Von der Schuleingangsuntersuchung bis zur Brunnenbesichtigung:

Gesundheitsamt im Corona-Stress: Diese Aufgaben bleiben deshalb liegen

Volker Schmidt Märkischer Kreis
+
Volker Schmidt ist oberster Corona-Bekämpfer des Kreises.

Wegen Corona werden keine Brunnen mehr besichtigt. Wegen Corona schaut kein Schulzahnarzt den Kindern mehr in den Mund. Wegen Corona hat eine Abteilung im Gesundheitsamt plötzlich mehr als doppelt so viele Mitarbeiter wie vorher.

Märkischer Kreis - Was steckt dahinter? Volker Schmidt, oberster Corona-Bekämpfer des Kreises, erklärt es im Interview mit Willy Finke.

Herr Schmidt, als Fachbereichsleiter für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz sind Sie auch Chef des Gesundheitsamtes im Märkischen Kreis. Die Bekämpfung der Corona-Pandemie stellt für das Amt eine extreme Herausforderung dar. Wie bewältigen Sie das personell, inwieweit hat sich Ihr Personalbestand geändert?

Der für den gesamten Infektionsschutz verantwortliche Bereich ist der Fachdienst 74 Gesundheitsschutz und Umweltmedizin. Er sitzt im Altenaer Kreishaus. Vor Corona hatten wir dort knapp 30 Stellen. Mittlerweile hat der Kreistag die Einrichtung 50 weiterer Stellen beschlossen, die größtenteils auch schon besetzt sind.

Das heißt, der Fachdienst wird auf Dauer 80 Mitarbeiter haben?

Nein, das gilt erst einmal nur für die Dauer der Pandemie. Allerdings werden wir einen Teil – vielleicht sogar einen Großteil – des Personals in andere Funktionen überführen und dort gut einsetzen können. Wir haben ja nicht nur im Gesundheitsamt, sondern in der ganzen Verwaltung noch sehr viele unbesetzte Stellen.

Es werden keine neuen Planstellen geschaffen

Es werden also keine neuen Planstellen geschaffen?

Richtig. Wir suchen seit geraumer Zeit Mitarbeiter für offene Planstellen und finden keine. Das ist bedingt durch den allgemeinen Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung.

Daneben haben Sie in der Pandemie-Bekämpfung aber auch noch weitere Unterstützung?

Ja, wir haben Aushilfen vom Land und vom Bund bekommen, dazu auch von der Bundeswehr. Diese Helfer, zum Beispiel auch Finanzbeamte, sind natürlich nur zeitweilig von ihren Dienstherren zu uns abgeordnet. Am Ende werden das noch einmal etwa 40 Personen sein.

Befindet sich unter den 50 neu eingestellten Kräften auch ärztliches Personal?

Da hatten wir in der Tat schon vor Corona Mangel. Wir haben jetzt aber eine Ärztin gewinnen können; vielleicht kommt noch eine zweite dazu. Dabei geht es nicht immer nur um Vollzeit- sondern auch um Teilzeitstellen.

Werden die Umbesetzungen innerhalb des Gesundheitsamtes zugunsten der Corona-Bekämpfung nach der Pandemie rückgängig gemacht?

Ja, das sind keine dauerhaften, sondern allein der aktuellen Lage geschuldete Maßnahmen.

Tuberkulose wird nicht vernachlässigt

Welche Auswirkungen hat die Fokussierung auf Corona auf die restliche Arbeit im Gesundheitsamt? Was darf ganz einfach nicht vernachlässigt werden?

Um zunächst einmal im Fachdienst Gesundheitsschutz und Umweltmedizin zu bleiben: Es gibt ja neben Corona noch andere Infektionserkrankungen, die sind nicht plötzlich einfach weg. Wir haben Tuberkulosefälle, Masernerkrankungen, Meningokokken-Meningitis-Kranke. Das sind zwar in der Regel Einzelfälle, aber denen muss man natürlich nachgehen.

Das bedeutet?

Dass man zum Beispiel – ähnlich wie bei Corona – Kontaktpersonen ermittelt und schaut, dass die medizinische Versorgung entsprechend anläuft.

Was müssen Sie außerhalb des Infektionsschutzes zwingend weiter leisten?

Da ist zum Beispiel der Bereich der Trinkwasserversorgung. Wir müssen Haus-Installationen überwachen und überprüfen. Die Hauseigentümer sind ab einer gewissen Größenordnung zur regelmäßigen Legionellen-Kontrolle im Trinkwasser verpflichtet. Wenn eine erhöhte Anzahl festgestellt wird, muss uns das gemeldet werden, damit wir dem nachgehen können.

Das heißt, beim Trinkwasser kommen Sie allen ihren Aufgaben nach?

Nein. Ein Problem sind die sehr ländlich gelegenen Häuser, die nicht ans öffentliche Trinkwassernetz angeschlossen sind. Diese beziehen ihr Trinkwasser aus eigenen Brunnen. Entsprechende Brunnenbesichtigungen, die wir eigentlich vornehmen müssten, können wir zurzeit nicht leisten. Wenn es allerdings eine konkrete Verunreinigung gibt, müssen wir uns natürlich darum kümmern und anlassbezogen prüfen.

Nicht mehr jedes Kind wird untersucht

Werden Sie Ihren kinder- und jugendärztlichen Aufgaben noch gerecht?

Schuleingangsuntersuchungen können wir nicht mehr in jedem Fall anbieten. Wir kümmern uns aber besonders um die Kinder, bei denen es einen klaren Bedarf gibt. Das gilt zum Beispiel gerade für die Kinder, die einer Frühförderung bedürfen. Hier müssen wir entsprechende Gutachten anfertigen.

Aber flächendeckende Schuleingangsuntersuchungen…

…schaffen wir nicht in allen Fällen. Schon vor Corona war es schwierig, diese Untersuchungen hinzubekommen, weil wir im ärztlichen Bereich eben unterbesetzt sind.

Wie sieht es bei den noch kleineren Kindern aus?

Hier gehört im Vorfeld der Schuleingangsuntersuchungen das Kindergarten-Screening zu unseren Aufgaben. Das heißt: Wir gehen in die Kindergärten und greifen dort jeweils eine Alterskohorte heraus, um den Entwicklungsstand der Jungen und Mädchen zu überprüfen. Auch das ist jetzt weggefallen.

Sind noch mehr Aufgaben Corona zum Opfer gefallen?

Leider ja. Unser zahnärztlicher Dienst geht eigentlich zu Reihenuntersuchungen in die Kindergärten und überwiegend auch in die Grundschulen. Es werden Zahnbefunde erhoben, und wir führen Kariesprophylaxe-Programme durch. Das ist völlig weggefallen, weil wir gar nicht mehr in die Einrichtungen hineinkommen. Dort wären wir dann im schlimmsten Fall sogar die Infektions-Überträger, wenn wir täglich in einer anderen Einrichtung unterwegs sind.

Finden denn Ihre Hygiene-Fortbildungsmaßnahmen noch statt?

Nein, auch das mussten wir einstellen. Diese Fortbildungen waren teilweise sogar mit Zertifizierungen verbunden. Auch regelmäßige Hygieneüberwachungen in Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen haben wir im Laufe des Jahres mehr oder weniger eingestellt. Das alles sind Zeichen dafür, dass der Regelbetrieb bei uns überhaupt nicht mehr aufrecht zu erhalten war.

Gilt das nur für das Gesundheitsamt?

Nein, in der Gesamtverwaltung sind viele Aufgaben des Tagesgeschäfts zugunsten der Corona-Bekämpfung heruntergefahren worden.

Wie ist der Krankenstand in der Kreisverwaltung?

Der Krankenstand ist von Corona wenig beeinflusst worden und bewegt sich die Monate über im normalen Bereich.

Wie ist die Arbeit speziell im Gesundheitsamt strukturiert?

Wir arbeiten nach einem relativ klar gegliederten Dienstplan, der auch Wochenend- und Feiertagsdienste enthält. Der Plan legt auch gleich fest, wann die anschließenden freien Tage zu nehmen sind, damit es nicht zu einer Überlastung der Kolleginnen und Kollegen kommt. Damit garantieren wir eine Fünf-Tage-Woche.

Gibt es eine Urlaubssperre?

Nein. Da, wo es möglich ist, wollen wir den Mitarbeitern ihren Urlaub auch zugestehen. Wir müssen immer damit rechnen, dass es noch ein paar Monate so weitergehen wird und wir die Arbeitskraft erhalten müssen. Die Leute sollen gesund bleiben!

Wie steht es beim Thema Homeoffice für Ihre Mitarbeiter?

Das fördern wir nach wie vor. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können gemeinsam mit ihren Vorgesetzten entscheiden, wie sie damit umgehen. Da sind wir sehr flexibel und gehen gern auf die Belange der Betroffenen ein. Aber es sind natürlich nicht alle Aufgaben für das Homeoffice geeignet. Ein Bürgerbüro in der eigenen Wohnung geht nun mal nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare