Mit Privileg und Seepferdchen

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Ein aufwendiges Glasfenster ziert die Ecke der Adler-Apotheke in der Oberstadt. Es zeigt Friedrich den Großen.

LÜDENSCHEID - Schon Friedrich der Große kannte die Lüdenscheider Adler-Apotheke. Zwar war sie damals noch namenlos, und der Berufsstand gewöhnte sich gerade erst an eine Reihe von Vorschriften, behördliche Forderungen und Überprüfungen seiner Arbeit und Aufgaben.

Doch in die Regierungszeit des Alten Fritz als König von Preußen fiel 1774 die Vergabe eines wichtigen Privilegs, das „Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden (...) Höchsteigenhändig unterschrieben ... haben“. Erst dadurch hatte der Apotheker an der Wilhelmstraße sozusagen Brief und Siegel, dass er zur Ausübung seines Berufes berechtigt war – 82 Jahre nach Gründung des Geschäfts. Damit ist die Apotheke älter als Friedrich II. dessen 300. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird. Die Adler-Apotheke feiert ihren 320. Geburtstag.

Wer 1692 erkrankte in der Stadt, der durfte Hoffnung schöpfen. Denn gerade hatte eine Apotheke eröffnet, die erste und für lange Zeit einzige am Ort. Johann Georg Kercksig, seines Zeichens Arzt und Apotheker zugleich – wie seinerzeit durchaus üblich – hatte gerade sein Geschäft mit Alraune, Knochenmark und Schlangenpulver, mit allerlei pflanzlichen und tierischen Heilmitteln begründete. Aus Bochum war er fünf Jahre zuvor nach Lüdenscheid gezogen, eine Stadt, deren Geschicke seine Familie in der Folge maßgeblich mitbestimmen sollte. Die damals gegründete Apotheke (heute Wilhelmstraße 44) heißt erst seit 1809 Adler-Apotheke. Sie hat die Jahrhunderte überdauert. 2012 feiert das Team um Apothekerin Andrea Löber geb. Niemöller den 320. Geburtstag des, wie es in der Geschäftschronik heißt, wahrscheinlich ältesten noch bestehenden Unternehmens der Stadt.

Mehr als ein Jahrhundert lang bleibt das Geschäft in Familienbesitz, wechselt vielfach den Eigentümer, dient aber immer seinem Zweck. 1940 übernimmt es Heinrich Siever jun. Dessen Schwiegersohn, Albert Niemöller, ist Lebensmittelchemiker und Apotheker. Zwischen 1964 und 1996 leitet er die Geschicke an der Wilhelmstraße; im Jahr darauf übernimmt seine Tochter in der 4. Generation diese Aufgabe.

Auch der Name Kercksig hat die Zeit überdauert – als Straße längs der gleichnamigen Halle. Zur Erläuterung heißt es dazu in alten Adressbüchern der Stadt: „Kerksigstraße – nach der Familie Kerksig, dem Geschlecht der Apotheker, Ärzte und Bürgermeister benannt, die im 18. und 19. Jahrhundert die Geschicke der Stadt entscheidend beeinflußten.“

Davon war noch nichts zu spüren in den Anfangsjahren des Apothekenbetriebs. Johann Georg Kercksig stellte im damaligen Haus Nummer 80 die nötigen Arzneien für seine Patienten selbst her. Mangelndes Hygienebewusstsein und schlechte Ernährung, Infektionen im Kindbett, hohe Säuglingssterblichkeit und niedrige Lebenserwartung – in diesem Umfeld wirkten Ärzte und Apotheker und versuchten, mit Präparaten eine gewünschte heilkräftige Wirkung zu erzielen. Allerlei fragwürdige Arzneimittel, selbst aus Krebsen oder Seepferdchen, sollten Beschwerden kurieren; eine anerkannte medizinische Lehrmeinung habe es damals nicht gegeben, heißt es in der Chronik weiter. Und: „Schon damals arbeiteten Arzt und Apotheker üblicherweise Hand in Hand: dem Arzt oblag die Feststellung des Leidens des Patienten sowie die der Auswahl der Arznei. Der Apotheker musste alle erforderlichen Stoffe in frischer, sauberer und vorgeschriebener Form vorrätig halten und die Arzneien zubereiten.“

Erst 1685 deuteten sich grundlegende Veränderungen „im Gesundheitswesen“ an, wie die Festschrift zum 300. Geburtstag zu berichten weiß: „Durch das Edikt von 1685 hatte die Preußische Regierung in Cleve ein ‚Collegium Medicum‚ errichtet, dem die Aufsicht über das gesamte Arzneiwesen und dessen Vertreter als da sind Apothequer, Barbiere, Wundärzte, Hebammen, Okultisten, Bruch- und Steinschneider, oblag.“ 1693 wurde erstmals auch in Preußen eine Ordnung für den Stand abgefasst. Wesentliches daraus bildete die Grundlage der Medizinal-Ordnung von 1725. In diese für die Branche spannende Zeit fiel die Apothekengründung in Lüdenscheid.

Gründersohn Johann Peter, der auch Bürgermeister wurde, baute etwa 1744 ein neues Haus, das bis 1900 stand. Nach dem Abriss ließ der damalige Besitzer das heutige Gebäude errichten. Bis 1753 ist die Kercksig-Apotheke die einzige der Stadt. Dann lässt sich mit Henrich Joh. Peter Seher ein weiterer Apotheker hier nieder; ein jahrelanger Streit zwischen den Familien folgt. Der dreht sich im Kern um Professions-Neid, also darum, so der Vorwurf des Neu-Gründers, dass Kercksig eine „nicht privilegirte Apotheque“ betreibe, die daher geschlossen werden müsse. Jeder Apotheker, so hieß es weiter, müsse innerhalb von zwei Monaten ein schriftliches Privileg – eine staatliche Konzession – vorweisen. Dr. Kercksig hingegen argumentiert damit, durch seine private Hausapotheke nur seine Patienten mit selbst gefertigter Medizin zu versorgen und deshalb kein Privileg zu benötigen. Gleichwohl bittet er die Behörden darum, auch um seinem Sohn das Geschäft zu sichern. Der Streit eskaliert, als Kercksig „bei fünfzig Taler Strafe verboten“ wird, seine Apotheke weiter zu betreiben, während das Privileg seines Kontrahenten bestätigt wird. Am Ende des wohl zermürbenden Streites kauft Kercksig das Geschäft seines Gegners und legt beide Apotheken zusammen. 1770 lässt sich ein dritter Apotheker in Lüdenscheid nieder. Und 1774 endlich wird ausdrücklich das Privileg erteilt – von Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden König in Preußen. Allerdings gilt es noch der Seher-Apotheke, die inzwischen längst in der Adler-Apotheke aufgegangen ist – die sich so nun endlich auch priviligiert nennen darf. Auf dieses wichtige Ereignis weist bis heute ein historisches, kunstvoll geätztes Eckfenster hin, das Friedrich den Großen zeigt, wie er die Wilhelmstraße hinunter blickt. - sum

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