Insolvenz-Versteigerung bei Paulmann & Crone

Leisteten stundenlang Schwerstarbeit: Versteigerer Rolf Stankowski (re.) und Assistent Dirk Biermann.

ÜDENSCHEID ▪ Hochbetrieb bei Paulmann & Crone: Die Parkplätze am Timberg stehen voll, und in vielen Autos stecken Kunststoffteile, die hier hergestellt wurden. Doch die Besitzer der Wagen sind weder Kunden noch Beschäftigte. Sie sitzen drinnen in der freigeräumten Montagehalle für Getränkehalter auf blauen Plastikkisten und halten Bieterkarten hoch. Darauf steht: „Sie machen das gut!“

An diesem trüben Donnerstag kommt das Traditionsunternehmen Paulmann & Crone unter den Hammer, 1851 gegründet und laut Internetauftritt „überzeugender Systemlieferant der Automobilindustrie“. Einen Hammer hat Versteigerer Rolf Stankowski aus Hagen gar nicht dabei. Wenn er auf seinem Thron aus Paletten „...zum Dritten!“ ins Mikrofon ruft, reicht ihm zur Bekräftigung ein kräftiger Klopfer auf die Tischplatte.

Stankowski braucht harte Fingerknöchel. In dem Heftchen, das jedem der gut 100 Bieter auf den Knien liegt, stehen fast 2000 Positionen, die heute alle weggehen sollen. Da ist die Empfangstheke (halbrund, ca. 7 laufende Meter mit Glasablage), der Spind der Damen-Umkleide (80-türig, mit Bänken), die Kniehebelpresse (aus Raum 2) oder der Drehstuhl des Betriebsrates (mit Armlehnen). Heute geht‘s meist um Möbel und Kleinkram, die großen Maschinen sind erst am 8. Juni dran.

„Der Laserdrucker für 30, sehe ich die 40? Da 40, hier nochmal 50. Die 50 zum ersten, noch jemand? Zum zweiten ...und zum Dritten!“ Stankowski klopft wieder, steigert sich warm, die Bieter sitzen reglos auf ihren Kisten und sind doch im Schnäppchenfieber. Zwei Bekannte bieten um einen Laserdrucker, bis der Versteigerer fragt: „Sie sind doch zusammen hier!“ Als sie nicken, nimmt er das letzte Gebot zurück: „Wir sind ja fair.“

Fairness hätte sich die kleine Gruppe ehemaliger Paulmänner, die draußen zum Rauchen im Eingang des erst 2002 errichteten Neubaus steht, im Kampf um ihre Arbeitsplätze auch gewünscht. „Den Gelben Salon vermisse ich“, sagt einer. Das war der Raucherraum. Eine Kollegin, früher im Einkauf, erzählt, dass sie vor Wut gerade im Garten die Hecke rausgerissen hat. „Das hätte nicht sein müssen, wenn VW damals...“ Aber VW hat nicht.

Am Freitag haben sich die letzten 50 von einst 400 Leuten zum Kehraus getroffen. „Nicht mal die Hälfte davon hat wieder Arbeit.“ Da denkt man wieder ans Internet, an den Link „Wir über uns“: „Eine ausreichende Rendite sichert unsere Arbeitsplätze und stärkt die Wirtschaftskraft der Region“, steht da.

Am Freitag haben die 50 draußen an der Straße eine Fahne gehisst. Mit Totenkopf.

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