Die heile Welt im Glottertal

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Immer gern parodiert: Dieter Bohlen alias Jürgen B. Hausmann.

Lüdenscheid - Die Kulisse war so dermaßen retro, dass einem die Augen schmerzten: Gelbe Tapete mit bräunlichen Ornamenten, eine stilisierte 60er-Jahre-Küche, Resopalplattentisch, Wachstuchdecke. Das einzig moderne Element stand weiter rechts: Das Keyboard des Musiker Harald Claßen. Und mittendrin ein Mann, der eigentlich Jürgen Beckers heißt und im bürgerlichen Leben Lehrer für Latein, Griechisch und Geschichte war. Den Namen wechselte er in Hausmann, Jürgen Becker als Kabarettisten gab es schließlich schon. Vor ausverkauftem Haus stellte Jürgen B. Hausmann sein aktuelles Programm vor: „Wie jeht et? Et jeht!“.

Kalauer, Witze, Wortspiele – die karnevalistische Herkunft des Rheinländers war offensichtlich. „Die Siegerländer haben auch gelacht“, sagte er zum Einstieg in den Abend, als sich das Publikum noch verhalten amüsierte, „aber da waren wir schon wieder im Bus.“ Zack, der saß. Und fortan bemühten sich die Fans im Saal, mit dem Lachen hinterher zu kommen. Unzusammenhängend war zunächst das, was Hausmann erzählte. Ein bisschen über Hunde („Der Kleine hier heißt Baby-bel“), ein bisschen was über seinen Pianisten Harald Claßen, ein bisschen was über Männer, die beim Shoppen auf ihre Frauen warten. Und schnell wurde klar: Der Mann schaut dem Volk aufs Maul. Er hört zu, wenn andere miteinander reden, beobachtet, nimmt den Alltag als Inspiration für seine Bühnengeschichten, macht den Dialog zwischen „ihm“ und „ihr“ beim morgendlichen Zähneputzen zum Wortwitz und achtet auf die Feinheiten des rheinischen Dialektes. Vom „Jong“ ist da die Rede, der „jongt“, wenn einer rein will. Nicht zu verwechseln mit dem Jung’, der „jongt“, wenn er kommt, aber wenn der Jung’ geht, „jongt’s“ nicht.

Nur wenige Minuten, dann sang Hausmann gemeinsam mit Claßen das erste Lied, dem viele weitere Adaptionen auf bekannte Melodien wie Petula Clarks „Downtown“, Roy Blacks „Schön ist es auf der Welt zu sein“ oder auch Remmlers „Da, da da“ folgten. Und je mehr er sang, desto deutlich traten auch die stimmlichen Qualitäten eines Jürgen B. Hausmanns hervor, die in der Imitation der goldenen Stimme aus Prag und der Titelmusik der Zeichentrickverfilmung „Biene Maja“ gipfelten. Nach der Pause dann der Parforceritt durch all die kleinen Erinnerungen an die 60er-, 70er- und 80-er-Jahre, an Wim, Wum und Wendelin, an Professor Brinkmanns heile Welt im Glottertal, das Bonanza-Rad, die Coca-Cola-Tonne, der Gummibaum und Frank Elstners „Wetten, dass“. In Muttis Küche wurde am Tisch gequatscht – „da brauchte man keine App für“. Das vielköpfige Publikum goutierte den Ausflug in die eigene Jugend mit eifrigem Kopfnicken und jeder Menge Lachtränen. Die Frage danach, wer Nena endlich den 100. Luftballon gibt, konnte nicht abschließend geklärt werden, und bei einem Querschnitt der 80er-Jahre durfte natürlich die Parodie auf Modern Talking nicht fehlen – „der eine hieß Dieter Bohlen und der andere – anders“.

Mehr als zwei Stunden unterhielt der Rheinländer die Sauerländer und ließ sie am Ende musikalisch mit dem VW Käfer und fünf Leuten (Oma statt Unterhaltungselektronik auf der Rückbank zwischen den Enkeln) von Lüdenscheid nach Rimini fahren. Eine Zugabe erlaubte sich Hausmann, der sich im Gegensatz zu manch anderem Kabarettisten die heimischen Örtlichkeiten zwischen Halver und Meinerzhagen angelesen hatte – „dann müssen wir aber jeh’n“. Als Sahnehäubchen entließ er seine Fans mit dem Lied der Berge – „La Montanara“ – in die Winternacht.

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