Immerhin eine Strafe, aber keine Wiedergutmachung

LÜDENSCHEID ▪ „Keinerlei Reue, keine Entschuldigung, kein Brief, nix! Der hat uns über den Haufen gefahren, und es ist ihm scheißegal.“ Die beiden jungen Männer, begeisterte Radler, sind jetzt noch, zehn Monate nach dem schweren Unfall auf der Platehofstraße, schwer gezeichnet, von Narben übersät, arbeitsunfähig – und verbittert. Der ältere von ihnen, ein 26-jähriger Industriemechaniker, hat nur knapp überlebt. Ob sie die Spätfolgen ihrer Verletzungen jemals überwinden können, steht in den Sternen.

Das Jugendschöffengericht, stellt der Vorsitzende Richter klar, „kann hier keine Wiedergutmachung oder Genugtuung für die Opfer leisten“. Und doziert über die „ausgeprägte Sorglosigkeit“, mit der der Angeklagte am 23. Oktober unterwegs gewesen ist. Eine Folge des Marihuana-Konsums vor der Fahrt. „Ich war auf dem Weg zu meiner Freundin“, sagt der Azubi (21) und senkt den Kopf.

Mit 130 bis 140 Km/h in Papas Golf am Versebach entlang, und kurz vor dem Wasserwerk Treckinghausen beginnt die Drift auf die Gegenfahrbahn. Der Kfz-Sachverständige Lutz Boelter aus Neuenrade sagt: „Wenn Sie bei diesem Tempo in der Kurve die Kontrolle verlieren, sind Sie nur noch Passagier.“ Heißt: Dann ist nichts mehr zu retten.

Es erwischt die Schwager, die in Gegenrichtung radeln, mit voller Wucht. Boelter: „Ein Bremsmanöver ist nicht nachweisbar.“ Der Wagen schlingert über eine Strecke von 180 Metern.

Dem Jüngeren, heute 22 Jahre alt, reißt beim Aufprall eine Arterie, Knochen brechen, die Linke Hand ist bis heute kaum zu gebrauchen. Seinem Schwager ergeht es noch schlimmer: offener Schädelbruch mit Hirnblutungen, Fraktur des Augenhöhlenknochens, komplizierter Oberarmbruch, Trümmerbruch im Oberschenkel, Risse in Lunge und Leber, Verlust einer Niere, acht Wochen Koma, eine Operation nach der anderen, viereinhalb Monate Klinik.

Strafverteidiger Heiko Kölz fragt die Opfer, ob sie nun „ein Wort des Bedauerns“ von seinem Mandanten entgegennehmen wollen. „Das ist für mich ein bisschen spät“, sagt der eine. „Heute nicht mehr“, der andere. Zwei Vorstrafen stehen im Register des 21-Jährigen. Wegen Unterschlagung, Betruges und Urkundenfälschung. Und zwei Verkehrsverstöße: wegen Raserei.

Der Staatsanwalt fordert ein „deutliches Ausrufezeichen“. Das Jugendschöffengericht übertrifft seinen Antrag noch. Das Urteil: eine Woche Dauerarrest, 1000 Euro Geldstrafe, zu zahlen an die Drogenberatungsstelle, 100 Sozialstunden, und noch acht Monate Führerschein-Entzug. Eine Strafe, aber keine Wiedergutmachung.

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