"Lüsterklemme"

Der Meister hat gesprochen

+
Jean-Philippe Kindler stellte am samstagabend sein Programm im Kulturhaus vor.

Lüdenscheid – Er ist reifer geworden. Und anders. Nur wenig ist noch da von dem jungen Slammer, der 2016 wie aus dem Nichts beim Poetry-Slam „World of Wordcraft“ auftauchte. Jean-Philippe Kindler stellte sich am Samstagabend im nahezu ausverkauften Garderobensaal des Kulturhauses im Rahmen der Lüdenscheider Kleinkunsttage der Beurteilung der Jury.

„Hier hat meine Karriere quasi begonnen“, erinnert sich der Slammer, Moderator und Comedian vor rund 160 Gästen. Stimmt. Von Null auf Hundert räumte er mit Höchstpunktzahlen die „Goldene Feder“ ab, nahm sie mit ins heimische Düsseldorf und in den Folgejahren einen Titel nach dem anderen auch. Am Karnevalssamstagabend nun sein abendfüllendes Programm „Mensch ärgere Dich“.

Ihm ist wichtig, dass man auch negative Gefühle wie Wut, Hass, Enttäuschung verbalisieren muss. Die Wut zum Beispiel, gegen seine drei Neffen von 92 Runden „Mensch ärgere Dich nicht“ 91 verloren zu haben. Erste Lacher im Publikum, weitere folgen bei einer Powerpoint-Präsentation mit unterschiedlichen Spielbrettern – eins für Flüchtlinge, eins für Rechte, eins für Frauen. Ein wenig geht's gegen Philipp Amthor, ein bisschen gegen Jens Spahn, ein bisschen für Fridays for Future. Und die fünf Gründe, warum man Plastiktüten unbedingt braucht – zum Beispiel, weil man sich nach einem herrlichen Sommertag am Kemnader See fragen muss: „Wohin jetzt mit der nassen Badehose?“

Viele ernste Gedanken sind eingeflochten in die erste Hälfte des Programms, die der NRW-Meister im Poetry Slam ausspricht, immer mal wieder verbunden mit der Kontaktaufnahme zum Publikum. Worte, über die es nichts zu lachen gibt, die „witzfrei sind“, wie er selbst sagt. Mit einem Gedicht geht's in die Pause, ein echter Slam über Gedanken und solche, die man sich nicht traut, auszusprechen.

Produktionsassistentin Laura Wieczorek begrüßte für die erkrankte Kulturhausleitern Rebecca Egeling die Gäste.

Und da ist er plötzlich wieder, der Wortakrobat, der im Stakkato reimt, der sonst Satzgefüge über Männer und Männlichkeit, männliche Überheblichkeit, Frauen, Fußball und Einparken ins Mikro hämmert, schneller, als das Hirn des Zuhörers die Worte verarbeiten kann. Nach der Pause kommt Lali ins Spiel. Offensichtlich war sie Gast in der Vorrunde der NRW-Meisterschaft 2018 in der Phänomenta, bei der Kindler moderierte – „da warst Du echt scheiße drauf“ sagt sie vernehmlich in einem Moment der Stille im Saal, von denen es am Samstagabend fast schon zu viele gibt.

Kindler nimmt's gelassen, Lali wird zum Running Gag der zweiten Halbzeit. Weiter geht's mit Sprüchen gegen die Religion. Singen kann er nicht, der Comedian, aber es ist anzunehmen, dass er das selbst weiß. So beschränkt er sich auf Sprichwörter erläuternden Sprechgesang, fordert interaktiv vom Publikum Tiergeräuschen für Verliebte ein. Halb zehn ist ganz plötzlich Schluss.

Natürlich habe er eine Zugabe vorbereitet, sagt Kindler, eine über Wut. Und plötzlich wirft er sein Manuskript über Bord, spricht über die Ereignisse in Halle und Hanau, redet sich in Rage, appelliert flammend daran, auf- und zusammenzustehen. Und jetzt sei Schluss, er käme auch nicht wieder auf die Bühne. Ein seltsames Ende für einen Samstagabend im Rahmen eines Festivals wie der „Lüdenscheider Lüsterklemme“.

Kindler ist nicht auf der Jagd nach Pointen, nach Schenkelklopfern oder Flachwitzen. Er nutzt inzwischen Bühne und Bekanntheitsgrad mehr für politische Statements, denn für Spaß und Unterhaltung. Wer's mag, hat ihm am Samstagabend hohe Punktzahlen gegeben.

Nikita Miller erzählte am Freitagabend auf der Kleinkunstbühne von seiner Jugend.

Bereits am Freitagabend stellte sich Nikita Miller bei den Kleinkunsttagen vor. Waren beim Auftakt der Kleinkunsttage noch Lücken in den Stuhlreihen auszumachen, so waren sie beim Auftritt Millers gut gefüllt.

Gute zwei Meter, Streichholzfrisur, durchtrainiert und mit dem typischen russischen Akzent stieg der „Storyteller“ (Geschichtserzähler), wie er sich selbst nennt, wie sein Vorredner Kolja Fach mit einer Bahnfahrt ein in sein Programm. Samt Freundin sei er mit dem Flix-Train unterwegs von Stuttgart nach Berlin gewesen. Blumig schilderte er, was einem bei solch einer Billigfahrt alles widerfahren kann.

Die zweite Story läutete dann quasi den Beginn des restlichen Abends ein: Nikita Millers Teenagerzeit mit seinen Freunden Viktor, Oleg und Vadim. Und nicht zu vergessen: „deutsche Freund Lars“. Bis zur Pause gab’s Geschichten aus der fünften Klasse, die sich nur um eins drehten: die Entdeckung der Pornografie. Nach der Pause immer noch Victor, Vadim, Oleg, Nikita und „deutsche Freund Lars“, diesmal in der achten Klasse und glühende Fans des Gangster-Rappers Tupac – nur halt ohne Goldkette. Das Leben der Teenager bestand aus coolen Sprüchen – „Mädchen sind was für Schwuchteln“. Und immer wieder der Vater und der russische Onkel Leo mit ihren Lebensweisheiten – „Es spielt keine Rolle, ob du heiratest oder nicht – du wirst beides bereuen“.

Nikita Miller schaltet das Kino im Kopf ein, lässt Bilder lebendig werden und dem Publikum die Chance, den angefangenen Satz selbst zu Ende zu denken. In seiner Vita liest man, dass es für den gebürtigen Kasachen schwer gewesen sei, seine Bestimmung zu finden. Er schnupperte in den Arbeitsalltag eines Umzugshelfers, Türstehers und Bandarbeiters, erzielte Erfolge als Kampfsportler, verkaufte Schmuck aus dem Kofferraum, absolvierte ein zweites Studium in den Bereichen Philosophie und Rhetorik. Am Ende landete er auf einer Kleinkunstbühne und hat dort (s)eine Nische gefunden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare