Interview mit dem Erfinder von "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski

Hajo Gies: "Lüdenscheid war ein bisschen Komödie"

+
Seit den Siebzigerjahren arbeitet Hajo Gies als Regisseur.

Lüdenscheid - Er erfand den legendären Horst Schimanski - einen "Tatort"-Kommissar, der im Fernsehen ständig "Scheiße" sagte. Regisseur Hajo Gies, geboren in Lüdenscheid, revolutionierte in den Achtzigerjahren den deutschen Krimi. Kindheit und Jugend in der Bergstadt prägten den heute 70-Jährigen: Hier begann er, Menschen und ihre Eigenarten zu beobachten.

Millionen Fernsehzuschauer haben die Filme des Regisseurs Hajo Gies gesehen. Rund 60 drehte er in den vergangenen 40 Jahren, darunter bis 2009 mehr als 20 Folgen für den "Tatort". Sein von Götz George gespielter Kommissar Horst Schimanski ist eine der erfolgreichsten Figuren der deutschen TV-Geschichte. Mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Brigitte Janner, lebt er in Hamburg.

Sie sind in Lüdenscheid geboren und aufgewachsen. Der Film war noch weit weg. Wie erinnern Sie sich an Kindheit und Jugend?

Hajo Gies: Es waren die Fünfzigerjahre: Alles ein bisschen sehr spießig, alles ein bisschen sehr eng. Ich habe in Lüdenscheid auch meine Pubertät verlebt, und das ist ja nicht immer die schönste Zeit. In Lüdenscheid wusste jeder von jedem. Nach Schulschluss ging ich zum Beispiel mit einer Freundin, die im Sommer barfuß lief, durch die Stadt, die Wilhelmstraße rauf und runter. Barfuß zu gehen war damals eine Provokation. Als ich nach Hause kam, sagte meine Mutter, die das Mädchen "Schlampinchen" nannte: "Du wurdest wieder gesehen". Alles wurde direkt erzählt.

Wie war es in der Schule?

Der Lüdenscheider Bahnhof damals: Hier versteckte sich Schulschwänzer Hajo Gies und beobachtete Passanten.

Gies: Ich war nicht besonders gut. Ich habe sie lieber geschwänzt und im Wartesaal des Bahnhofs gesessen, wo die Lehrer mich nicht finden konnten. Lüdenscheid ist eine kleine Stadt. Da konnte man keinem entkommen.

Wie haben Sie die Zeit im Bahnhof verbracht?

Gies: Ich habe Leute beobachtet, darüber nachgedacht, was der oder die zu Hause macht. Ich habe mir Verhältnisse zusammenfantasiert und versucht, aus Mimik und Verhaltensweisen Charaktere zu erkennen. Ich wollte Geschichten erzählen, aber nicht mit Worten, sondern mit Bildern. Mein Hauptinteresse war immer der Film und nicht die Schule.

Was war in der Schule so schlimm?

Gies: Die Lehrer haben die meiste Zeit vom Krieg erzählt und die Erziehung war sehr autoritär. Und ich habe zum Fenster rausgeguckt, denn gegenüber war die Mädchenschule. Manchmal hatten die Mädchen schon Pause, während wir noch im Unterricht waren. Unser Lehrer hatte recht, wenn er auf meinem Zeugnis unter der Rubrik Beteiligung am Unterricht schrieb: "Ständig woanders".

Woher kam Ihre Begeisterung für den Film?

Gies: Mein Vater war in Lüdenscheid Rektor und leitete nebenbei als Hobby den Filmclub. Er sammelte auch alle filmtheoretischen Schriften und Filmzeitschriften. Die las ich natürlich lieber als die Schulbücher. Französisch habe ich dagegen relativ gut gelernt, weil die beste Filmliteratur aus Frankreich kam und nicht ins Deutsche übersetzt war. Ins Kino durfte ich allerdings nur, wenn ich meinem Vater vorher versprach, danach anderthalb Seiten darüber zu schreiben.

Die Schule wurde zur Nebensache?

Gies: Ja, sie war ein Hindernis. Ich wollte Filme machen, wusste aber nicht genau, wie man da rankommen sollte. In Lüdenscheid machte man ja keine Filme.

Wann haben Sie Lüdenscheid verlassen?

Vor 50 Jahren verließ Hajo Gies seine Geburtsstadt: "In Lüdenscheid machte man ja keine Filme."

Gies: Etwa 1965. Nach dem Abitur bin ich nach Mainz zum ZDF, habe volontiert und nebenbei bei Theodor W. Adorno in Frankfurt Soziologie studiert. Filmhochschulen gab es noch nicht. Zum Glück wurde die Filmhochschule München gegründet. Ich bewarb mich und wurde genommen. Durch meine theoretischen Vorkenntnisse war es für mich kein Problem, aufgenommen zu werden. Die Strenge meines Vaters hatte sich ausgezahlt.

Ihren ersten "Tatort" drehten Sie 1977, Ihr Bruder Martin schrieb das Drehbuch für den Haferkamp-Fall "Das Mädchen von gegenüber". Wie kam es zu dieser Geschichte?

Gies: In der Volksschule in Lüdenscheid hatte der Nebenmann meines Bruders am Bahnhof das Pflanzengift E 605 geschluckt. Ich glaube, weil er Schwierigkeiten in der Schule hatte. Von diesem Selbstmord war die Geschichte inspiriert. Kalle, der Junge im Film, torkelt über den Rummelplatz. Im wahren Leben waren es die Bahngleise.

Auf dem Rummel sind alle unbeschwert, haben Spaß, während Kalle unter dem Karussell liegt und stirbt. Warum dieser Gegensatz?

Gies: Ich denke immer in Gegensätzen. Das Lustige muss immer mit dem Traurigen konfrontiert werden und umgekehrt. Da gewinnt das eine durch das andere. Filme ich eine Trauerfeier, finde ich es uninteressant, nur trauernde Menschen zu zeigen. Interessanter wird es, wenn jemand nicht traurig guckt, sondern plötzlich lächelt, vielleicht weil er gerade an etwas Komisches denkt. Ich versuche beides: Tragödie und Komödie gleichzeitig.

In "Das Mädchen von gegenüber" geht es ums Scheitern. Kommissar Haferkamp steht als Versager da. Konnte die Geschichte kein gutes Ende nehmen?

Gies: Wir mochten weniger ein Happy End. Wir wollten nicht nur Filme, die reine Unterhaltung waren, sondern mehr ein Abbild des wirklichen Lebens liefern. Ich fand Filme mit Happy End unrealistisch – damals. Aber je länger ich lebe, umso mehr spüre ich, dass es gut ist, die Leute zu erfreuen, nicht, sie zu belasten.

Auch Ihr zweiter "Tatort" entstand gemeinsam mit Ihrem Bruder. Ist die Arbeit an einem Film bei Geschwistern eine andere als mit Kollegen?

Gies:  Nein, ich saß immer dabei, wenn das Drehbuch geschrieben wurde. Film ist eine Form von Gemeinschaftsarbeit.

Im "Tatort" aus Duisburg ermittelte Götz George alias Horst Schimanski erstmals 1981.

Sprechen wir über Schimanski. Die Figur entstand mit Kollegen an der Filmhochschule in München und wurde in den Achtzigerjahren sehr populär. Auch Bundespräsident Joachim Gauck ist offenbar Fan. Er empfahl den Programmgestaltern von heute, Schimanski als Vorbild zu sehen. Die Erfindung zeuge von Mut, Schimanski sei ein Beispiel für Innovationskraft.

Gies: Als ich es hörte, hat es mich natürlich gefreut. Es ist ein sehr spätes Lob.

Was war denn so innovativ?

Gies: Das Verbrechen stand nicht im Vordergrund, sondern das Verhalten der beiden Kommissare zu den Verbrechen. Wir haben damit als erste die Kommissare in den Mittelpunkt gestellt und nur von den Figuren aus erzählt.

Glauben Sie, dass Schimanski deshalb so erfolgreich war?

Gies: Nicht nur. Es war die Art und Weise, wie Schimanski dachte. Er nahm nicht alles hin, wie es war, sondern glaubte, es verändern zu können. Auch wenn er ein Raubein war, glaubte er an das Positive, verfolgte bestimmte Ideale – und flog dann auf die Schnauze, weil die Welt nicht so war, wie er sie sich vorgestellt hat. Erfolgreich ist etwas, wenn man den Zeitgeist trifft. Bei Schimanski war es offensichtlich so. Heute laufen im Fernsehen viele kleine Schimanskis rum.

Wie war die Zeit mit Schimanski? 

Gies: Für mich war es die beste und schönste Zeit überhaupt, auch für Götz George. Weil wir Erfolg und dadurch einen großen Freiraum hatten.

Trotzdem war 1991 mit Schimanski beim "Tatort" Schluss.

Gies: Ja, aber wir wurden nicht abgesetzt, sondern haben selbst aufgehört. Es war ein freiwilliger Rückzug. Wir wollten nicht warten, bis einer sagte: "Ich kann den 'Scheiß' nicht mehr sehen."

Einige Jahre später kam Schimanski in einer eigenen Reihe zurück.

Schimanski und Kollege Thanner am "Tatort". 1991 inszenierte Hajo Gies die letzte Folge mit dem erfolgreichen Duo.

Gies: Er wurde wiedererweckt, weil alle sagten, es sei ziemlich dämlich, einen solch großen Erfolg nicht zu nutzen. Aber Eberhard Feik war gestorben, und Schimanski und Thanner waren für mich wie Zwillinge: Der eine konnte ohne den anderen eigentlich nicht existieren. Da war wieder der Gegensatz, den ich liebe. Es ist ein altes dramaturgisches Prinzip, es funktioniert auch noch heute – wie im "Tatort" aus Münster.

Spielt der "Tatort" bei Ihnen noch eine Rolle?

Gies: Natürlich spielt er noch eine Rolle, aber nicht mehr die Hauptrolle. Ich habe mich jetzt mehr der Komödie zugewandt.

Regie ist das, was Sie immer wollten. Ist es für Sie überhaupt Arbeit?

Gies: Arbeit ist es auf jeden Fall. Aber es ist keine entfremdete Arbeit, bei der um 17 Uhr Schluss ist. Wir haben damals von morgens früh bis abends spät über das Drehbuch gesprochen. Filmemachen hört nie auf, es geht einem immer im Kopf rum. Auch im Urlaub. Ich komme an einen bestimmten Ort und denke gleich an Kameraeinstellungen.

Sehen Sie sich manchmal Ihre Filme von damals an?

Gies: Selten. Wenn ein Film fertig ist, sehe ich meistens nur die Fehler. Man kann beim Film unendlich viele Fehler machen. Je mehr Filme man macht, desto klarer wird es einem. Ich sehe sie aber gerne, weil ich mich dann an die Drehtage erinnere – ob es geregnet hat oder wir guter oder schlechter Laune waren. Manchmal frage ich mich auch, wie mir das damals gelingen konnte.

Wie denken Sie heute, 50 Jahre nach Ihrem Weggang, über Ihre Geburtsstadt Lüdenscheid?

Gies: Die Kindheit rückt in immer weitere Ferne und man sieht die Vergangenheit in einem sanfteren Licht. Es war ja eigentlich ein bisschen Komödie... die Tanzstunde, die erste Liebe, die Schule.

Sind Sie jemals nach Lüdenscheid zurückgekommen?

Gies: Ja, ein Mal, wegen einer Geburtstagsfeier. Als ich am Bahnhof ankam – es ist ja ein Sackbahnhof – saßen in der Kneipe abends immer noch die Gleichen, auch aus unserem Abiturjahrgang. Sie waren geblieben. Da habe ich gedacht: Nein, ich möchte nicht auch noch mit 70 hier sein.

Was wünschen Sie sich?

Gies: Gesundheit. Ich spüre das Alter. Die Rückenschmerzen zum Beispiel: Die gingen früher irgendwann von alleine weg. Jetzt nicht mehr. Ich spüre heute die vielen Nächte, die ich bei den Dreharbeiten im Regen auf der nassen Straße rumstehen musste. Aber es war ja nicht umsonst.

Sehen Sie hier eine Dokumentation mit Regisseur Hajo Gies und Schauspieler Götz George

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare