Hoffen auf Schnelltests

Interview zur Corona-Lage im MK: Herr Schmidt, ist die zweite Welle schon da?

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Die Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 nimmt wieder zu.

Märkischer Kreis – 118 Neuinfektionen gab es in den vergangenen sieben Tagen (Stand: 13. Oktober). Der sogenannte Inzidenzwert stieg im Märkischen Kreis auf 28,8 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Jan Schmitz sprach mit Volker Schmidt, zuständiger Fachbereichsleiter beim Kreis, über die aktuelle Corona-Lage.

Ist die zweite Welle schon da? 
Ja. Auch bei uns steigen die Fallzahlen an und die Anzahl der Kontaktpersonen, die unter Quarantäne gestellt werden müssen.
Wie ist denn derzeit die Corona-Lage im Vergleich zum Frühjahr? 
Wir kommen jetzt allmählich wieder an die Fallzahlen vom Frühjahr heran. Bei den Kontaktpersonen, die unter Quarantäne stehen, betreuen wir wie im Frühjahr schon wieder mehr als 1 000 Personen. Das hat insbesondere mit den Schulklassen und Kindergärten zu tun. Der Arbeitsaufwand jetzt ist mit dem Aufwand im Frühjahr vergleichbar.
Können Sie mit Blick auf das Infektionsgeschehen Schwerpunkte ausmachen? 
Die erhöhten Fallzahlen gehen nicht auf Schulen und Kitas zurück. Das sind immer nur Einzelfälle. Auffällige Infektionsgeschehen erleben wir überwiegend bei großen und kleinen Familienfeiern. Man kann schon sagen, dass dort ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Im gesamten Kreis ist das Infektionsgeschehen aber unter dem Strich relativ diffus. 
Erwarten Sie durch die Herbstferien eher eine Entspannung der Lage oder zusätzliche Risiken?
Wir erwarten für uns eine etwas einfachere Situation, weil die Schulen geschlossen sind. Das heißt, dass das Abtelefonieren und Testen von ganzen Schulklassen im Rahmen der Kontaktnachverfolgung – was uns sehr viel Arbeit gemacht hat – jetzt 14 Tage lang weniger werden kann. Das verschafft uns hoffentlich auch ein bisschen Luft. 
Sie verweisen auf die Familienfeiern. Sind die Leute unvorsichtiger geworden?
Bei privaten Feiern muss man laut der aktuellen Vorgaben nicht unbedingt den Abstand wahren und keine Maske tragen. Das erhöht automatisch das Ansteckungsrisiko. Wenn viele Leute in einem Raum sitzen und nicht immer vorbildlich gelüftet wird, kann es zu Infektionen kommen. Ich will gar nicht sagen, dass die Leute unvorsichtiger geworden sind, aber man muss jetzt noch mehr drauf achten, weil nun viele Feiern nicht mehr im Freien stattfinden, sondern in Wohnungen oder in Veranstaltungsräumen. 
Konnten Sie in den vergangenen Wochen Infektions-Cluster ausmachen, die auf einzelne Familienevents zurückgehen?
Es gab bei uns bestimmte Feiern, bei denen sich eine ganze Reihe von Personen angesteckt haben. Dann ist es sehr schwer, die Infektionsketten nachzuvollziehen, weil die Personen, die an diesen Feiern teilgenommen haben, woanders arbeiten oder in die Schule gehen und sich das Virus dort weiterverbreiten kann. Da haben wir schon gewisse Schwierigkeiten bei der Kontaktnachverfolgung.
Wir sind gerade, wenn es um diese Kontakte geht, schon am Limit.
Sind die Feiernden kooperativ?
Überwiegend ja, aber auch nicht immer. Das macht es schwierig, gerade wenn wir nachfragen und keine klaren Antworten bekommen.
Es gibt derzeit relativ wenig schwere Verläufe der Erkrankung. Worauf führen Sie das zurück?
Derzeit sind es in erster Linie jüngere Menschen, die sehr mobil sind, die zusammenkommen, sich anstecken und andere Menschen infizieren. Zudem haben wir ältere Menschen, gerade in den Pflegeheimen, besser geschützt als noch im Frühjahr. Das kann sich aber auch wieder ändern. Es gibt keine Garantie, dass das so bleibt. Der Appell lautet, dass die Jüngeren bei ihrem Verhalten auch daran denken, dass Eltern und Großeltern die Krankheit vielleicht nicht so gut wegstecken können wie sie selbst.
Welche Rolle spielen die Corona-Warn-App und die Gästelisten in der Gastronomie bei der Kontaktnachverfolgung? 
Bei uns spielt die Corona-Warn-App keine Rolle bei der Kontaktnachverfolgung, Gästelisten in wenigen Fällen. Der Schwerpunkt sind dort meistens Feiern, die nicht in einem Restaurant stattfinden, sondern beispielsweise in Veranstaltungsräumen. Und dort ist für uns ganz wichtig, dass es solche Listen gibt, die dann natürlich auch vollständig ausgefüllt werden müssen. 
Wie schaut der Krisenstab auf die Inzidenzwerte von 35 und 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner in einer Woche?
Für uns ist der Inzidenzwert handlungsleitend. Er ist auch Maßstab und Grenzwert dafür, was ein Gesundheitsamt bearbeiten kann, insbesondere wenn es mehr Neuinfizierte und entsprechend mehr Kontaktpersonen gibt. Der Ministerpräsident hat am Sonntag gesagt, dass bei einem Inzidenzwert von 35 oder 50 ab dem 1. November auch landesweite Regelungen gelten sollen, bei denen zum Beispiel die Zusammenkunft im öffentlichen Raum auf fünf Personen beschränkt werden. Wir beobachten daher sehr genau, wie sich dieser Wert bei uns entwickelt.
Fachbereisleiter Volker Schmidt zur aktuellen Corona-Lage.
Helfen Ihnen landesweite Regeln?
Es ist auf jeden Fall eine Vereinfachung. Wir müssen sehen, dass wir bei den Regeln nicht zu kleinteilig werden. Ich denke, der kreisweite Wert ist schon die richtige Größenordnung. Da hilft es uns schon, wenn es einheitlich Maßnahmen gibt, die vom Land mitgetragen werden, als wenn in jeder Stadt oder jedem Kreis andere Regeln gelten.
Erwarten Sie denn in den nächsten Wochen eine Steigerung der Fallzahlen?
Ja, ganz klar. Wie hoch das gehen wird, weiß ich nicht, aber der Trend ist relativ eindeutig. Er wird sich in den nächsten Wochen wahrscheinlich auch nicht umkehren. 
Was benötigen Sie als Gesundheitsamt, um für die neue Lage – sofern sie denn kommt – bestmöglich vorbereitet zu sein? 
Meine große Hoffnung basiert auf den Corona-Schnelltests, die angekündigt sind. Da muss man mal sehen, in welcher Form man die Tests einsetzen kann. Das könnte eine Arbeitserleichterung bringen. Der zweite Punkt ist Personal. Wir haben inzwischen viele externe Kräfte eingestellt, im November sollen weitere folgen. Der Personalbereich ist ein limitierender Faktor. Ich hoffe, dass wir mit einer etwas anderen Teststrategie und entsprechend mehr Personal gut durch den Winter kommen. 
Haben Sie die Teststrategie bereits auf eine Testung umgestellt?
Noch nicht. Wir werden zum Ende der Herbstferien die Teststrategie überarbeiten und anpassen. Da sind wir im Augenblick aber noch mitten in der Diskussion. Es ist unser Ziel, dass wir mit dem Schulbeginn nach den Herbstferien eine neue Teststrategie haben. Dann könnten die Schnelltests schon eine Rolle spielen.
Sie haben am Freitag an der Telefonkonferenz mit allen Krisenstabsleitern teilgenommen. Wie wird die aktuelle Situation in den Krisenstäben im Land wahrgenommen? 
Es ist eine gewisse Anspannung zu spüren, aber keine Panik oder Verzweiflung. Wir blicken alle mit Sorge in die nächsten Wochen und Monate. 
Gibt es Ihrer Meinung nach einen zweiten Lockdown?
Nein, das glaube ich nicht. Es wird lokal sicherlich Beschränkungen geben, aber dass alle Geschäfte wieder schließen, kann ich mir nicht vorstellen. Es liegt ja an uns allen selbst. Wenn man sich an die AHA-Regeln hält und dann auch noch lüftet, kann man die Entwicklung der Fallzahlen beeinflussen. Insofern hat es jeder selbst in der Hand, wie es ausgehen wird.

Was rund um das Coronavirus im Märkischen Kreis geschieht, erfahren Sie in unserem Corona-Ticker.

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