Massive Kritik

Ärger über Müll und Ordnungsamt an falscher Stelle

Mit grossem Aufgebot wird die Einhaltung von Corona-Regeln kontrolliert wie hier an einer Bushaltestelle. Andere notwendige Sicherheitskontrollen blieben hingegen aus, kritisieren Geschäftsleute und Innenstadt-Besucher.
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Mit grossem Aufgebot wird die Einhaltung von Corona-Regeln kontrolliert. Andere notwendige Sicherheitskontrollen blieben hingegen aus, kritisieren Geschäftsleute und Innenstadt-Besucher.

Es sollte ein nettes Intermezzo sein, ein kleiner Lichtblick in der durch Baustellen gebeutelten Innenstadt, als Magier Arnd Clever Passanten in Höhe des Karussellplatzes unterhielt. Doch Pöbler störten den kleinen Auftritt zum Ärger aller Beteiligten. Das ist kein Einzelfall.

Lüdenscheid - Ein vom Lüdenscheider Stadtmarketing (LSM) gebuchter Kultursommer-Auftritt: Immer freitags und samstags, noch bis Ende September, läuft ein buntes Programm aus Straßen- und Kleinkunst, Musik, Tanz, Kinderspaß. Oder eben mit ein paar magischen Momenten: Die Menschen blieben stehen, Kinder hatten Spaß, die Tricks faszinierten, das Wetter spielte mit. Dann ging ein Mann auf den Zauberer zu, pöbelte, beschimpfte ihn auf Englisch und Deutsch, zerstörte die Atmosphäre, ängstigte die Kinder und zwang LSM-Mitarbeiterin Katja Schlorff zum Einschreiten. Unter den Zuschauern regte sich Unmut, der schmächtige Störer trollte sich, kam später mit einem großen Kumpel zurück. Beide bezogen Stellung, aber offensichtlich dauerte ihnen die halbstündige Pause bis zum nächsten Auftritt zu lange. Sie gingen.

Kein Einzelfall, im Gegenteil. Mittlerweile kennt Katja Schlorff ihre wechselnden Pappenheimer. Unangenehme Begegnungen seien das, mit Kerlen, die Mädchen anquatschen, Betrunkenen, die Zuschauer belästigen, Störern, die randalieren. Dann ist sie notgedrungen ihr eigenes Ordnungsamt.

„Ich seh’ da auch gar keine Unterstützung“, bestätigt LSM-Geschäftsführer André Westermann. Auch nicht in anderer Hinsicht: lange Genehmigungszeiten sogar für wiederkehrende Abläufe, für Sondernutzungen, ärgern ihn. Dabei war die Blaupausen-Regelung Konsens in der interfraktionellen Arbeitsgruppe im Juni 2020, als man die Corona-Folgen unter anderem mit beschleunigter Bearbeitung mildern wollte. Eine kleine Arbeitsgruppe, die sich auf Wunsch des damaligen Bürgermeisters Dzewas „proaktiv um schnelle und pragmatische Lösungen nach Antragstellungen“ kümmern soll, sei gar nicht erst gegründet worden, sagt Stadtsprecherin Marit Schulte-Zakotnik – weil es 2020 kaum Aktionen gegeben habe. Zudem gebe es keine Blaupause X für eine Veranstaltung.

So ensteht die paradoxe Situation, dass das Stadtmarketing auf vielerlei Weise versucht, die Stadt zu beleben, dafür aber Rückhalt aus den eigenen städtischen Reihen fehlt. „Es gibt Leute, die sagen, es sei alles falsch was wir machen. Wir werden eigentlich immer blockiert. Das macht müde“, so der LSM-Geschäftsführer. Inzwischen, sagt die Stadtsprecherin, „wurde die Terminabsprache des Ordnungsamtes, unter anderem mit dem Stadtmarketing, intensiviert“.

Kontrollen mit „hässlichem Beigeschmack“

Das Ordnungsamt ist viel unterwegs. Am liebsten in der Gastronomie: Auch beim Flutlichter-Spenden-Konzert im Steinert-Biergarten tauchte eine Streife gegen 21.30 Uhr auf, hatte keine Einwände gegen das Tanzen unter freiem Himmel, aber gegen das Bierholen ohne Maske unter kontrollierten 3-G-Bedingungen. Doch nicht nur Gastronomen stöhnen angesichts der intensiven Kontrollen, auch wenn sie eine gewisse Notwendigkeit sehen. Als am 31. Juli mehrere Friseure eine große Haarschneide-Aktion zugunsten der Flutopfer auf dem Graf-Engelbert-Platz durchführten, fühlten sich die Initiatoren plötzlich selbst als Störenfriede hingestellt. „Das Ordnungsamt hat massiv kontrolliert, aber es war alles angemeldet“, sagt Mit-Initiator Jan Riepegerste. Er erinnert sich: „Das hatte einen hässlichen Beigeschmack.“ Der Vorfall hat die Stimmung getrübt. „Wir brauchen ein Wir-Gefühl,“ sagt Jan Riepegerste nach dem Erlebnis, „und das haben wir nicht.“ Ohnehin gebe es nur wenige Flecken in der Stadt, wo man sich aufhalten möchte. Da müsste doch eigentlich jede Initiative willkommen sein.

Dort, wo Bürger und Geschäftsleute auf stärkere Kontrolle hoffen, fehlt sie. Sauberkeit, Sicherheit, Wohlfühlatmosphäre – davon spürt Eckhard Linden schon lange nichts mehr. Nun will der Tee-Händler, auch im Namen von Nachbarn, einen Brief an Bürgermeister Wagemeyer schreiben. Unter anderem Rechtsanwalt Dominik Petereit wird das unterstützen. Der FDP-Ratsherr möchte das Thema, das er durchaus als gesellschaftliches Problem sieht, nun in die Politik tragen. Viele Kritikpunkte kenne er „von Hörensagen“. Aber tagtäglich fällt ihm auf, „dass es hier unheimlich dreckig geworden ist“.

„Es brodelt“, sagt Eckhard Linden: „Viele wissen nicht mehr, was sie tun sollen.“ Einzelhändler schließen schon am späten Nachmittag, weil ihre Kunden dann nicht mehr in die Stadt wollten. Der Stadt entgleite die Ordnungshoheit, davon ist er überzeugt. Rasende Rad- und E-Scooter-Fahrer, die in der Fußgängerzone Passanten gefährdeten. Müll. Randale. Belästigungen. Das Ordnungsamt verweise auf die Polizei, die aufs Ordnungsamt, nur durchgegriffen werde nicht: „Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“

Von unterschiedlichen Problemen sprechen auch Anlieger des Rosengartens. L’Aperitivo-Wirt Rocky Della Fera ärgert sich unter anderem über vergammelte, verwitterte Bänke, vor allem aber über Vermüllung: „Sonntags kann man hier nicht durchgehen. Fürchterlich.“ Mehr Mülleimer seien dringend nötig. Einer sei damals fürs Public Viewing ab- und nie wieder aufgebaut worden.

„Der muss wieder hin“, verspricht Andreas Fritz, stellvertretender STL-Werkleiter. Weiteres Ärgernis: Wildpinkeln und Fäkalien. Dem versucht man, „notfalls mit Nassreinigung“ beizukommen. Doch der Geruch gehe in den Beton. Täglich wird gereinigt, auch sonntags, heißt es. Letzteres habe man allerdings „unter Corona etwas schleifen lassen“. Nun sei sonntags morgens wieder jemand unterwegs, um Papierkörbe zu leeren und groben Dreck zu beseitigen, denn: „Wenn etwas gepflegt ist, ist die Hemmschwelle viel größer.“ Nicht nur manchen Bürgern fehlt jede Hemmschwelle. In einem besonders dreisten Fall wird nun die angemeldete Behältergröße eines Geschäftes kontrolliert: „Wir haben gemerkt, dass die ihren Müll in öffentlichen Mülleimern entsorgen.“

Sauberkeit, Sicherheit, Wohlfühlatmosphäre: „Um mittel- bis langfristig die Präsenz und das Sicherheitsgefühl in der Innenstadt zu stärken, muss der Einsatz der Ordnungskräfte in der Innenstadt professionalisiert und erweitert werden“, räumt Marit Schulte-Zakotnik ein. Man entwickele derzeit neue Konzepte, „wie zum Beispiel Polizei, städtische Ordnungskräfte und ggf. private Sicherheitsdienste noch effektiver zusammenarbeiten können“. Die Wohlfühlatmosphäre, so die Hoffnung, kommt mit Abschluss der Innenstadtumgestaltung. Bis dahin rät die Stadt: Wer Vorfälle melden und Hinweise auf Probleme geben wolle, könne montags bis samstags die Einsatzleitung des Ordnungsamtes anrufen (Tel. 0 23 51 / 17 12 03) oder rund um die Uhr eine E-Mail schreiben an einsatzleitung-32@luedenscheid.de.

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