Jugendamt: Junger Serientäter "vom Weg abgekommen"

Ziel der Täter im Mai: die Spielhalle "Goldmine".

LÜDENSCHEID - Im Prozess gegen die beiden jungen Räuber und Einbrecher prallen - in mehrfacher Hinsicht - zwei Welten aufeinander. Das zeigte am Donnerstag die Fortsetzung des Prozess gegen die Lüdenscheider vor dem Landgericht Hagen.

So wenig, wie die beiden Angeklagten in punkto Bildung und sozialer Herkunft zueinander passen, so krass sind aus Sicht der Opfer die Unterschiede zwischen der offenkundigen kriminellen Energie und Gewaltbereitschaft der Täter auf der einen und den Einschätzungen des Jugendamtes auf der anderen Seite.

Im Zeugenstand sagen traumatisierte Opfer aus, die die Erlebnisse seelisch noch gar nicht verdaut haben. Eine 51-jährige Kassiererin, die in der "Goldmine" ein Messer am Hals hatte, ist seither arbeitslos. Sie weint, während sie über ihre Angst, schlaflose Nächte und Nervosität berichtet. Eine Hausfrau erinnert sich: "Ich habe nur an meine Kinder gedacht." Und fährt die Angeklagten an: "Was habt ihr euch nur dabei gedacht? Mann kann doch auch arbeiten gehen!"

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Der Besitzer der "Goldmine" beziffert den Schaden, den die Räuber veursacht haben, auf rund 1200 Euro. "Aber der materielle Schaden ist ja wohl das Geringste!" Die Aushilfe aus den "Spielstuben", eine 53-jährige aus Werdohl, erwähnt "wochenlange Herzprobleme". Und ein Imbiss-Betreiber vom "Knapp", der in mutiger Verzweiflung mit einem langen Döner-Messer auf das Duo losgegangen ist, sagt: "Ich zittere immer noch, wenn ich daran denke." Er könne abends nicht mehr arbeiten. Die Angeklagten bitten jeden einzelnen der Zeugen kleinlaut um Verzeihung. "Ich schäme mich dafür", sagt der Jüngere. "Mir war nicht bewusst, was wir anstellen", der Ältere.

Die Jugendgerichtshelferin der Stadt eröffnet den Juristen einen Blick auf die Lebensläufe der Angeklagten. Der 19-Jährige entstammt demnach einem intakten Elternhaus, hat Abitur und einen Studienplatz, fühlte sich laut Bericht der Sozialpädagogin aber "emotional vernachlässigt" und sei auf der Suche nach der eigenen Identität gewesen und "vom Weg abgekommen. Er hat sich da mit reinziehen lassen". Weil eine Haftstrafe sich "negativ auf ihn auswirken könnte", empfiehlt die Frau vom Jugendamt eine Bewährungsstrafe.

Davon ist beim mutmaßlichen Rädelsführer der Verbrechen keine Rede. Aber er ist laut Jugendamts-Bericht "in äußerst schwierigen Verhältnissen aufgewachsen" und hat in der Familie Armut und Gewalt erleben müssen. Durch seinen Kriegseinsatz in Afghanistan habe er sich aufgewertet gefühlt. Danach begann er, hoch verschuldet, ein Doppelleben. "Er definierte sich übers Geldausgeben." Die Jugendgerichtshilfe bescheinigt ihm "Reifeverzögerung". - omo

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