Jürgen Linnepe verkauft Drehleiter Baujahr 1955

Will sich schweren Herzens von der alten Drehleiter trennen: Jürgen Linnepe (links), hier mit seinem Bruder Rolf auf ihrem Betriebsgelände an der Heedfelder Straße.

LÜDENSCHEID ▪ Vor 56 Jahren war sie der letzte Schrei, heute ist sie eine der letzten ihrer Zunft, und jetzt steht sie zum Verkauf: die erste Drehleiter der Feuerwehr Lüdenscheid, die sich mit Motorkraft ausfahren ließ. Anfang der 1990er Jahre hatten Getränke-Großhändler Walter Linnepe und sein Sohn Jürgen das Gefährt aus dem Baujahr 1955 von der Stadt erstanden.

Die wusste nicht mehr wohin mit dem alten Schätzchen, als damals die Belgier-Hallen in Hellersen zu räumen waren. Die Linnepes nahmen sich des ausgedienten Lebensretters an und steckten einiges hinein, um ihn wieder flottzumachen. Fortan nutzten sie die Drehleiter, um Wimpelketten für die Feste der Bürgerschützen an Laternen aufzuhängen, als Kinderspaß, Ausstellungsstück und Umzugshelfer. Lange stand das Vehikel der Baureihe Mercedes-Benz Typ 312 mit dem Metz-DL-25-Aufbau auf dem Betriebsgelände an der Heedfelder Straße. Zuletzt musste es dann in eine Scheune auf der Homert.

Das Führerhaus der DL 25 gleicht dem Inneren einer Gartenlaube – komplett aus Holz gebaut, wirkt es urig und gemütlich. Kaum zu glauben, dass diese Drehleiter jahrzehntelang in Lüdenscheid und Brügge zu lebensrettenden Einsätzen ausrückte. Doch anno 1955 war sie die erste ihrer Art, deren Leiter nicht mehr von Hand herausgekurbelt werden musste, eine echte Errungenschaft also. Das Kurbeln ist im Notfall indes möglich – bis heute, so wie eigentlich alles an dem Mercedes-Fahrgestell und dem Metz-Aufbau tadellos funktioniert.

Noch-Besitzer Jürgen Linnepe zeigt es: Da warnt eine kleine Alarmglocke im Dunkeln vor Schiefständen, die mit Lot und Gewicht festgestellt werden. Da funkeln die (von der Feuerwehr nachgerüsteten) Blaulichter, da fangen Fallhaken die nur durch ihr Eigengewicht wieder herabrutschenden Leitern zuverlässig ab. „Dafür mussten wir eigens ein Team der Firma Metz anfordern“, berichtet Linnepe.

Mit seinem inzwischen verstorbenen Vater Walter, für den sich mit dem Kauf 1990 ein Traum erfüllte, hegte und pflegte Jürgen Linnepe das Gefährt, besserte Schäden aus, brachte es zum Lackieren nach Dortmund und meldete es als „selbstfahrende Arbeitsmaschine“ beim TÜV an. Zuvor hatte Lüdenscheids Feuerwehrlegende Adolf Triffo den Linnepes nochmal alle Funktionen erklärt. „Er war ja einer der letzten, die das noch wussten.“

5000 D-Mark flossen als Kaufpreis seinerzeit in die von Kämmerer Dr. Jürgen Schmitz gehütete Stadtkasse. Ein Mehrfaches davon steckten die Linnepes dann in die Herrichtung. Deshalb will Jürgen Linnepe das Schätzchen, von dem er sich jetzt aus Platzgründen schweren Herzens trennt, auch nicht verschenken. In gute Hände soll es zudem kommen, und möglichst nicht allzu weit weg. „Wenn solch ein Fahrzeug erstmal aus der Stadt ist, dann auf Nimmerwiedersehen.“ Immerhin, eine ähnliche Leiter aus Altena, wenn auch zwei Jahre jünger, würde es dann bei Mercedes Jürgens noch geben. Im Daimler-Museum in Stuttgart fand Linnepe indes sein Originalgefährt als Ausstellungsstück. „Da traute ich meinen Augen nicht.“

Was haben die Linnepes mit ihrer 24,60 Meter langen Leiter in 20 Jahren nicht alles angestellt. So hievten sie damit bei einem Umzug Möbelstücke durchs Fenster oder befestigten als leidenschaftliche Bürgerschützen vor den Festen in luftiger Höhe die Wimpelketten an Häusern und Laternen. Oftmals war die Leiter auch „die“ Attraktion auf Kindergeburtstagen oder Ausstellungen, zuletzt noch 2010 zum Feuerwehr-Jubiläum in Attendorn.

Aber das Schönste ist und bleibt das Fahren. Der Motor, dank Turbolader für den Feuerwehrdienst von ursprünglich 90 auf 115 PS hochgejazzt, springt augenblicklich an und schnurrt wie eine Nähmaschine. Jürgen Linnepe beherrscht den Wagen, als wäre er Feuerwehrmaschinist, problemlos schlängelt sich die Leiter auch durch die enge Knapper Straße – und hat die Show im Kasten: Passanten machen große Augen, Kinder jubeln. In einem Klappfach entdecken wir dann noch alte Schlauchbrücken und die Holzstange, mit der Brückenhöhen geprüft wurden, damit die Leiter beim Durchfahren nicht ab riss.

So bleibt nur zu hoffen, dass die DL 25 wirklich einen Abnehmer in Lüdenscheid findet. Es wäre jammerschade um das rollende Stück Stadtgeschichte.

Interessenten können sich melden beim Getränkefachgroßhandel Linnepe in Lüdenscheid, Telefon 02351 / 65 45. Zu diesem Bericht gibt es auf //www.come-on.de auch eine Bildergalerie.

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