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LÜDENSCHEID ▪ „Erst war es nur eine Schnapsidee“, erinnert sich Henrich Schlötermann. Aber als der Geschäftsführer der Firma SHC Kaltverformung eine Nacht drüber geschlafen hatte, sagte er sich: „Warum eigentlich nicht?“ Und so entstand ein Joint Venture, das in Lüdenscheid wohl einmalig ist. Seit dem 1. Juni arbeitet der japanische Ingenieur Koji Kitahara als hochspezialisierter Kaltformer bei SHC – für drei Monate.

Der Fachkräftemangel in der Industrie und jetzt noch die Urlaubszeit – Schlötermann hatte Mühe, die Kapazitäten seiner Bolzenpressmaschinen auszulasten. Ein Teil des Maschinenparks in dem 35-Mann-Betrieb an der Lösenbacher Landstraße stammt von dem japanischen Maschinenbauer Nakashimada Engineering Works in Fukuoka. Das ist 1500 Kilometer weit weg von Fukushima. Und doch ist die Region von der Reaktorkatastrophe betroffen. Stresstests in den japanischen Atommeilern sorgen für Stromknappheit. Firmeninhaber Masahiro Nakashimada sagt: „Wir können derzeit nur drei Tage pro Woche produzieren.“

So kam es im März während eines Geschäftskontaktes zwischen Schlötermann und Nakashimada eher zufällig zur Lösung des Problems. Der Lüdenscheider sagte zu dem Japaner: „Du hast keinen Strom, ich habe keine Leute, also her mit deinen Leuten!“ Voraussetzung: Sie müssen Maschinen bedienen und wenigstens ein bisschen Englisch können. Das passte genau auf Koji Kitahara. Er hat die Maschinen, an denen er arbeitet, gebaut. Und er war schon viermal für je drei Monate beruflich in den USA, wie er im LN-Gespräch berichtet.

Lange musste er nicht überlegen. „Mein Chef hat mich gefragt, und am nächsten Tag habe ich Ja gesagt.“ Als der 48-Jährige in Lüdenscheid auftauchte, hatte er sich die wichtigsten deutschen Vokabeln auf den Handrücken geschrieben. Und seine Gastgeber hatten ihm eine Wohnung eingerichtet und einen Gebrauchtwagen vor die Tür gestellt.

Von Deutschland habe er „nichts außer Würstchen und Bier gewusst“, sagt der freundliche Mann. Jetzt kennt er schon eine ganze Menge mehr – und versteht sich prächtig mit seinen Kollegen in der Presserei, drei Deutschen und zwei Türken, trotz aller Sprachbarrieren. „Es geht mit Händen und Füßen“, lacht Koji.

Was er am Sauerland am meisten mag, ist für den Ingenieur schnell beantwortet. „Hier ist es viel ruhiger, nicht so hektisch. Und es ist überall schön grün.“ Am Firmenlauf hat er teilgenommen – und danach entdeckt, was er außerdem wirklich liebt an Deutschland. „Deutsches Bier!“

Olaf Moos

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