Immer wieder halten Leute die Regeln nicht ein

Jugendliche flüchten: Unterwegs mit der Corona-Streife im MK

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Nijazi Alija und Nadine Hager vom Lüdenscheider Ordnungsamt gehen in der Innenstadt Streife und kontrollieren, ob die Passanten das Kontaktverbot einhalten.

Es ist 15.30 Uhr am Nachmittag. Die Sonne scheint, als die Mitarbeiter des Lüdenscheider Ordnungsamtes, Nadine Hager und Nijazi Alija, ihre Streife durch die Innenstadt beginnen. Auf den Stufen am Sternplatz sitzen – anders als vor Corona – nur wenige Menschen und auch in der Wilhelmstraße ist nur wenig los. Die Atmosphäre kommt einer Geisterstadt sehr nah.

Lüdenscheid – Einzelne Personen, maximal zu zweit, kommen ihnen entgegen. Kein Vergleich zu früher. Die Blicke dieser wenigen Passanten ruhen auf Nadine Hager und Nijazi Alija. Allen ist bewusst: Die beiden kontrollieren, ob jeder die Regeln des Coronavirus bedingten Kontaktverbots einhält. 

Maximal zwei Personen dürfen gemeinsam unterwegs sein, ausgenommen ist die direkte Familie und Personen, mit denen man in einem Haushalt lebt. Und auch zwischen den erlaubten Kontakten sollten mindestens zwei Meter Abstand zueinander eingehalten werden.

Geisterstadt 

Auf dem Weg in Richtung Stern-Center sehen die Ordnungsamtsmitarbeiter auf der Wilhelmstraße dann doch eine kleine Gruppe: Fünf Personen stehen eng zusammen. Das sind nicht nur drei zu viel, auch der Abstand von zwei Metern wird nicht eingehalten. Die Gruppe scheint die Ordnungsamtsmitarbeiter noch nicht bemerkt zu haben. Doch dann blickt einer von ihnen auf. 

Sofort wird der Abstand zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern größer. Nadine Hager fragt: „Sie wissen, warum wir Sie ansprechen?“ Der Mann, der die beiden als erstes erblickte, sagt: „Wir dürfen hier so nicht stehen, woll?“ Und fügt an: „Aber wir sind alle Geschwister.“ Ob das stimmt... 

Und auch das würde nicht ausreichen, wenn sie nicht auch zusammen wohnen. Die Gruppe ist jedenfalls einsichtig und löst sich schnell in verschiedene Richtungen auf. Die Streife geht die Wilhelmstraße weiter hinauf in Richtung Erlöserkirche. 

In der Wilhelmstraße trifft das Ordnungsamt auf eine fünfköpfige Gruppe. Das sind drei Personen zu viel und auch der Abstand von zwei Metern wurde nicht eingehalten.

Eine kleine Familie – Eltern mit zwei kleinen Kindern – läuft ein gutes Stück vor dem Ordnungsamt her. Sonst ist kaum jemand anzutreffen. Lediglich einzelne Personen. Das ändert sich auch nicht, als sie weiter in Richtung Werdohler und Kluser Straße gehen. „So leer war die Kluser Straße noch nie“, sagt Nijazi Alija. 

Normalerweise – vor Corona – seien hier viele Passanten unterwegs. Es ist ähnlich geisterhaft, wie in der Innenstadt. Daran merkt das Ordnungsamt: Viele Menschen halten sich an die Maßnahmen. Die beiden haben jedoch bewusst diesen Weg gewählt, denn sie kennen die Punkte, an denen sich Personen nicht an die Regeln halten und sich Gruppen treffen. 

Auf ihrem Weg kontrollieren Nadine Hager und Nijazi Alija auch Gastronomiebetriebe und Einzelhandelsgeschäfte. Ein Abholservice ist für Gastronomie- und Einzelhandelsgeschäfte zwar erlaubt, aber es dürfen sich nicht mehrere Personen in den Räumen aufhalten. Im Vorbeigehen macht es den Anschein, als sei jemand in einem Restaurant an der Kluser Straße. Die Tür ist jedoch verschlossen und das Licht scheint auch aus zu sein. Alles nach Vorschrift. 

„Am Anfang gab es noch sehr viele Nachfragen und Unsicherheiten. Einige Läden hatten noch unerlaubt geöffnet, aber mittlerweile ist es besser geworden“, sagt Nijazi Alija. Während das Ordnungsamt die Gaststätte inspiziert, wurden die beiden Mitarbeiter bereits von einer Gruppe Männer entdeckt, die weiter oben an der Straßenecke zum Kluser Platz zusammen auf einer Mauer sitzt. 

Die Männer nutzen ihren Vorteil, dass sie die Streife zuerst und schon von Weitem sehen und ändern ihre Position, bevor diese bei ihnen ankommt. 

Illegale Treffen und eine Anzeige 

Sie sitzen nun alle zwei Meter auseinander und ein vierter steht mit ausreichendem Abstand vor ihnen. „Da können wir in dem Moment nichts machen. Sie halten den Abstand ein“, sagt Nadine Hager. 

Das sei nicht selten. Sobald das Ordnungsamt erblickt wird, wird auseinandergerutscht oder einen Schritt zurückgegangen. Die Regeln scheinen den Menschen also vollkommen bewusst zu sein. Warum halten sie diese dann nicht von vornherein ein? 

Die Streife des Ordnungsamtes setzt ihren Weg fort. Über die Werdohler Straße geht es zurück zum Sternplatz und über die Knapper Straße weiter zur Knapper Schule. Der Schulhof ist abgesperrt. Eigentlich dürfte sich hier niemand aufhalten. „Hier treffen sich regelmäßig Jugendliche“, wissen Nadine Hager und ihr Kollege es besser. Und tatsächlich: Hinter der Außentreppe am Gebäude hat sich eine größere Gruppe Teenager versammelt. 

Auch die Jugendlichen wissen, dass das verboten ist. Denn sobald sich das Ordnungsamt ihnen nähert, rennen sie sofort in verschiedene Richtungen davon. Einige der Jungen lachen dabei sogar. „Es wäre gut, wenn sie nicht nur an sich selbst, sondern auch an ihre Eltern denken würden, die eventuell auch schon über 50 sind. Auch wenn sie als junge Leute vielleicht keine gravierenden Folgen von dem Virus tragen, gilt das nicht unbedingt für ihre Verwandten“, sagt Nijazi Alija. 

Auch an der Versetalsperre gehen die Mitarbeiter des Ordnungsamtes Streife.

Das scheinen die Jugendlichen einfach nicht zu begreifen. Die Jugendlichen sind weg. Was bleibt, ist das gelöste Absperrband an Treppe, Geländer und Fußballtor. Nadine Hager und Nijazi Alija machen sich daran, die Absperrung wieder zu befestigen. Dann geht es wieder zurück zum Sternplatz. 

Nach wie vor sind hier nur wenige Menschen unterwegs. Vor dem Bistro stehen zwei Männer zusammen, die sich unterhalten. Zwei Personen sind erlaubt. Nijazi Alija möchte sie trotzdem darauf hinweisen, dass sie besser einen Abstand von zwei Metern zueinander einhalten sollten – zum Schutz vor dem Coronavirus. Der eine Mann sieht den Einwand des Ordnungsamtes ein und sagt: „Da haben Sie recht.“ 

Der andere zeigt überhaupt kein Verständnis, er ist uneinsichtig. Als man ihn nach seinem Personalausweis fragt, weigert er sich zudem, diesen auszuhändigen. „Den hab ich nicht dabei“, behauptet er. Als Nijazi Alija sagt: „Dann rufe ich jetzt die Polizei, damit diese ihre Identität überprüfen kann“, versucht der Mann, sich mit schnellen Schritten zu entfernen. Der Ordnungsamtsmitarbeiter geht ihm hinterher, versucht, ihn aufzuhalten, und stellt sich ihm in den Weg. 

Letztendlich händigt der Mann der Streife seinen Personalausweis aus. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, Nijazi Alija in einer Tour zu beschimpfen. Als er seinen Ausweis wiederbekommt, zeigt er dem städtischen Mitarbeiter den Mittelfinger und geht davon, weitere Beschimpfungen von sich gebend. Den Mann erwartet nun nicht nur ein Bußgeld, sondern auch eine Anzeige wegen Beleidigung. 

Die Abendstunden 

Nach einem kurzen Stop im Büro, geht die Streife weiter. Dieses Mal mit dem Auto. Nicht nur in der Innenstadt wird Präsenz gezeigt, auch an anderen bekannten Treffpunkten der Stadt, wie in der Othlinghauser Straße, an der Versetalsperre oder an anderen Schulhöfen. An diesen Punkten steigen die beiden aus und schauen sich um, wo sich eventuell Gruppen aufhalten. Und auch Supermärkte werden angefahren, um zu kontrollieren, ob dort die Abstände eingehalten werden.

Ihr nächster Halt ist die Versetalsperre. Mittlerweile ist es 18 Uhr und gerade die sonnigen Abendstunden nutzen die Bürger nach der Zeitumstellung, um Zeit an der frischen Luft zu verbringen, während es noch hell ist. Dann komme es auch öfter zu Verstößen. An der Klamerbrücke ist viel los. Ein Auto reiht sich auf dem Wanderparkplatz an das nächste und viele Bänke sind besetzt. Allerdings werden die Personenanzahl und der Abstand eingehalten. 

Die Streife führt ihren Weg über die Brücke fort und geht die Runde um das Vorbecken ab. Auf dem Weg erhalten Nadine Hager und ihr Kollege einen Anruf von der Polizei. Jugendliche an der Knapper Schule wurden gesichtet. Schon wieder. Die beiden sind mitten auf dem Rundweg. Bis sie an der Schule wären, wären die Jugendlichen vermutlich wieder weg. 

Sie rufen die Kollegen an. Denn während des Coronavirus’ sind immer zwei Streifen mit jeweils zwei Personen in der Stadt unterwegs. Die Kollegen sind zufällig sogar in der Nähe und übernehmen die Knapper Schule. Die Streife an der Versetalsperre kann also fortgesetzt werden. 

Ob Jogger, Familien oder einzelne Spaziergänger, immer wieder begegnen dem Ordnungsamt Leute. Sie alle scheinen sich jedoch an die Regeln zu halten. Während des gesamten Weges stellen die beiden keinen Verstoß fest. „Im Großen und Ganzen kann man Lüdenscheid loben. Ausreißer gibt es immer, aber sehr sehr viele halten sich an die Regeln“, sagt Nijazi Alija.

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