Diese werdende Mutter sucht nach dem Vater ihres Kindes

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Joanna Kitzi als "Marquise von O." in der Inszenierung des Jungen Theater an der Ruhr.

Lüdenscheid – Der progressive Einstieg mit harten Schlagzeugklängen lässt ahnen, dass man hier nicht unbedingt klassisches Theater zu erwarten hat. Vor mehr als 200 Jahren legte Heinrich von Kleist die Novelle „Die Marquise von O.“ vor. Am Mittwochabend zeigte das Junge Theater an der Ruhr seine eigene Interpretation jener dramatischen Geschichte um die Marquise und ihre scheinbar unbefleckte Empfängnis.

Kriegerisches Getöse empfängt an diesem Abend die rund 300 Gäste im großen Theatersaal, lautstark dargebracht von Schlagzeuger Oliver Kerstan, lebhaft untermalt von herumgeworfenem Mobiliar. Zu viel Gebrüll, Gepolter, Schüsse – und leider geht darin eine der Schlüsselszenen der Bühnenadaption unter.

Die Ohnmacht der Marquise und die vermeintliche Rettung durch den Grafen F., der sich später als Vergewaltiger herausstellen wird. Und eben weil man nicht gleich dahinter kommt, dass die Rettung der Marquise durch den Grafen nicht ganz so uneigennützig war, fliegt ihm die Sympathie des überwiegend jungen Publikums im Saal zu. Graf F. (Nico Ehrenteit) zeigt einen enormen, fast schon akrobatischen – zumindest aber hyperaktiven Einsatz, springt mit bemerkenswerter Performance aus dem Stand auf die Estrade, Salti, Leiter rauf und runter – ein Superheld halt, ein Engel inmitten der Kriegsgräuel, der dennoch die Marquise Julietta (Joanna Kitzi) während ihrer tiefen Bewusstlosigkeit vergewaltigt hat.

Nur allmählich wird es leiser auf der Bühne, werden Worte und Taten verständlicher. Wochen später stellt die Gerettete fest, dass sie schwanger ist. An die Zeugung kann sie sich nicht erinnern. Für ihren Vater ist das die boshafte Lüge zur Verschleierung sexueller Eskapaden. Thomas Schweiberer gibt den gestrengen, militärisch geprägten Vater, Gabriella Weber die Mutter, mit der sich Marquise so manch brillantes Wortgefecht liefert. Per Anzeige sucht die werdende Mutter den Vater des Kindes. Der Graf bietet sich augenblicklich als Ehemann an, doch ob nun aus Liebe oder Schuldgefühl bleibt in Esther Hattenbachs Inszenierung im Dunkeln.

Einen eher schalen Beigeschmack hat am Ende die Versöhnung der Marquise mit dem Vater, auf dessen Schoß sie Platz nimmt wie ein kleines Mädchen, gestreichelt und geherzt wird, beobachtet von der Mutter durch ein Schlüsselloch. Dass Gabriella Weber eben dieses Schlüsselloch mit einem unter dem Bühnenrand verborgenen Akkuschrauber bohrt, ist nur eines der vielen kleinen, slapstick-artigen Momente der Inszenierung. Dazu gehören auch die rassistischen Ausfälle des Vaters, der nur zu gerne „die Mauer wieder“ hochziehen würde, um sich vor dem „Russen-Gesockse“ und ihren „fetten Weibern“ zu schützen. Oder sein minutenlanger Weinkrampf, per Video übertragen auf eine Leinwand, oder die Marquise, die in direkter Zielansprache nach dem Vater des Ungeborenen im Zuschauerraum sucht: „Hast Du mit mir geschlafen?“

Die Sprache mal exakt wie in der Kleist'schen Novelle, mal angelehnt an die Neuzeit, das Ensemble im Zuschauerraum, die Interaktion mit dem Publikum – 90 pausenlose Minuten hielten in Atem und bescherten dem Ensemble den gebührenden Beifall.

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