100 Tage im Amt

Interview: Landrat Voge zum zweiten Impfzentrum-Standort in Iserlohn

Marco Voge Landrat Glanzlichter Burg Altena
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Marco Voge mit seinen Töchtern bei der Eröffnung der „Glanzlichter“ auf Burg Altena.

Marco Voge, seit 100 Tagen Landrat des Märkischen Kreises im Interview. Das hat er versprochen und das hat er gehalten.

Am Freitag wird er genau 100 Tage im Amt sein – Marco Voge, der neue Landrat des Märkischen Kreises. Mit Jan Schmitz sprach er über die leuchtenden Augen seiner Kinder und über Schokoladen-Nikoläuse, aber auch über Windkraft und Probleme bei der Vergabe von Impfterminen.

Was ist denn Ihr schönstes Erlebnis als Landrat in den ersten 100 Tagen gewesen?
Ich habe viele schöne Erlebnisse gehabt, weil ich hier sehr offen empfangen worden bin. Für mich persönlich war der schönste Moment, als ich mit meinen Töchtern die Glanzlichter an der Burg Altena angeschaltet habe. Bei dem Termin stand ich mit dem Rücken zur Burg und habe die Hand auf dem Knopf gehabt, aber meine Kinder haben gedrückt. Ich habe sie dabei beobachtet, als sie wahrgenommen haben, was sie durch den Knopfdruck ausgelöst haben. Dieses Leuchten in den Augen war wirklich wundervoll.
Was haben Sie zum Amtsantritt am ersten Arbeitstag geschenkt bekommen?
Eine BVB-Tasse von meinen Kindern, dann standen Süßigkeiten an meinem ersten Tag auf meinem Schreibtisch. Stellvertretend für die Fachbereichsleiter habe ich einen kleinen Brief erhalten und mein Vorzimmer hat mir eine kleine Aufmerksamkeit geschenkt.
Und was haben Sie mitgebracht an Ihrem ersten Tag?
Viele Dinge, die ich vorher schon hatte: Den Schriftzug Sauerland, das Balver Mammut und zwei Erbstücke von meinen Großeltern. Meine Oma ist gebürtige Berlinerin, daher der Berliner Bär, und von meinem Opa einen Elch, weil er Ostpreuße ist. Er ist in Königsberg geboren und die Elchschaufel findet sich im Wappen der Stadt. Und natürlich steht jetzt ein Bild von meiner Familie auf meinem Schreibtisch.
Sie haben vor der Wahl angekündigt, dass sie die mehr als 40 Fachdienste alle persönlich besuchen wollten. Ging das wegen der Corona-Pandemie überhaupt und wie viele haben sie schon geschafft?
Ich habe schon einige Fachdienste besucht, aber durch Corona sind viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice. Aktuell haben rund 750 Beschäftigte das technische Equipment für einen vollwertigen Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden. Deshalb war das Kennenlernen in der Gänze noch nicht möglich. Am Nikolaustag haben der Abteilungsleiter Polizei und Direktionsleiter Gefahrenabwehr Einsatz und ich fünf Wachen im Nordkreis und die Kreisleitstelle besucht und Schoko-Nikoläuse vorbeigebracht. An Heiligabend habe ich unsere fünf Rettungswachen und an Silvester die übrigen fünf Polizeiwachen angefahren und Kuchen mitgebracht. Auch die Bürgermeisterantrittsbesuche finden statt. Das mache ich auch schön alphabetisch. Nicht, dass es heißt, ich würde die großen oder die „schwarzen“ Städte zuerst besuchen. Von A bis W – schön in der Reihenfolge.
Sie waren ja vorher Landtagsabgeordneter. Werden Sie jetzt häufiger auf der Straße erkannt?
Dadurch, dass ich privat wie auch dienstlich ganz wenige Kontakte habe, kann ich das gar nicht beurteilen, weil einfach nichts stattfindet. Auch zu Hause habe ich keine privaten Treffen. Wenn ich in Balve einkaufen gehe, treffe ich natürlich immer wieder bekannte Gesichter – aber das war auch schon vorher so.
In Balve kennt Sie ja ohnehin jeder.
Jeder nicht, aber schon sehr viele. Das liegt auch nicht nur am Amt, man kennt sich eben. Das schätze ich sehr.
Gegen Ihren Vorgänger ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue, weil er sein Abschiedsvideo aus Steuermitteln finanziert haben soll. Was sagen Sie dazu?
Wir haben die Fraktionen laufend über den Sachstand informiert, am 30. Dezember in einer Videokonferenz und auch jetzt nach der Durchsuchung von Räumlichkeiten im Kreishaus. Wir kooperieren umfassend mit den Ermittlungsbehörden und haben da nichts zu verbergen, aber ich bitte um Verständnis, dass ich mich zum laufenden Verfahren öffentlich nicht äußern werde.
Sie haben angekündigt, Zukunftskommissionen zu den Themen Digitalisierung, Bildung, Infrastruktur und Tourismus einzurichten. Wie weit sind Sie auf diesem Weg?
In meiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der GWS habe ich schon einige Gespräche mit dem Geschäftsführer Jochen Schröder geführt. Wir haben in der Gesellschafterversammlung–- neben dem Kreis sind auch die SIHK und die Kreishandwerkerschaft Gesellschafter – einen ersten Aufschlag gemacht, wo es hingehen soll. Wir priorisieren jetzt. Was gibt es bereits? Wie wollen wir das zusammenbringen? Welche Ziele wollen wir uns geben? Doch zunächst müssen die Konzepte stehen, und dann gehen wir in die Gespräche – intern, extern, aber auch mit den Bürgermeistern, um die Schlagrichtung festzulegen. Schwerpunkte beim Thema Digitalisierung sind der Breitbandausbau sowie der Mobilfunk, wo wir die weißen Flecken beseitigen müssen.
Vor der Wahl wollten Sie sich zu den Windkraftanlagen am Kohlberg nicht festlegen. Wie sieht es jetzt aus?
Es ist ein schwebendes Verfahren, es ist ein Klageverfahren, deswegen können wir dazu derzeit nichts sagen. Das müssen erst einmal die Gerichte entscheiden. Das andere ist: Im vergangenen Sommer hat es auf Bundesebene eine Gesetzesinitiative gegeben. Stichwort: Abstandsregelungen und Repowering. Das muss das Land NRW jetzt in Landesrecht umsetzen. Zudem wird derzeit der neue Regionalplan für den Teilbereich Märkischer Kreis, Olpe und Siegen-Wittgenstein neu aufgelegt. Darin sind neue Vorrangflächen ausgewiesen. Das werden wir uns genauer anschauen und dann als Kreis eine Stellungnahme – auch in Abstimmung mit den Bürgermeistern – dazu abgeben, bei der wir die Gesamtinteressen abzuwägen haben.
Geht es denn eher in Richtung pro Windkraft oder eher dagegen?
Gegenüber der Windkraft bin ich aufgeschlossen. Es ist die Frage, wo sind geeignete Standorte? Und da sind wir wieder bei der gesetzlichen Regelung, die der Landesgesetzgeber vorlegen muss. Es geht einmal um wirtschaftliche Interessen, aber auch um Klimaschutz- und Umweltschutzinteressen – und das bezogen auf jeden einzelnen Standort. Daher ist diese Frage pauschal nur schwer zu beantworten.
Vermissen Sie Düsseldorf?
Ich fühle mich in Lüdenscheid und im Märkischen Kreis sehr wohl, aber ich war im Dezember auch noch einmal in Düsseldorf zu Gesprächen. Ich war gerne Landtagsabgeordneter, bin aber noch viel lieber Landrat.
Sie haben den Abgeordnetensitz gegen den Verwaltungs-Chefsessel gewechselt. Das kann ja die Perspektiven durchaus verändern. Sie haben einen Großteil der Coronaschutzmaßnahmen als Landtagsabgeordneter mitgetragen und sind jetzt auf der anderen Seite und müssen die Maßnahmen ausführen. Welche Erkenntnisse ziehen Sie für sich daraus?
Wahnsinnig viele. Ich würde Debatten mit dem Wissen, das ich jetzt seit 100 Tagen habe, völlig anders führen.
Wie?
Jetzt weiß ich, was da an Aufwand dranhängt, wenn ein neuer Erlass kommt. Ein Beispiel: Erst hieß es, das Impfzentrum muss bis Weihnachten fertig sein, dann plötzlich bis zum 15. Dezember. Das sind zwar nicht viele Tage, aber dann wird der zeitliche Druck natürlich größer.
Werden bei den Beschlüssen in der großen Politik die Interessen der Stadt- und Kreisverwaltung übersehen?
Das würde ich so nicht sagen. Ich sehe das eher aus einer anderen Perspektive. Das Land muss versuchen, möglichst Regelungen zu treffen, die für das ganze Land gelten. Dabei muss man erörtern, wie man lokale Sondersituationen oder Einzelfälle in diesen Regelungen abdeckt. Das gelingt nicht immer in jedem Detail. Das kann ich sogar verstehen.
Wie nehmen Sie die Stimmung in der Bevölkerung wahr?
Ich kann verstehen, wenn sich Menschen wieder treffen wollen, aber wir haben schon seit langer Zeit eine Lage, die es erfordert, dass man auf sich selbst, aber auch auf andere Menschen Rücksicht nehmen muss. Das ist für alle eine große Belastung. Da versuchen wir, sensibel zu reagieren, weil ich schon merke, dass die Menschen diese Sehnsucht haben, sich wieder mit Freunden und Familie zu treffen.
Befürchten Sie, dass wir den Wechsel zwischen Lockdown und Lockerung das ganze Jahr über erleben werden?
Wenn ich diese Glaskugel hätte... Ich kann es leider zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht sagen. Im zehnfachen Konjunktiv gesprochen: Wenn es mit der flächendeckenden Impfung klappt, dann haben wir alle gemeinsam die Hoffnung, dass sich die Lage entspannt.
Bei den Impfungen ist der Kreis ebenfalls Teil des Prozesses. Sie mussten mehr oder weniger tatenlos zusehen, wie schwierig die Terminvergabe in den ersten Tagen ablief. Haben Sie dann trotzdem das Gefühl, dass sie beim Kreis Blitzableiter für die Menschen sind, weil die Mitarbeiter beim Kreis die einzigen sind, die greifbar waren?
Wir bekommen täglich zahlreiche Anfragen, aber wir müssen auch deutlich machen, dass wir nur ausführendes Organ sind. Wir halten uns an das, was die Impfverordnung vom Bund und was die Erlasse vom Land vorgeben, und da werden wir auch nicht von abweichen. Wir machen den organisatorischen Part, der medizinische Part wird von der kassenärztlichen Vereinigung beigetragen, die auch für die Impfterminvergabe zuständig ist.. Die Zusammenarbeit auf operativer Ebene mit allen Beteiligten (KVWL, DRK, ärztliche Leitung, etc.) funktioniert gut. Ich denke, zu den technischen Problemen bei der Impfterminvergabe ist alles gesagt, da ist mit Sicherheit nicht alles reibungslos gelaufen. Ich schaue nur auf unser Haus und kann sagen: Wir haben alles super vorbereitet, da bin ich auch wahnsinnig stolz auf das gesamte Team. Die Menschen wollen sich impfen lassen, sie wollen zurück zu einem normalen Leben. Da erhalten wir schon sehr viele Anrufe. Wo wir helfen können, Wo wir helfen können, helfen wir, selbst wenn es nicht in unseren Zuständigkeitsbereich fällt.
Sie sagen: Sie machen alles, was in Ihrer Macht steht. Tatsächlich haben Sie ja beispielsweise einen Pachtvertrag ab Februar für ein zweites Impfzentrum in Iserlohn-Dröschede abgeschlossen, das aber noch nicht in Betrieb ist. Woran liegt das?
Wir sind ein sehr großer Kreis, von der Fläche größer als Berlin und haben knapp 410 000 Einwohner. Wir haben noch immer eine Nord-Süd-Debatte innerhalb des Kreises. Im nördlichen Märkischen Kreis wohnen rund 210 000 Einwohner. Unser Ziel war und ist es, die Hürden für eine Impfung möglichst niedrig zu machen, damit sich möglichst viele Menschen impfen lassen können. Man kann den Märkischen Kreis mit den Kennzahlen, die ich eben beschrieben habe, nicht mit der kreisfreien Stadt Herne vergleichen. Herne hat 157.000 Einwohner. Da gibt es einen Schiefstand. Dann kommt bei uns die große Fläche und die ÖPNV-Anbindung hinzu. All das haben wir gegenüber der kassenärztlichen Vereinigung sehr deutlich gemacht und um Unterstützung gebeten. Dort hat man auf die eigenen Vorgaben verwiesen, aber auch Hilfe angeboten, wenn ein zweites Impfzentrum in Iserlohn eingerichtet wird. Das habe ich zum Anlass genommen, um dem NRW-Gesundheitsminister zu schreiben. Wir würden gerne Modellversuche anbieten, zum Beispiel zu den Impfstraßen oder zu Dependance-Lösungen. Das machen wir, weil wir das Impfangebot möglichst niederschwellig halten wollen. Ich habe das auch im Vorstand des Landkreistages zum Thema gemacht, wo daraufhin eine Abfrage unter allen Landkreisen gestartet wurde. Einige wollen bei einem Impfzentrum bleiben, viele wünschen sich ebenfalls zwei Impfzentren.
Woran hakt es dann?
Die offizielle Aussage bleibt bislang (Stand 10. Februar): Ein Impfzentrum pro Kreis.
Die Aussage kommt vom Gesundheitsministerium?
Genau.
Das heißt, das Gesundheitsministerium blockiert im Moment den zweiten Impfstandort im Kreis, den Sie ja schon angemietet haben?
Blockiert würde ich jetzt nicht sagen. Positiv ausgedrückt: Das Ministerium muss das Okay geben. Wir sind in Iserlohn vorbereitet. Wenn das Go kommt, dann können wir starten.
Währenddessen werden Fakten geschaffen, einfach dadurch, dass die Termine nur für das Impfzentrum Lüdenscheid vergeben werden. Haben Sie die Sorge, dass zumindest die Über-80-Jährigen aus dem Nordkreis, sich nicht wie gewünscht impfen lassen, wenn es dieses zweite Impfzentrum nicht gibt?
Ich habe die Hoffnung, dass sich viele impfen lassen. Die Hürden, die da sind, wollen wir abbauen, und daran arbeiten wir seit langer Zeit und auch weiterhin. An uns liegt es jetzt nicht. Ich habe eine Nachbarin, die ist Witwe und hat keinen Führerschein. Wenn man sich nicht auskennt, fährt man nicht so gerne nach Lüdenscheid. Deswegen haben wir ja die Entscheidung für einen Standort in Iserlohn genau so getroffen.

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