er versucht, einen anderen Sachverständigen bestellen zu lassen, war aber gescheitert und beklagt sich nun beim Vorsitzenden Richter Till Deipenwisch über den verletzten „Grundsatz der Fairness“.

Dies und die Tatsache, dass das Gericht nicht nur eine Verurteilung wegen erpresserischen Menschenraubes, sondern auch wegen gefährlicher Körperverletzung und Raubes in Erwägung zieht, sorgen für Verzögerungen. Plädoyers und Urteilsverkündung werden verschoben. Überraschend will sich der Angeklagte nun doch untersuchen lassen. Im drohen im Falle eines Schuldspruchs mindestens fünf Jahre Gefängnis.

Der Prozess wird am 5. Dezember um 9 Uhr im Saal 101 fortgesetzt.

Von Olaf Moos

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