20 Jahre „Mein Wochenrückblick“: Das war’s

Drohung des Jahres 2012: Sei brav, Kind! Sonst holt dich die Tante und tanzt dich windelweich. Wenn du Pech hast, frisst sie dich auch noch auf!

LÜDENSCHEID - Seit 20 Jahren gibt es ihn nun in den LN – den „satirischen Wochenrückblick“. Zwei Jahrzehnte der ironischen Betrachtung des Stadtgeschehens: Viele Lüdenscheiderinnen und Lüdenscheider fanden sich im Kakao wieder, durch den wir sie gezogen haben. 20 Jahre „Wochenrückblick“ sollen dann aber auch genug sein – nicht ohne noch einmal zurückzublicken.

Vor allem aber, nicht ohne diejenigen ganz herzlich um Entschuldigung zu bitten, denen ich im Eifer des satirischen Gefechts bisweilen doch etwas zu heftig auf die Füße getreten haben mag.

Mittwoch, 27. Oktober 1993: Jörg Mehl gibt bekannt, dass er sein „Medardus-Bräu“-Projekt im bisherigen Schillerbad selbst finanzieren will – immerhin wahrscheinlich eine Investition in Höhe von drei bis vier Millionen Deutschmark. Da weiß man als alter „Stock“- und „Reidemeister“-Gast doch wenigstens, wofür man all die Jahre getrunken hat.

Donnerstag, 14. April 1994: Simon & Garfunkel kennen Sie doch sicher noch. Und vielleicht auch noch ihr schönes Lied „El Condor Pasa“, was Spanisch ist und auf Deutsch so viel heißt wie „Der Andengeier fliegt vorbei“. Das Konzert einer „Revival-Band“ des famosen Duos ist einer Zeitung aus der Umgebung von Lüdenscheid heute die Überschrift „Wenn der Condor über die Pasa fliegt“ wert. Kopf hoch, Condor – weiter über die Pasa brettern!

Mittwoch, 15. November 1995: Die Adolf-Reichwein-Gesamtschule schickt einen Brief an die LN-Redaktion. Adresse: Lessingstraße 20. Wir wohnen allerdings schon seit mehr als 100 Jahren an der Schillerstraße. Aber, so mag sich die gesamteste aller Schulen gedacht haben: „Lessing oder Schiller – irgendein Komponist wird’s schon gewesen sein.

Mittwoch, 2. Oktober 1996: Die SPD baut vor. Wenn Kämmerer Dr. Schmitz in Rente geht, soll sein Nachfolger eine Frau sein – aber nur, wenn sie Sozialdemokratin ist. Also insgesamt die Vertreterin einer Randgruppe. Mir persönlich wäre es auch recht, wenn der neue Lüdenscheider Schatzkanzler ein bisexueller Neger wäre, der soeben sein Silberjubiläum in der FDP feierte. Allerdings würde ich mir im Gegensatz zu den Sozis erlauben, auch mal (wenigstens ganz kurz) an den Gesichtspunkt „finanzielle Fachkompetenz“ zu denken.

Samstag, 8. November1997: Eine „Vision“ haben die Stadtwerke – und zwar ein „Sauna-Dorf“ am Nattenberg mit Freigehege, Frittenbude undsoweiter. Wenn dann hunderte nackerte Bergstädter jeden Alters und Geschlechts durch die Botanik wuseln, wird mein Freund, der Volksmund, rasch den passenden Namen für diese Anstalt haben: „Monte Zellulite“ oder „Orangerie“.

Freitag, 1. Mai 1998: Wenn Bratwurstduft über dem Sternplatz liegt und Hannes Wader am GEW-Stand per Lautsprecher den „Kleinen Trompeter“ wiederbelebt, dann ist wieder mal Maikundgebung. Klassenkämpferisch guckende Konrektoren und altgediente hauptamtliche Personalräte sagen der Regierung definitiv den Kampf an. Man hört Helmut Kohls ängstliches Zähneklappern bis nach Lüdenscheid.

Freitag, 10. Dezember 1999: „Gut gespielte Peinlichkeit ging bis an die Schmerzgrenze“ ist ein Bericht im LN-Kulturteil überschrieben. Seit wann berichtet unser lokales Feuilleton eigentlich über den Jugendhilfeausschuss?

Sonntag, 6. August 2000: SPD-Bundestagsabgeordneter Dieter Dzewas läuft völlig aus dem Ruder. Ohne irgendwelchen Wahlkampfzwang taucht er bei einem Seniorennachmittag der Johanniter auf und verteilt dort auch noch Blümchen. Der Mann versaut die Preise. Muss sein CDU-Mitbewerber Wolfgang Lohmann demnächst etwa sogar wieder mal persönlich in den Wahlkreis kommen? Das kann selbst Dzewas nicht gewollt haben.

Donnerstag, 7. Juni 2001: In ihrer Kirchengemeinde Oberrahmede leistet Pfarrerin Monika Deitenbeck-Goseberg wahrhaft Vorbildliches. Und auch im Obdachlosen-Freundeskreis hat sie sich erhebliche Verdienste erworben. Dort redet Oberrahmi-Moni aber auch von „Obdis“, die zu „Wohnis“ geworden seien. Heutzutage wird halt selbst die Apokalypse noch zum „Weltunti“ sprachgemetzelt.

Montag, 24. September 2002: Nein, natürlich ist das noch kein Thema. Niemand in der SPD spricht jetzt schon offiziell darüber, dass Dieter Dzewas bei der nächsten Kommunalwahl gegen den Mann, den sie Kalli nennen, antreten wird. Man will sein Pulver ja nicht frühzeitig verschießen. Aber gerüchteweise ist zu hören, dass die Mitleidigen unter den Sozialdemokraten bereits Winterkleidung für den amtierenden Bürgermeister sammeln. Weil der sich dann nämlich warm anziehen kann.

Sonntag, 18. Mai 2003: Noch immer freudentrunken ist Lüdenscheids High Snobiety von der „Inszenierung“ am Samstagabend im EGC-Gebäude. Schöne Männer mit Gel-Faktor 12 und ihre noch schöneren Begleiterinnen erfreuen sich an Sushi-Häppchen wie in Düsseldorf und „Action-Painting“ wie in Schwabing. Auch am Start eine „Event-Dekorateurin“, ein „Newcomer in der People-Fotografie“ und ein Friseur nebst live zu stylenden Models. Lüdenscheider Lifestyle eben. Iserlohner, habt ihr so ein Peoplepainting-Pillepalle auch? Nein? Wir beginnen, euch zu beneiden.

Dienstag, 23. November 2004: Tausende von Basaren gibt es in diesen Tagen in Lüdenscheid und Umgebung. Vom handgestrickten Kerzenhalter bis zur Pudelmütze aus fair gehandelter bolivianischer Meerschweinchen-Wolle ist alles zu haben, was das Gutmenschen-Herz höher schlagen lässt. Wo aber, bitteschön, bleibt die gekaufte Ware hinterher? Befindet sie sich vielleicht gar in einem ewigen Kreislauf von Basar zu Basar? Oder gibt es am Ende womöglich irgendwo im Ebbegebirge einen stillgelegten Stollen, in dem Milliarden von „hübschen Basteleien für den guten Zweck“ endgelagert werden?

Freitag, 25. Februar 2005: Eine „nicht zu überbietende Aufdringlichkeit, Unverfrorenheit und Penetranz“ attestiert Christel Gabler, das Juwel der CDU-Fraktion, einem Rats-Kollegen öffentlich in den LN. Und das, weil er in der Bauausschusssitzung partout Auskunft über einen bestimmten Tagesordnungspunkt des nichtöffentlichen Teils haben wollte. Reden ist eben doch nur Silber. Aber wie sangen schon die unvergessenen Tremeloes vor 38 Jahren: „Silence is Goldi“.

Freitag, 17. Februar 2006: Die Märkische Kliniken GmbH steht zurzeit nicht gerade rosig da. Ihr Chef ist als ehemaliger Kreis-Kämmerer ja Kummer gewohnt. Vielleicht sollte er sich allmählich auf Sponsorensuche machen. Bandenwerbung für Solinger Stahl im OP-Saal, Werbeaufnäher von Douglas auf den Krankenschwestern-Kitteln und Fotos von Dieter Bohlen bei der Behandlung von Verdauungsbeschwerden – denkbar ist das doch. Fehlt dann nur noch die Durchsage: „Ob Schmerz im Schädel, Druck im Busen – es hilft dir Bayer Leverkusen!“

Freitag, 2. November: 2007: Das ist bahnbrechend! Mit der Methode der „Aufstellung“, so schreibt die VHS, können Probleme gelöst werden. Dazu stellen sich Leute in einem Raum auf und verkörpern die diversen Handicaps, Gebrechen und Zielvorgaben. Ich seh‘ das schon vor mir, wie Klaus-Jürgen sagt: „Ich hab’ echt keine Lust mehr, jedes Mal Torbens Hämorrhoiden zu spielen.“ Und Eva-Christine antwortet: „Du musst schon ein Stück weit mitmachen. Kannst ja diesmal mein Vater-Komplex oder Ritas Reizdarm sein“.

Freitag, 5. Dezember 2008: Die Stadtverwaltung von Antalya will jetzt bevorzugt deutschsprachige Mitarbeiter einstellen – wegen der zahlreichen deutschen Immigranten. Denen könne ja nicht ernsthaft zugemutet werden, zügig die Landessprache zu erlernen. Glauben Sie nicht? Ich auch nicht! Aber in Lüdenscheid wird so etwas – unter umgekehrten Vorzeichen – allen Ernstes diskutiert.

Freitag, 30. Januar 2009: Regionale-Chef Dirk Glaser sagt über Südwestfalen: „Wir sind keine verschnarchte Gegend“. Wer könnte angesichts solcher Metropolen wie Latzbruch (bei Bad Berleburg), Nichtinghausen (bei Meschede), Blintrop (bei Neuenrade), Wildewiese (bei Plettenberg), Rüben-Kamp (bei Wenden), Lattenberg (bei Arnsberg) und Oberholzklau (im absoluten Niemandsland, aber irgendwie bei Siegen) und angesichts der 603 Meter hohen Kuhhelle bei Lennestadt auch nur auf eine solch abwegige Idee kommen?

Sonntag, 3. Oktober 2010: Besonders beeindruckt zeigen sich viele Lüdenscheider auch zum Abschluss der „LichtRouten“ von der Installation an der Ecke Freiherr-vom-Stein-Straße/Sauerfeld. Ein filigran gearbeitetes Metallgestänge wird gekrönt von einer bewusst schlicht gehaltenen Box mit vertikal angebrachten, von innen zyklisch illuminierten bunten Kunststoffscheiben. In welchem Rhythmus welche der runden Scheibe leuchtet, errechnet ein kompliziertes Computerprogramm. Und das Schönste daran ist: Auch nach dem Ende der „LichtRouten“ bleibt die Ampel stehen.

Freitag, 1. April 2011: Sozialdezernent Dr. Wolfgang Schröder will über sein 65. Lebensjahr hinaus noch zwei Jahre länger im Amt bleiben. Sein Vertrag lässt das zu. SPD-Fraktionsvorsitzender Ingo Diller erklärt postwendend, dass das überhaupt nicht in Frage kommt. Selbstverständlich hat das nichts mit Parteipolitik zu tun. Und keiner komme bitte auf die völlig abwegige Idee, eine solche Haltung sei menschlich doch ziemlich fragwürdig. Denn Ingo Diller würde genauso argumentieren, wenn Dr. Schröder der ruhmreichen SPD angehörte. Daran glaube ich ganz fest. So wahr ich Jan-Kevin Krawullke heiße.

Donnerstag, 5. Januar 2012: Die Herscheider sind auch nach sechs Wochen noch ganz begeistert von ihrem neuen Kreisverkehr. Immer wieder stehen Menschen in kleinen Gruppen zusammen, betrachten andächtig ihren schicken „Ebbe-Kreisel“ und stoßen kleine Schreie der Verzückung aus. Manch ein Ureinwohner kommt sogar zu spät zur Arbeit, weil er Runde um Runde dreht und es einfach nicht übers Herz bringt, den Kreisverkehr zügig zu verlassen. Und der Bürgermeister hat flugs festgestellt, der innerörtliche Verkehr habe sich „neu orientiert“. Jetzt fehlt nur noch der Werbeslogan „Kreiseln, wo andere Urlaub machen“.

Samstag, 16. Februar 2013: Ausgerechnet die Altstadt mit ihrem Kopfsteinpflaster und den schmalen, mehrgeschossigen Häusern soll nach dem Willen von NRW-Bauminister Groschek ein bevorzugtes Wohnquartier für Senioren werden. Da hoppelt der Rollator, und die Kniegelenke tanzen Treppenstufen-Tango. Egal. Hauptsache, der Herr Minister hatte seine Schlagzeile – und irgendwann wird auch bei Herrn Groschek der Groschen fallen.

Und was wäre der Rückblick

ohne die Kalauer...

- Manchmal staunt man ja doch über die eigene Zeitung. Da heißt es in den LN tatsächlich: „Ab Mittwoch Herbststricken in Oberbrügge“. Wie, zum Kuckuck, strickt man einen Herbst?

- „Meine Malerei ist oft auf symbolhafte Zeichen reduziert und ermöglicht so eine starke Einbindung des Dargestellten in seine Umwelt“, schwadroniert ein Künstler vor seiner Ausstellungseröffnung in Lüdenscheid munter vor sich hin. Ich ahne es: Der Mann malt Verkehrsschilder.

- Bei den Gelben Säcken will der STL auf Transparenz setzen. Das ist eine richtig gute Idee. Dann sehen wir endlich mal, was der Nachbar so alles wegschmeißt.

- „Wir nehmen keine 500-Euro-Scheine an“ steht auf dem Schild an der Tankstellen-Kasse. Macht nix. Wir haben auch keine.

- „Neue Brücke führt über die Linnepe“ titeln die LN. Was muss unsere Angelika denn noch alles über sich ergehen lassen?

- In einem Arabisch-Seminar können wir demnächst einige kurze Sätze fürs Café oder den Basar lernen. Prima. Aber was machen wir, wenn der Araber antwortet?

- Bei der Volkshochschule gibt es jetzt endlich den Vortrag „Erlebnis Wechseljahre“– übrigens ausdrücklich auch für Männer geeignet. Was kommt als Nächstes? „Abenteuer Leistenbruch“?

- In der Haus-Zeitschrift der Märkischen Kliniken ist ein Artikel überschrieben mit den Worten „Face-Lifting für den Enddarm“. Um Himmels willen! Da bekommt das Wort „A...-gesicht“ doch eine völlig neue Bedeutung.

- Die CDU will eines der eingelagerten städtischen Kunstwerke auf dem Sonneborn-Kreisel parken. Haben wir eigentlich zu wenig Unfallschwerpunkte in der Stadt?

- „Landrat geht auf Lehrstellensuche“ titeln die LN. Wunderbar! Wenn er sich verbessern kann!

- Wenn in einem Hotel „mehrere Installationen“ zu sehen sind, könnte das auf das Frühlingstreffen der Klempner-Innung hinweisen. Der Titel „kunst meets kattenbusch“ belehrt uns aber eines – naja – Besseren. „rinderfilet meets kroketten“ wäre mir allerdings lieber.

- Der Tourismusverein (!) Altena (!!) bietet eine „Nachtführung“ an. Das ist sehr gut. Da sieht man das nicht so.

- Die Lüdenscheider FDP lädt zum Weihnachtskegeln ein. Wie viele Mitglieder wohl teilnehmen werden? Bestimmt alle Neune, woll!?

- „Lothar Matthäus denkt jetzt an Scheidung“, lese ich im Internet. Wirklich sensationell sind dabei vor allem die ersten vier Worte.

- „Die Natur holt sich alles zurück“, titeln die LN. Stimmt nicht. Guido Westerwelle ist immer noch da.

- Was sind eigentlich Kinder, die allen Ernstes von „Tagespflegepersonen“ betreut werden? Wahrscheinlich Tagespflegeobjekte, woll!?

- Am 20. Mai kommt das „Erlebnisteam Briefmarken“ der Deutschen Post ins Sauerland. Ach, ich weiß nicht. Mir liegen diese Extremsportarten eigentlich nicht so.

- FDP-Kreistagsfraktions- chef Axel Hoffmann fordert von der Chefetage der Märkischen Kliniken für die Zukunft transparentes und seriöses Arbeiten. Da könnte er sich auch gleich wünschen, dass die MVG ihre Busse künftig als Passagierflugzeuge einsetzt. - Willy Finke

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