„Jammern kann jeder, Hängenlassen ist feige!“

LÜDENSCHEID ▪ Zwei Jahre ist das her: Glatteis in der Silvesternacht. Der Sturz und der Trümmerbruch im rechten Arm werfen ein Leben aus der Bahn. Antje Geyer erleidet im Rettungswagen eine Lungenembolie. Das Herz hört auf zu schlagen, der Notarzt reanimiert die Frau. Das größte Leiden der Lüdenscheiderin beginnt jetzt erst. Sie lächelt sanft und sagt: „Aber ich war immer schon eine richtige Kämpferin.“

Heute geht die 58-Jährige mindestens viermal pro Woche ins Fitness-Studio. Kerstin Mlitz, Club-Inhaberin von „Mrs. Sporty“ an der Knapper Straße, hat für Antje Geyer ein spezielles Trainingsprogramm entwickelt. Denn der Arm, sagt die Sportlerin, „der hängt einfach nur noch an mir runter, den trage ich nur spazieren“. Es geht darum, beweglich zu bleiben, den gelähmten Arm in winzigen Schritten wenigstens ein bisschen zu mobilisieren – und bloß nicht aufzugeben. Und dann sagt sie ihr Lebensmotto, in einem lässigen Tonfall, als wenn sie ein Kochrezept erklärt. „Jammern kann jeder, Hängenlassen ist feige.“

In den acht Monaten, in denen Antje Geyer im Klinikum um ihr Leben und einen Rest von Normalität kämpft, lernt sie neue Sichtweisen. Vor allem, nicht zurück, sondern nach vorn zu schauen. Bei einer Operation fängt sie sich einen Krankenhauskeim ein, es folgen Nierenversagen und ein Schlaganfall. Antje Geyer liegt im Koma. „Da hatte meine Familie es schwerer als ich.“ 17mal muss sie wegen Thrombosen im Arm notoperiert werden. Aber sie steht immer wieder auf. Und darf endlich nach Hause. Doch der Kampf der Lüdenscheiderin beginnt erst jetzt.

Die Tatsache, dass die gelernte Kauffrau nur kurz in ihrem Beruf gearbeitet und stattdessen Kinder, Mann und Haus versorgt hat, rächt sich heute. „Keine Kasse, keine Versicherung, keine Behörde hilft“, sagt Antje Geyer. Verbitterung klingt mit, als sie hinzufügt: „Man kann nur gesunden, wenn man Geld hat.“ Hilfsmittel für Zuhause, Krankengymnastik, ein Behindertenführerschein, der Kauf eines automatikgetriebenen Autos – „ich muss für alles selbst aufkommen“.

Das wissen die Besucherinnen von „Mrs. Sporty“. Den Erlös aus dem Verkauf des Kuchenbuffets spenden die Frauen ihrer behinderten Freundin. Antje Geyer ist das „Trara“ um ihre Person unangenehm, bei aller Freude. Jetzt kann sie ihr Auto behindertengerecht umrüsten. Und sagt doch tatsächlich: „Es gibt viele andere, die haben es nötiger als ich.“

Olaf Moos

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