„Iphigenie“ in einer eigenwilligen Inszenierung

Iphigenie und der Taurenkönig Thoas - das Landestheater Detmold spielte den Goethe-Klassiker.

LÜDENSCHEID - Mit einer eigenwilligen Inszenierung des Goethe-Klassikers „Iphigenie auf Tauris“ gab die Regisseurin Tatjana Rese im vergangenen Jahr ihren Einstand als Schauspieldirektorin beim Landestheater Detmold.

Am Donnerstagabend trug ein spielstarkes Quintett eben jenes Schauspiel vor ausverkauftem (Kultur)Haus durch den Abend.Der Mythos „Iphigenie“ gehört zu den Lerninhalten des Zentralabiturs. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass hunderte Lüdenscheider Schüler die Stuhlreihen an diesem Abend im großen Saal bevölkern und hier und da durchaus ihren Spaß an dieser Inszenierung haben. Denn konsequent überträgt Rese die Ideale der deutschen Klassik in ein neuzeitliches Umfeld. Iphigenie (Ewa Rataj) kommt im kleinen Schwarzen daher, mit Perlenkette und schwarzen Stiefeln. Der Tauren-König Thoas (Robert Andrej Augustin), der nach dem von ihr abgelehnten Heiratsantrag die blutige Tradition des Menschenopfers wieder einführen will, zeigt sich im ersten Teil als modebewusster Macho, im zweiten als standhafter Soldat. Und auch Iphigenies Bruder Orest (Markus Hottgenroth) und sein getreuer Pylades (Stephan Clemens) stranden nicht etwa mit dem Schiff im „Barbarenland“ der Tauren, sondern als abgestürzte Fallschirmspringer. In der eisigen Atmosphäre eines überdimensionalen Wellblechs als Bühne hadert Iphigenie zwischen ihrem Wunsch nach Freiheit und der Solidarität zum Tauren-König.Die Inszenierung des Landestheaters Detmold hält sich eng an die Textvorlage. Der eine oder andere schauspielerische Ausbruch erinnert gar an eine Slapstick-Einlage. Und doch wirkt die Szenerie insgesamt beklemmend mit den rastlosen Augen der Protagonistin und ihrem Bruder, das Produkt einer von Gewalt geprägten Vergangenheit und als tickende Zeitbombe unterwegs. Das Schauspiel selbst ist angesiedelt auf einer schiefen Ebene, auf der die Akteure vergebens Halt suchen. Die Botschaft Iphigenies zwischen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung wird vor einer Kulisse aus bedrohlich wirkenden Fässern in den Saal getragen, von denen am Ende mehrere ihren blutroten Inhalt über das Blech ergießen. Ein letzter (eiserner) Vorhang verbirgt schließlich den dramatischen Schlussakkord – und Iphigenie ist allein. Frei zwar, aber mit blutbeschmierten Händen. - rudi

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