James Bond, Ostwind und Tenet

Kinobetreiber aus MK: „Man kann kein Kino mit Til Schweiger retten“

James Bond Daniel Craig 007 Keine Zeit zu Sterben Verschiebung
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007 trennt im Filmpalast die Zuschauer, die kommen, und jene, die zufrieden nach Hause gehen.

Im Eingangsbereich des Filmpalastes an der Werdohler Straße steht James Bond. Auferstanden aus seinem Altersruhesitz auf Jamaika und einmal mehr auf der Jagd nach den Bösen. Natürlich nicht leibhaftig, sondern als Filmplakat – „Keine Zeit zu Sterben“. Doch die Premiere des 25. Films aus der James-Bond-Filmreihe und damit der fünfte und letzte Teil mit Daniel Craig in der Titelrolle wird möglicherweise statt „wertvoll“ das Prädikat „verschoben“ bekommen. Einen entsprechenden Aufkleber hat Kinobetreiber André Lubba schon aufkleben müssen, wie viele noch folgen, ist ungewiss.

Lüdenscheid - Der britische Geheimdienst reißt das deutsche Kino-Ruder in diesem Jahr nicht mehr herum. In Deutschland sollte der Film bereits am 2. April in den Kinos anlaufen. Corona machte den Plan zunichte. Kinobetreiber wie André Lubba und den Parktheater-Chef Robert Schütte wurden auf 12. November vertröstet. Anfang Oktober 2020 dann die nächste Hiobsbotschaft: Der US-Kinostart des Kassenschlagers wurde aufgrund der Einschränkungen in den Kinos durch die Corona-Pandemie erneut verschoben – diesmal auf den 2. April 2021. „In den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren war Kino hoch angesiedelt, weil man da das meiste Potenzial schöpfen konnte. Heutzutage machen die mehr Umsatz mit Streamingdiensten, DVD und Blu-Ray. Wir als Kino machen praktisch die Werbung dafür“, schaut Robert Schütte in eine mögliche, düstere Zukunft für die deutschen Kinos. 1100 Sitzplätze bieten er und sein Team an der Parkstraße an, ein Drittel davon ist durchschnittlich besetzt – „der wirtschaftliche Virus, der da jetzt auf uns zu rollt, trifft uns schlimmer als vorher“.

Constantin Film zieht die Starttermine für drei große Produktionen noch auf dieses Jahr vor. Mit dieser Entscheidung, so heißt es seitens der zentralen Interessensgemeinschaft der Kinobetreiber in Deutschland mit mehr als 600 Mitgliedsunternehmen, stelle sich Constantin Film „ausdrücklich an die Seite der deutschen Kinos, denen zuletzt mit der Verschiebung des neuen James Bond Films ein weiterer Hoffnungsträger im laufenden Kinojahr abgezogen worden war.“

Constantin folge dem positiven Beispiel von Warner Bros., die mit „Tenet“ als erster Verleih einen internationalen Blockbuster unter Coronabedingungen in die deutschen Kinos gebracht hatten. „Tenet“, sagt Lubba, „der läuft bei mir in der achten Woche. Ich krieg die 20 Leute abends in jeden der Säle, aber so ein Film gehört auf eine große Leinwand.“ Am Donnerstag hatte „Drachenreiter“ (nach dem Roman von Cornelia Funke) unter anderem auch an der Parkstraße Premiere. Am 12. November kommt „Kaiserschmarrndrama“, der bayerische James Bond (Franz Eberhofer) auf die Leinwand. Zielgruppe sei hier ein bayerisches Publikum, vermutet Schütte, dass sich der Run auf die Kinokarten in Grenzen halten wird.

Nachos für die Bond-Premiere hat Kinobetreiber André Lubba diesmal nicht bestellt.

„Monster Hunter“ mit Mila Jovovich soll Anfang Dezember folgen, ebenfalls „Ostwind – Der große Orkan“, und kurz vor Weihnachten dann „Contra“, der neue Film von Sönke Wortmann mit Christoph Maria Herbst. „Das ist alles von Constantin sehr löblich, aber ich sage immer: Wenn die Amerikaner uns keine Filme mehr geben würden, sind wir gekniffen. Die Leute wollen Action im Kino. Man kann mit Til Schweiger keine Kinolandschaft retten. Und auch nicht mit ‘Jim Knopf’“, sagt Schütte. Schlimmer noch: Wenn der Agent 007 seine Dienste nicht im Auftrag ihrer Majestät, sondern im Internet anbieten würde, wäre das ein weiterer Dolchstoß für die deutsche Kinolandschaft. Der US-amerikanische Abenteuerfilm „Mulan“ wurde im September kurzerhand auf dem Kanal Disney+ veröffentlicht. Auch für André Lubba sind das „Filme, die den Verleihern nicht wehtun. Aber je mehr Säle man hat, desto mehr macht’s die Masse derverschiedenen Filme.“

 „Wenn die auch nur einen Euro pro verkaufter DVD an die deutschen Kinos weitergeben würden, wäre das eine große Hilfe.

Robert Schütte

Ende September kündigte das Entertainment-Imperium Walt Disney die Streichung von 28 000 Stellen an. „Wenn die auch nur einen Euro pro verkaufter DVD an die deutschen Kinos weitergeben würden, wäre das eine große Hilfe“, so Schütte. Die Cineworld-Kette, weltweit zweitgrößter Kinobetreiber, habe bereits 600 Kinos vorübergehend geschlossen, in Radevormwald habe ein Kinobetreiber zum Beispiel nur noch von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Der Betreiber des Filmpalastes an der Werdohler Straße sieht das anders: „Ich bin zufrieden, so, wie es läuft. Wenn man das Kino als reine Geldmaschine betrachtet, hat man natürlich schlechte Laune. Aber ich hatte hier auch schon schlimmere Jahre als dieses. Selbstmotivation ist da wichtig. Insgesamt können wir uns alle wohl auf einen sehr harten Winter gefasst machen. Ich weigere mich, immer nur zu jammern. Wir haben so viel Zuspruch durch die Kunden während des Lockdowns bekommen. Ich brauche die Zuschauer.“ Seine neueste Idee: In den Herbstferien Vorstellungen mittag um zwölf zum verbilligten Preis für Kinder anzubieten.

Eigene Wege ging Robert Schütte (Parktheater) mit dem ersten Lüdenscheider Autokino an der Hohen Steinert, das er gemeinsam mit Christoph Schmalenbach (rechts) betrieb.

„Die haben ja nicht viel, was die machen können. Verreisen geht nicht, das Wetter ist schlecht. Also bieten wir Kinderfilme an den Rest der Ferien. Ich probier das mit drei verschiedenen Filmen und sehe nachher, ob das was gebracht hat.“

„Wer Maske im Saal tragen muss, der kauft keine Nachos mehr.“

Mehr Sorge als die neuesten Straßenfeger nicht zeigen zu können, bereitet ihm die Diskussion über eine Maskenpflicht im Kinosaal: „Davor hab ich eher Angst. Wer Maske im Saal tragen muss, der kauft keine Nachos mehr. Wir leben ja auch viel vom Nebengeschäft.“ Wichtig sei momentan nur, „da durch zu kommen. Bond ist ja nicht die Rettung der Kinos, sondern nur eine Verschiebung. Auf die Werte vom Vorjahr kommen wir sowieso nicht mehr. Wir dürfen zum Beispiel in NRW jeden Kinositz belegen. Müssen wir aber nicht, weil so viele Leute gar nicht kommen. Dieses Hin und Her ist schlecht. Es gibt keine einheitlichen Regeln. Das ist doch irre in so Grenzgebieten. Der eine darf dies, und 200 Meter weiter darf der andere das nicht. Wir müssen die Gäste in NRW nur registrieren. Und Scherznamen anzugeben, das geht bei einer Kartenbestellung im Internet nicht. Online ist da eine sichere Sache, was die Platzgenauigkeit angeht. Es denken noch immer viel zu viele an sich selbst. Ich habe sogar Verständnis dafür, dass der Bond wieder verschoben wurde. Den Verleihern geht es auch nicht sonderlich gut. Man kann so einen Millionenfilm nicht verjubeln.“

James Bond in Lebensgröße wird also weiterhin im Foyer des Filmpalastes stehen und vielleicht sich auch noch mehrere „Verschoben“-Aufkleber einfangen.

Momentan dient es als Trennwand zwischen ankommenden Kinogästen und denen, die zufrieden nach Hause gehen. Die Corona-Regeln wollen es so.

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