Urkunde fürs Virtuelle Museum

Erinnerungen an das "Eisenbahnerdorf" Brügge

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Diese kunstvoll gestaltete Urkunde erhielt der Brügger Eisenbahner Friedrich Weiher 1930.

Lüdenscheid – Jubiläen können in so ziemlich jedem Zusammenhang gefeiert werden. Sie bieten Anlass zur Rückschau, zum Innehalten und Ausblicken, aber auch zum Danksagen für geleistetes Engagement und Treue. Um ein solches Jubiläum geht es im Virtuellen Museum: Das neuen Exponat ist eine Gedenkschrift zur 25-jährigen Mitgliedschaft von Friedrich Weiher in der Gewerkschaft der Lokomotivführer – und zwar in der Ortsgruppe Brügge in Westfalen.

Der genaue Wortlaut: „Jubiläums-Gedenkblatt, ihrem verehrten Mitgliede Herrn Friedrich Weiher in Anerkennung seiner treuen Mitarbeit in der G.D.L. und aus Anlaß seines 25-jährigen Dienst-Jubiläums (Fahrdienst-Jubiläums) gewidmet von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer“. Das Dokument stammt aus dem Jahr 1930 und wurde am 16. Juli ausgestellt. Unterzeichnet ist es sowohl vom damaligen Vorsitzenden des Gesamtverbandes in Berlin, Josef Warstein, sowie von drei Mitgliedern des Ortsverbandes Brügge Schürfeld, Grube und Halsbauer. Soweit die Fakten rund um das reich verzierte und edel gedruckte Dokument. 

Betrachtet man das Papier als eine historische Quelle, verbergen sich dahinter viele Eckpunkte, die eine genauere Betrachtung wert sind, auch wenn zu der Urkunde nicht dokumentiert ist, wie sie in den Besitz der Museen gelangte und wer Friedrich Weiher war. Das fängt mit der genannten Ortsgruppe an – „Brügge i.W.“: Jüngere Leute werden sich heute gar nicht mehr daran erinnern, dass Brügge nicht nur ein eigener Ort und kein Stadtteil von Lüdenscheid war, sondern zudem auch noch gerne als das „Eisenbahnerdorf“ bezeichnet wurde. Diese, von den Brüggern liebevoll und mit stolz getragene Bezeichnung verwies auf den zentralen Verkehrsknotenpunkt, den der Bahnhof in Brügge über Jahrzehnte bildete. Mit Zugverbindungen in drei Richtungen hatte der Bahnhof in Brügge eine weit größere Bedeutung als der in Lüdenscheid.

Zahlreiche Eisenbahner wohnen und arbeiten in Brügge 

Zwischen 1871 und 1893 wurde die Strecke der Volmetalbahn von Hagen bis Dieringhausen gebaut und nach und nach eröffnet. Im September 1874 war der Bahnhof Brügge an der Reihe, damals als vorläufiger Endpunkt. Erst 1880 wurde die Strecke sowohl nach Lüdenscheid als auch nach Oberbrügge weitergeführt. Als 1910 die Verbindung zwischen Oberbrügge und Wipperfürth zur Wuppertalbahn in Betrieb ging, brachte das zusätzlichen Verkehr nach Brügge. 1913 wurde die Strecke zwischen Hagen und Brügge zweigleisig ausgebaut. 

Aufgrund der großen Bedeutung, die der Verkehrsknotenpunkt in Brügge (Westfalen) hatte, entstanden rund um das Bahnhofsgelände zahlreiche Wohnungen für die Eisenbahner. Viele Einwohner waren im Bahnhofsbetrieb beschäftigt. Auch die Bahnhofsanlagen wurden ständig erweitert. 1927 erhielt der Bahnhof ein großes Empfangsgebäude, das später mehrfach umgebaut, aber schließlich 2009 wegen Einsturzgefahr abgerissen wurde, und das Reiterstellwerk, das heute noch vorhanden ist und unter Denkmalschutz steht.

Die Eisenbahn und die damit entstandenen Arbeitsplätze waren der Grund, warum das Dörfchen Brügge, das 1839 gerade einmal 28 Einwohner zählte, Ende des 19. Jahrhunderts regelrecht boomte. Wegen der rasanten Zunahme des Schienenverkehrs wurde auf einem einstigen Fabrikgelände nach 1914 die Eisenbahn-Betriebswerkstätte Brügge, eine damals moderne Lokomotiv- und Wagenbehandlungsanlage, eingerichtet. Auffällig war der um ein Drehscheibe herum gebaute Ringlokschuppen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die Bahnstrecken rund um Brügge an Bedeutung, bis sie zum Teil ganz aufgegeben wurden. Erst vor etwas mehr einem Jahr wurde der Personenverkehr auf der Volmetalbahn zwischen Lüdenscheid und Meinerzhagen und weiter in Richtung Köln reaktiviert. 

Eine der ältesten Gewerkschaften

Im Gegensatz zur früheren Bedeutung des Eisenbahn-Standorts Brügge dürfte die GDL, die Gewerkschaft der Lokomotivführer, zumindest Bahnfahrern mit Sicherheit auch heute noch ein Begriff sein. Denn deren Tarifauseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber belasten immer wieder auch den Bahnverkehr. Darüber hinaus ist sie eine der ältesten Gewerkschaften in Deutschland mit einer mehr als 150-jährigen Geschichte.

Bereits 1867 wurde der Verein Deutscher Lokomotivführer (VDL) gegründet. Solche Verbände boten den Mitgliedern unter anderem eine Unfallkasse, eine Rechtsschutzversicherung und die Unterstützung Not leidender Lokführerfamilien. Zum 1. Januar 1920 wurde aus dem Verband die GDL. Die Weimarer Verfassung, die auch Beamten die Koalitionsfreiheit einräumte, hatte die Grundlagen für die Gewerkschaftsgründung geschaffen.

Anfang der 1930er-Jahre – also zu der Zeit als Friedrich Weiher sein Dienst- und Mitgliedsjubiläum feierte, hatte die GDL mehr als 70 000 Mitglieder. In der NS-Zeit wurde der Verband, der wieder in VDL umbenannt worden war, in den Reichsbund der Deutschen Beamten eingegliedert. Erste Ortsverbände der GDL wurden 1946 wieder gegründet. 1949 fand die erste Generalversammlung nach dem Zweiten Weltkrieg statt; dabei wurde der Beitritt zum Deutschen Beamtenbund beschlossen.

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