Innenminister angetan von „Warnschusstag“

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Als guter Zuhörer und Nachfrager erwies sich NRW-Innenminister Ralf Jäger bei der Polizei in Lüdenscheid, hier eingerahmt von Landrat Thomas Gemke (rechts) und den Landtagsabgeordneten Angela Freimuth (FDP) und Gordan Dudas (SPD). ▪

LÜDENSCHEID ▪ Einen Innenminister zum Staunen zu bringen, gelingt nicht jeden Tag. Die Polizeiinspektion Süd hat das gestern geschafft – mit ihrem Präventionsprogramm „Knast heißt, die nächste Party startet ohne dich“. Als PI-Leiter Bernd Scholz dieses hoch effektive Konzept vorgestellt hatte, das straffällig gewordene Jugendliche wieder in die Spur bringt, sagte NRW-Minister Ralf Jäger: „Ich bin sehr beeindruckt davon, was Sie hier mit Bordmitteln machen. Das Konzept schicken Sie mir bitte nach Düsseldorf.“

Vor allem eine Zahl überzeugte: Die Rückfallquote bei 62 jugendlichen Tätern, die mit drei oder mehr Delikten im Jahr an der Schwelle zum Intensivtäter stehen, lag hier unter zehn Prozent – üblich sind 70 bis 80. Erreicht wurde dieses Ergebnis in erster Linie durch den „Warnschusstag“, den die Lüdenscheider Beamten dem Minister ausführlich schilderten. Gefährdete Jugendliche lernen dabei, was sie im Knast erwarten würde: In der Schleuse zur Justizvollzugsanstalt Drüpplingsen von einem Oberwärter erst zusammengefaltet und dann durchsucht, reden sie anschließend mit Strafgefangenen, die ihnen schonungslos den Alltag im Bau beschreiben – bis hin zum Suizid des Zellennachbarn.

„Davon bleibt keiner unberührt“, berichteten die Beamten. Jäger, erklärter Gegner des politisch viel diskutierten Warnschuss-Arrests, hält den Warnschusstag auf freiwilliger Basis für nachahmenswert, wegen des Erfolgs und der Kosten: 36 000 Euro kostet ein Haftplatz, 300 Euro das ganze Präventionskonzept.

Die Personalkosten sind dabei allerdings nicht eingerechnet, und über den Mangel an Beamten berichtete denn auch Lüdenscheids Wachenleiter Bernd Kleine: „Die Kollegen arbeiten am Limit, und das schon lange. Sie glauben uns allmählich nicht mehr, wenn wir die Versprechen der Politik weitergeben.“ Landrat Thomas Gemke, der sich froh zeigte, die 20 MK-Beamten heil wiederzuhaben, die bei den jüngsten Krawallen in Dortmund eingesetzt waren, forderte von Jäger denn auch die vorschriftsgemäße Mindestausstattung – und die lange versprochene Generalsanierung der Inspektion.

Für letzteres will sich Jäger in Düsseldorf einsetzen, trotz Finanzklemme. Zum Personal sagte er: „Wir haben landesweit jetzt 1400 Anwärter eingestellt. Es mangelt zurzeit nicht an Stellen, sondern an geeigneten Bewerbern.“ Die in sechs Jahren einsetzende große Pensionierungswelle werde aus seiner Sicht nicht aufzufangen sein – da helfe nur eine Umorganisation. ▪ hgm

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