Mütter setzen sich für Rückkehr ein

Mit ihren drei Kindern: Journalistin aus Lüdenscheid nach Russland abgeschoben

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Die Kinder im Versteck in Dagestan: Das Foto schickte Zahra* vor ein paar Tagen nach Lüdenscheid.

Lüdenscheid – Kritische Journalisten in Russland leben gefährlich, sie werden bedroht und sogar ermordet. Die Ausländerbehörde des Märkischen Kreises hat im Mai dennoch eine Journalistin und ihre drei Kinder nach Russland abgeschoben. Lüdenscheider Mütter kämpfen nun für ihre Rückkehr nach Deutschland. 

Im Kindergarten vermissen die Kinder ihren Spielkameraden; in der Schule bleiben zwei Stühle leer. Der 15. Mai 2019 hat nicht nur das Leben von Safiye(11)*, Aliaa* (8) und Mohamed* (5) für immer verändert, sondern auch das der Lüdenscheider Familien, die sie zurückließen. 

Die drei Geschwister gingen nicht freiwillig: Zusammen mit ihrer Mutter Zahra* (35) werden sie am frühen Morgen des 15. Mai im Schlaf überrascht und nach Russland abgeschoben. Zahra hat bis zur Flucht aus ihrer Heimat nach eigenen Angaben als freie Journalistin und Mitherausgeberin einer Wochenzeitung in der russischen Teilrepublik Dagestan gearbeitet.

Familie kommt 2012 nach Deutschland

Unter anderem soll sie kritisch über weibliche Genital-Verstümmelung in der muslimisch geprägten Kaukasus-Republik berichtet haben. Sie gibt an, aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit nicht mehr sicher zu sein. Die Familie flüchtet 2012 nach Deutschland. 

Zahras Asylantrag wird vor dem Verwaltungsgericht Arnsberg 2016 abgelehnt, unter anderem weil der ebenfalls befragte Vater widersprüchliche Angaben über die Bedrohungssituation von Zahra macht. Vom kriminellen Vater hat sich die junge Frau mittlerweile scheiden lassen. Nun hat sie Angst, dass er ihr in Dagestan die Kinder wegnimmt. 

Mutter lässt sich von Ehemann scheiden

Noch aber ist er in Deutschland. Er wird zunächst nicht abgeschoben, weil er noch eine Haftstrafe verbüßt. Auch Zahras Asylfolgeantrag hält der gerichtlichen Überprüfung nicht stand. Der Richter glaubt ihr wieder nicht. 

Am 13. März 2019 wird ihr laut Ausländerbehörde des Märkischen Kreises mitgeteilt, dass sie und die Kinder ausreisepflichtig sind. Als sie der Aufforderung zur Ausreise nicht freiwillig nachkommt, schlägt der Rechtsstaat gegen die alleinerziehende Mutter und ihre drei Kinder mit voller Härte zu

Kreis bestätigt Abschiebung am frühen Morgen

Hendrik Klein, Sprecher der heimischen Ausländerbehörde, bestätigt auf Nachfrage den Ablauf der Abschiebung am frühen Morgen des 15. Mais. Demnach haben drei Mitarbeiter des Märkischen Kreises, zwei Mitarbeiter der Zentralen Ausländerbehörde in Coesfeld sowie ein Arzt die Familie an ihrer Wohnanschrift in Lüdenscheid abgeholt und zum Frankfurter Flughafen gebracht. Dort werden sie in den Flieger nach Moskau gesetzt. Das Abschiebedatum wurde der Familie nicht mitgeteilt. 

Russland gilt als sicher, daher wird abgeschoben

„Die Abschiebung ist aus Behördensicht problemlos gelaufen“, erklärt Kreissprecher Klein. Alles sei nach Recht und Gesetz entschieden worden, dann müsse es vor Ort umgesetzt werden. Er räumt aber auch ein: „Solche Fälle sind immer eine Härte – gerade für Kinder.“ Damit sich daran etwas ändere, sei aber die Bundesregierung in Berlin gefragt und nicht der Märkische Kreis. 

Nur knapp 9 Prozent der Flüchtlinge aus der Russischen Föderation – zumeist aus den muslimischen Kaukasus-Republiken – werden in Deutschland anerkannt. Ein Hauptgrund:Russland gilt als sicher. Für viele russische Asylbewerber aus den Teilrepubliken gebe es demnach eine „inländische Fluchtalternative“. 

Angst in der alten Heimat

Zahra ist nach der Abschiebung mit ihren Kindern dennoch von Moskau nach Dagestan gereist. Dort hat sie noch Kontakte, lässt sie über eine Übersetzerin, die den Kontakt zur Familie hält, ausrichten. In der alten Heimat verstecken sie sich an wechselnden Orten, verlassen das Haus nur ganz selten. Die Übersetzerin erzählt, dass Mohamed krank sei, doch Zahra traue sich nicht, ins örtliche Krankenhaus zu gehen – aus Angst erkannt zu werden. 

Sie sind fassungslos und wütend: Vanessa Ücan (von links), Isabell Tamboers und Fausija Mechbal-Glörfeld.

Die Mütter Vanessa Ücan, Fausija Mechbal-Glörfeld und Isabell Tamboers können es bis heute nicht fassen, dass die beliebte Familie von jetzt auf gleich verschwunden ist. Mit zehn weiteren Lüdenscheider Familiensetzen sie sich für die Rückkehr von Zahra und ihren Kindern nach Deutschland ein. 

Lüdenscheider Mütter setzen sich ein

„Es ist für uns alle, die wir die Familie hier kennengelernt haben, unbegreiflich, wie man einer Mutter und ihren drei kleinen Kindern das antun kann“, heißt es in einer Online-Petition, die Isabell Tamboers an den Petitionsausschuss des NRW-Landtags geschickt hat. 

Die Kinder seien hier aufgewachsen und voll integriert. Jetzt müssten sie sich vor Hinrichtung und Verstümmelung fürchten. Der Petitionsantrag endet mit den Worten: „Wir verlangen, dass der Familie in Deutschland Schutz gewährt wird. Sie gehören zu uns und fehlen hier. Sie dürfen nicht in Dagestan leiden oder gar sterben.“

*Namen geändert

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