Vor 100 Jahren gründete Wilhelm Meister Tanzschule

Wilhelm Meister begründetete die Tanztradition der Familie. Vor 100 Jahren meldete er den Schulbetrieb in Wetter offiziell an.

LÜDENSCHEID - Die Tanzschule Meister war einst die erste Adresse für junge Lüdenscheider, die Walzer und Tango, aktuelle Modetänze und Benimm lernen wollten. 100 Jahre ist es her, dass Wilhelm Meister seine Tanzschule anmeldete.

Enkel Frank erzählt hier aus diesem Anlass die Familiengeschichte, die bis heute auch die Geschichte des Tanzes widerspiegelt. Wilhelm Meister, 1889 in Witten geboren, wurde von seinem Vater gezwungen, eine Lehre als Schlosser zu absolvieren statt Kunst zu studieren. Er bestand die Prüfung dieses zunächst ungeliebten Berufes mit Auszeichnung.

Als leidenschaftlicher Tänzer gab er aber auch seit 1911 Tanzunterricht. Erst 1913 wurde er von den Behörden aufgefordert seine Tanzschule anzumelden. Das geschah am 17. Juli 1913 bei der Polizeidirektion in Wetter. Musik für den Tanzunterricht lieferte ein Klavier- oder Geigenspieler. Wenn beide verhindert waren, spielte Wilhelm Bandoneon. Später kam dann das Grammophon mit Schellackplatten. Im 1. Weltkrieg wurde der versierte Schlosser und Feinmechaniker nicht an die Front geschickt.

Der jetzt in Werdohl lebende Wilhelm Meister gab weiterhin Tanzunterricht, auch wenn er damit so gut wie nichts verdiente. Getanzt wurde Quadrille, Krakowiak, Tirolienne, Marine-Polka und Valse Bleu. 1916 wurde Sohn Rudolf geboren. Zwei weitere Söhne starben an Lebensmittelvergiftung. Die Ehe mit seiner Frau Jenny- Hedwig zerbrach.

Nach dem Krieg lernte er seine spätere Frau Olga kennen und zog zu ihr nach Altena. Auch hier arbeitete er weiter als Mechaniker und gab Tanzunterricht im Gasthof Elverlingsen, bei Becker im Linscheider Bach, im Gasthof Wicke, in der Brachtenbecker „Uhle“. Später, als der Zulauf größer wurde, auch im Haus Lennestein und im Märkischen Hof. Damit auch der kommerzielle Teil des Unternehmens stimmte, wirkte segensreich, mit spitzem Bleistift und Argusaugen, Frau Olga.

Sie hielt es auch für selbstverständlich, die eingenommenen Geldscheine zu Hause glatt zu bügeln. Meister baute seine Tanzschule aus. Bald verkündete er auch in der Rahmede, im Versetal, in Nachrodt, Evingsen, Werdohl, Plettenberg und Listernohl den neuen Anfang mit Charleston, Black Bottom sowie Tango (damals auch Apachen-Tanz genannt). Auch bei Ausbruch des 2. Weltkrieges, wurde er nicht zum Militär eingezogen, denn Meister, der inzwischen noch die Prüfung als technischer Zeichner abgelegt hatte, war an der Entwicklung von Schalttafeln und Fertigung von Motoren beteiligt.

1932 gab er erstmals Tanzkurse in Lüdenscheid im Saal Streppel an der Kölner Straße. Im Dritten Reich wurden Prüfungen verlangt: Meister ließ sich bei Fritz Conradi in Dortmund schulen und erhielt den Verbandsamtlichen Befähigungsnachweis „ohne Vorbehalte“. Seine Kurse erreichte er oft nur noch mit der „Schnurre“, weil mehrfach sein Auto konfisziert wurde, um Soldaten an die Front zu bringen.

1942 hatten die Kriegsgeschehnisse ein allgemeines Tanzverbot zur Folge. Als 1945 sein Sohn Rudolf aus dem Krieg heimkehrte, überzeugte er den gelernten Gastronomen, Tanzlehrer zu werden und übergab ihm 1949 die Tanzschule in Lüdenscheid.

Zehn Jahre später, setzte sich Meister mit 70 Jahren zur Ruhe und überließ seinem Sohn auch die Tanzschule in Altena. Nach Olgas Tod 1968 nahm Rudolf seinen Vater in der inzwischen gebauten Tanzschule an der Weststraße auf, wo damit vier Generationen unter einem Dach lebten. Meisters gütige, humorvolle Wesensart hat ihn viele Brücken schlagen lassen von Mensch zu Mensch. Die Popularität dieses liebenswerten, volkstümlichen Mannes war groß.

Als Frank Meister sich 1975 selbstständig machte und auch in Altena unterrichtete, wurde er meistens nur als „Das ist der Enkel von Willi“ vorgestellt. Viele Anekdoten über den Großvater wurden ihm erzählt. Wie diese: Wilhelm Meister hatte mal wieder nachts viel zu lange gemalt. Als der Schützenzug mit der Blaskapelle an seinem Haus vorbei zog, schreckte er auf, rannte die Treppe herunter und marschierte mit...im Schlafanzug. Wilhelm Meister verstarb plötzlich und unerwartet 1974 mit 84 Jahren

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