Mit der Kanzel zu den Maschinen und den Arbeitern

Verkündigung der christlichen Botschaft am Ort der Maschinen, der Fließbänder und Fallhämmer-in einer vollbesetzten Halle.

Lüdenscheid - Sein 80. Geburtstag, den Jochen Moos, dienstältester Bläser im Kreisgebiet, vor kurzem feiern konnte, war für ihn ein Anlass, seiner Vergangenheit nachzuspüren. Der Lüdenscheider, der 1948 mit dem Blasen begonnen hat, holte den Ordner über die Geschichte der Betriebsmission hervor, den sein Vater Albert ihm hinterlassen hat.

Schleifermeister Albert Moos, Sprecher der Betriebsmission (vorn vor Pfarrer Deitenbeck und Bläsern stehend), dessen Sprache die Arbeiter verstanden. Seine „Kanzel“ war ein Schemel, eine Kiste oder ein Treppenabsatz

Albert Moos war einer der Männer, die diese gemeinsam mit Pfarrer Paul Deitenbeck aufgebaut hatten, und seine Söhne Jochen und Manfred gehörten zusammen mit Werner Crummenerl, Julius Krampe, Gustav Krampe, August Guttkowski, Werner Hastenpflug und Peter Raulf zu den Bläsern, die ihre Einsätze regelmäßig begleiteten. Sie alle waren nicht nur Posaunenbläser aus den Reihen des CVJM, sondern auch gute Sänger und bildeten zudem einen Mannschaft von Arbeitern, die bereit waren, über ihren Glauben zu reden.

Der entscheidende Anstoß zur Gründung der Betriebsmission, als deren „Vater“ Paul Deitenbeck gilt, kam vor 60 Jahren – also bereits im Jahre 1954 - von der Lüdenscheiderin Margarete Rodtmann. Als man sich seinerzeit in einem kleinen Kreis um Deitenbeck Gedanken über neue Wege der Evangeliumsverkündigung machte, schlug sie vor: „Sie müssten auch einmal in die Fabriken gehen!“

Nach mehrmonatiger Planungsphase begann man im Februar 1955 damit, in den Lüdenscheider Vossloh-Werken die christliche Botschaft am Ort der Maschinen, der Fließbänder und Fallhämmer zu verkündigen. In der Fabrikmission sah man einen neuen Weg, Arbeiter mit der Botschaft der Bibel zu erreichen: Wenn man nicht länger darauf warten wollte, bis die Akkordarbeiter, die Lehrlinge, die Angestellten und auch die Direktoren und Unternehmer zu den Kanzeln kamen, dann musste man eben mit der Kanzel zu den Maschinen gehen, einer „Kanzel“, die meistens aus einem Schemel, einer Kiste oder einem Treppenabsatz bestand. Die Termine für die „betrieblichen Feierpausen von Mensch zu Mensch“ – wie man die 30-minütigen Einsätze bezeichnete –, wurden im Vorfeld mit den Betriebsleitern abgesprochen, die die Erlaubnis geben und den Lohnausfall tragen mussten. Pfarrer Deitenbeck berichtete einmal, dass es so gut wie gar keine Absagen gab.

Aufmerksam lauschende Arbeiter in einer „betrieblichen Feierpause von Mensch zu Mensch“.

Sprecher der Fabrikmission war Jochen Moos‘ Vater, der Schleifermeister Albert Moos, der selbst Tag für Tag im Blauleinen an der Werkbank stand und eine Sprache sprach, die die Arbeiter verstanden. Außer ihm, der 1963 als Laienprediger ordiniert wurde, und den genannten Bläsern gehörte als weiterer Sprecher Hermann Rodtmann der Betriebsmissions-Mannschaft um Paul Deitenbeck an. Er war damals Theologiestudent, später Pastor in Bethel und in Afrika und lebt heute als Ruheständler in Herscheid. Manchmal verstärkten auch bekannte Evangelisten wie Dr. Gerhard Bergmann, Johannes Hansen und Wilhelm Busch das Team, und auch der damalige Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Dr. Ernst Wilm, nahm an einigen Einsätzen teil.

In der Regel kamen 99 Prozent der Belegschaft zu den „betrieblichen Feierpausen“. Die auf Geräten hockenden oder an Maschinen lehnenden Arbeiter verfolgten das Programm am Ort der täglichen Arbeit mit großer Aufmerksamkeit. Dieses Programm setzte sich aus einer Intrade der Posaunen und weiteren Musikstücken, Liedern, einer Ansprache und dem Zeugnis eines Lehrlings oder Werkmeisters zusammen. Ein Tag, an dem die „Mannschaft“ um Paul Deitenbeck es manchmal auf fünf bis sechs Einsätze brachte, begann bereits um 5 Uhr in der Frühe. Man versammelte sich im Vereinshaus Immanuel zum Gebetskreis, bevor man zum ersten Betrieb fuhr.

Die „Mannschaft“ der Betriebsmission: ganz links Pfarrer Paul Deitenbeck, 2.v.l. Jochen Moos als junger Bläser; 4.v.l. dessen Vater Albert Moos.

Insgesamt wurden in den zehn Jahren von 1955 bis 1965 rund 250 missionarische Einsätze in Fabriken durchgeführt – in Kleinbetrieben und in Unternehmen mit Belegschaften von 1000 Mann, und zwar nicht nur in Lüdenscheid und Umgebung, sondern im ganzen Bundesgebiet.

Das Echo auf die Einsätze der Betriebsmissionsmannschaft war durchweg positiv. Immer wieder bedankten sich Arbeiter für die „betrieblichen Feierpausen“ und erklärten, dass sie durch diese wieder den Weg in den Gottesdienst zurückgefunden hätten. 1965 musste der Dienst in den Betrieben wieder eingestellt werden, und zwar vor allem deswegen, weil Pfarrer Deitenbeck inzwischen durch seine zahlreichen Aufgaben zu stark in Anspruch genommen wurde und einige seine Mitarbeiter mittlerweile verzogen waren. Aber auch in der Industrie hatte sich so viel geändert, dass es für „die Kirche in der Fabrik“ keinen Platz mehr gab, die sogar über die Grenzen Deutschlands hinaus Aufsehen erregt hatte. - von Ingrid Weiland 

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