„Irgendwann kriegt man die Rechnung“

Lüdenscheid - Es sind nur zwei kleine Ladendiebstähle, Schnaps, Käse, Schokolade. Na gut, einmal in Tateinheit mit versuchter gefährlicher Körperverletzung. Aber immerhin: Es steht Verurteilung Nummer 22 bevor. Bewährung gab’s erst kürzlich, also stehen die Vorzeichen nicht gut für den 68-Jährigen.

Er sitzt als kleines mageres Etwas mit stierem Blick und geöffnetem Mund teilnahmslos auf der Anklagebank. Der Oberstaatsanwalt fragt: „Haben Sie Ihr Hörgerät dabei?“ Der Angeklagte fragt: „Wie bitte?“ Und Richter Thomas Kabus sagt: „Das wird eine lautstarke Veranstaltung.“

Die Beweisführung ist vergleichsweise simpel. Einen Diebstahl gibt er zu. Dazu gehört die Geschichte, in der ein Wurf mit einer Flasche und ein Ladendetektiv eine Rolle spielen. An den anderen Diebstahl, sagt Verteidiger Horst Metag aus Dortmund, erinnere sich sein Mandant gar nicht. In Erwartung der Strafe für den ersten Fall stellt das Gericht das kleinere Verfahren ein.

Oberstaatsanwalt Dr. Pauli plädiert zurückhaltend. „Gegenstand der Verhandlung ist der Mensch so, wie er vor uns sitzt.“ Das klingt nach Milde. Denn der desolate Zustand des Mannes ist offensichtlich. Seine sorglose Vergangenheit lässt grüßen. Die Lebenspartnerin (64) erinnert sich an alte Zeiten. „Da wurde wirklich gefeiert, bis der Notarzt kam.“ Dr. Pauli: „Tja, irgendwann holt einen die Vergangenheit ein, dann kriegt man die Rechnung.“

Was draufsteht auf der Rechnung, erläutert der Gutachter, Psychiater Bernhard Bätz. Der Proband kriege „nicht mehr viel auf die Reihe“. Auffällige kognitive Störungen, Schwerhörigkeit, ein alkoholbedingter Nervenschaden – „die Störungen werden voranschreiten“, so Bätz. Eine erheblich eingeschränkte Steuerungsfähigkeit sei nicht auszuschließen. Therapeutische Möglichkeiten seien „sehr begrenzt, in dem Alter“.

Und so fällt das Urteil ungewöhnlich milde aus. Dass er, nachdem er erwischt wurde, aus Wut eine Rumflasche nach dem Ladendetektiv geworfen hat, ist zwar „nicht ohne“, aber er hat nicht getroffen. Die Pulle zerschellte an der Wand. Insgesamt bewertet der Ankläger die Sache als „eher menschliches Problem“, das Gericht folgt ihm – und gibt vier Monate auf Bewährung. Die Lebensgefährtin nickt erleichtert.

Ob sie es wirklich ist, bleibt ihr Geheimnis. „Meine Nerven liegen blank inzwischen“, sagte sie im Zeugenstand. Und fügt hinzu: „Ich wollte ihn ja eigentlich gar nicht haben damals. Aber er hatte ein Auto.“

Olaf Moos

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare