Immer weniger Organspenden

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Dr. Klaus Kalb: „Jeder sollte einen Ausweis besitzen. Auch wenn darauf angegeben ist, dass man nicht spenden möchte.“

Lüdenscheid - Manipulationen, Richtlinienverstöße, Skandale – seit dem Organspendeskandal ist das Vertrauen gegenüber Ärzten massiv zurückgegangen. Auch die Anzahl der Spenden ist in Nordrhein-Westfalen 2013 um knapp 12 Prozent gesunken.

Dies geht aus dem Newsletter der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hervor. Im LN-Gespräch informiert Dr. Klaus Kalb im Rahmen des Weltnierentages zum Thema Organspende. Er ist Transplantationsbeauftragter und Facharzt für innere Medizin im Bereich der Nephrologie der Märkischen Kliniken.

Zunächst gibt es eine Unterscheidung zwischen Lebend- und postmortaler Spende. Das bedeutet, dass die Ärzte bei der spendenden Person vorher den Hirntod festgestellt haben. Im Jahr 2013 sei die Anzahl der postmortal gespendeten Organe in NRW insgesamt um 11,8 Prozent gesunken. Besondere Abweichungen gebe es bei der Leber (-16,9 Prozent) und bei der Niere (-12,5 Prozent). Beim Dünndarm (-0 Prozent) und bei der Lunge (-6 Prozent) hingegen gebe es kaum Veränderungen.

Im Vergleich zur Lebendspende kämen postmortale Spenden dreimal so oft vor, wobei Kalb betont, dass die Anzahl der Lebendspenden trotzdem gestiegen sei. Diese seien generell nur bei verwandten oder „emotional verbundenen“ Personen möglich. Fremde Menschen könnten nicht spenden, da sie zwar mit einer Niere leben könnten, jedoch nur zwei Jahre lang von der Krankenkasse geschützt seien. Vorteile der Lebendspende seien, dass der Zeitpunkt der Organübertragung festgelegt werden könne und dass das Infektionsrisiko vorher gesenkt werden könne. Im Allgemeinen sei die Gefahr der Infektion die häufigste Folge einer Transplantation.

Im Klinikum keine Operationen

In den Märkischen Kliniken werden verstorbene Patienten bei der DSO gemeldet, die Operationen jedoch finden nicht im Hause statt, sagt Kalb. „Die Organe werden in der Regel nach Münster, Essen oder Köln weitergeleitet. Lediglich Hornhauttransplantationen werden in unserer Klinik durchgeführt. Wir kümmern uns nur um die Nachsorge.“ Wenn die Patienten zu alt sind, weisen sie des öfteren Vorerkrankungen auf, sodass die Organe nicht mehr verwendet werden können.

„Seit dem Skandal wurden die Richtlinien sehr verschärft“, erklärt Kalb: „Die Transplantationen werden vorher von einer sogenannten Kommission, der 6-Augen-Kontrolle, von mindestens drei voneinander unabhängigen Ärzten überprüft.“ Obwohl die Manipulationen nicht im Bereich der Nierentransplantationen waren, ist die Bereitschaft zur Nierenspende zurückgegangen. Kalb betont, dass der Betrug bedauerlich sei: „Es gibt leider immer schwarze Schafe – auch unter Ärzten.“ Auf die Frage, wie man das Vertrauen der Patienten wieder zurückgewinnen könnte, antwortet er: „Nur mit der Zeit.“ Jedoch macht Kalb ein Mal im Jahr auf einer Fortbildungsveranstaltung zur Patientenselbsthilfe auf Spenderausweise aufmerksam und klärt die Interessenten auf.

2013 20 Prozent weniger Ausweise

Die Befürchtung vieler Menschen, dass Ärzte nachlässig bei der Behandlung seien, wenn man einen Organspendeausweis hat, kann Kalb nicht nachvollziehen: „Das ist undenkbar. Die Ärzte hätten doch nichts davon.“ Zur weiteren Angst, dass der Hirntod nicht sicher festgestellt würde, kann Kalb sagen: „Das ist absolut sicher. Es wird niemandem ein Organ entnommen, bevor der Hirntod vollständig nachgewiesen worden ist.“ Im letzten Jahr wurden 20 Prozent weniger Ausweise verteilt. Das hält Kalb für problematisch. Denn am Ende müssen die Familienangehörigen über die Organspende entscheiden. „Jeder sollte einen Ausweis haben, auch wenn darauf angegeben ist, dass man nicht spenden möchte. Das würde die Sache deutlich einfacher machen.“ - Von Ceyda Neccar

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