Interview mit dem obersten Corona-Bekämpfer Volker Schmidt

MK: An manchen Tagen schwänzt jeder Fünfte seinen Impf-Termin

Volker Schmidt
+
Volker Schmidt

Das Personal im Impfzentrum steht bereit, doch an manchen Tagen kommen bis zu 20 Prozent der Impflinge gar nicht erst zu ihrem Termin.

Märkischer Kreis - Darüber ärgert sich Volker Schmidt, der oberste Corona-Bekämpfer des Märkischen Kreises, im Gespräch mit Willy Finke. Doch er hat auch Mut machende Nachrichten.

Herr Schmidt, wie steht es um die Impfquote in den Impfzentren und bei den Hausärzten?

Die Quote wird insgesamt besser. Wir haben durch den Start der Hausärzte und durch die Vollauslastung der Impfzentren in Lüdenscheid und Iserlohn einen guten Stand erreicht. Am vergangenen Freitag haben wir die Marke von 100 000 geknackt, jetzt liegen wir schon bei weit über 110 000 Erst- und Zweitimpfungen.

Wie lautet Ihre Prognose für die nächsten Wochen?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich diese Entwicklung gut fortsetzt und die Lage in einigen Wochen recht entspannt sein wird. Das hat auch damit zu tun, dass die niedergelassenen Ärzte immer intensiver einsteigen werden. Es gibt natürlich immer eine gewisse Unsicherheit bei den Impfstoff-Lieferungen.

Aus dem Kanzleramt hieß es am Donnerstag, die Impfpriorisierung könne ab Ende Mai oder Anfang Juni aufgehoben werden. Deutet das auf die von Ihnen angesprochene Entspannung hin?

Wir hatten am Mittwoch noch eine Videokonferenz mit dem Land, bei der es um die Priorisierungen ging. Dabei war eine solche Perspektive noch in keiner Weise zu erkennen. Wenn’s so kommt, wäre es aber ein sehr gutes Signal, dass es genug Impfstoff gibt.

Würde Ihnen der Wegfall der Prioritäten auch die Arbeit erleichtern?

Ja, wir haben immer noch viele Anfragen von Menschen, die laut Priorisierung noch nicht an der Reihe sind. Ihnen absagen zu müssen ist weder für uns noch für die Betroffenen angenehm. Diese Anfragen binden natürlich auch Arbeitskräfte bei uns.

Entspannung Anfang Juli in Sicht

Was meinen Sie, wann die Bevölkerung durchgeimpft sein wird?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir einen wesentlichen Teil der impfwilligen Bürger Anfang Juli versorgt haben werden. Die große Hoffnung ist auch, dass dann die Zahl der Infizierten spürbar zurückgeht.

Wer einen Impftermin hat, der nimmt ihn dann auch wahr?

Nicht immer. Wir haben durchaus ein Problem im Impfzentrum, dass eine ganze Reihe von Menschen Termine buchen und dann einfach nicht kommen. Das kann unterschiedliche Gründe haben – zum Beispiel, dass jemand parallel einen Termin beim Hausarzt hat und sich dann im Impfzentrum nicht abmeldet.

Von wie vielen Menschen reden wir da?

Das kann schon bis in die Größenordnung von 20 Prozent gehen. Das ist immer wieder ärgerlich, weil an dem betreffenden Tag der Impfstoff übrig bleibt und man schauen muss, ob man über Reservelisten mühselig versucht, Leute zu akquirieren. Oder man startet eine Aktion wie am vergangenen Samstag – einen kurzfristigen zusätzlichen Impftag bei den Hausärzten.

Nun haben eine ganze Reihe unter 60-Jähriger noch vor der entsprechenden Warnung eine Astrazeneca-Erstimpfung bekommen. Wird ihre Zweitimpfung mit einem anderen Vakzin erfolgen?

Genau. Da ist dann ein mRNA-Impfstoff empfohlen, also beispielsweise der von Biontech. Im Einzelfall kann nach Rücksprache mit dem Arzt aber auch Astrazeneca verimpft werden.

Das gilt dann ausdrücklich nur für die unter 60-Jährigen?

Ja. Die Generation „Ü60“ wird auch in der Zweitimpfung Astrazeneca bekommen.

Ist es absehbar, dass auf Astrazeneca ganz verzichtet wird?

Nein. Bis jetzt ist Astrazeneca ein erheblicher Baustein in der gesamten Impfstoff-Versorgung. Darauf kann man gar nicht verzichten. Nach allen Einschätzungen ist es ja auch ein guter und wirkungsvoller Impfstoff.

In Plettenberg ist ein 85-jähriger Altenheim-Bewohner trotz Komplett-Impfung an oder mit Corona verstorben. Haben Sie dazu Erkenntnisse?

Grundsätzlich haben wir durchaus schon einige Impfdurchbrüche (Erkrankungen trotz Impfung, die Red.) gerade in Pflegeeinrichtungen erlebt – auch in anderen Landkreisen, zuletzt in der Stadt Hagen.

Wie war es im Plettenberger Fall?

Hier gab es eine sehr selten auftretende schwere Symptomatik mit klinischem Verlauf. Deshalb werden wir da noch einmal sehr genau hinschauen. Wir stehen mit dem Robert-Koch-Institut in Kontakt, für das ein solcher Fall auch von Interesse ist.

Man kann also trotz Impfung erkranken?

Ja, eine Covid-Schutzimpfung ist keine Vollkaskoversicherung. Man kann trotz Impfung erkranken. Das sind dann in der Regel leichte Verläufe. Man hat als Betroffener einen Schnupfen oder eine Erkältung, muss aber nicht ins Krankenhaus.

Hatte der Plettenberger Patient denn möglicherweise schwere Vorerkrankungen?

Der Patient hatte schwere Vorerkrankungen.

Am Donnerstag waren knapp 32 Prozent der Intensivbetten im Kreis mit Covid-Patienten belegt. 25 Prozent gelten als kritische Marke. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

Die Situation in den Krankenhäusern ist sehr angespannt. Wir sind in Gesprächen auch mit der Bezirksregierung darüber, Patienten vereinzelt nicht auf Intensivstationen im Märkischen Kreis aufzunehmen, sondern in Nachbarkreisen. Allerdings ist Hagen zum Beispiel noch stärker betroffen als wir.

Wie konkret sehen Sie die Triage-Gefahr?

Die sehe ich im Augenblick nicht.

Reichen die gegenwärtigen Lockdown-Maßnahmen im Kreis und die ab Samstag geplanten bundesweiten Maßnahmen aus?

Das kann ich zurzeit noch nicht sagen. Spürbare Effekte zum Beispiel bei der Ausgangssperre sind erst nach frühestens zwei Wochen zu erwarten und jetzt tatsächlich noch nicht zu erkennen. Zurzeit liegen wir im Kreis relativ konstant bei einem Inzidenzwert von gut über 200. Unser ständiger Appell bleibt: Tragen Sie Schutzmasken, reduzieren Sie Ihre Kontakte!

Die Kontaktnachverfolgungs-App Luca ist jetzt auch im Märkischen Kreis in Betrieb. Gibt es erste Erfahrungen?

Wir haben die Schnittstelle, machen Tests. Aber im Augenblick ist das noch nicht von großer Bedeutung, weil wir ja praktisch kaum Öffnungen haben. Luca und auch andere Apps werden aber bei unserer künftigen Öffnungsstrategie eine wichtige Rolle spielen.

Herr Schmidt, sind Sie selbst inzwischen geimpft?

Ja, einmal mit Astrazeneca. Bei der Ü60-Aktion vor knapp drei Wochen konnte ich mich tatsächlich anmelden. Telefonisch bin ich nicht durchgekommen, aber online im dritten Versuch. Für mich war es ein Glücksfall, dass das geklappt hat. Darüber bin ich sehr froh.

Haben Sie Impfreaktionen, Nebenwirkungen gespürt?

Nein, es ist alles gut verlaufen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare