„Ich schlag’ dich tot, du Drecksau“

Lüdenscheid - In sich zusammengesunken kauert der Mann (83) in seinem Rollstuhl, kaum in der Lage, den Kopf zu heben. Er sei fast taub und beinahe blind, sagt Strafverteidiger Heiko Kölz über seinen Mandanten. So geht es also einem Angeklagten, dem der Staatsanwalt gefährliche Körperverletzung vorwirft.

Er soll einer Altenpflegerin im Seniorenheim fünf Schläge verpasst haben, mit einer Krücke auf den Kopf, begleitet von dem Satz „Ich schlag’ dich tot, du Drecksau“.

Die Angelegenheit ist unstrittig. Der alte Mann hat außergerichtlich 3500 Euro Schmerzensgeld an die 54-jährige Wohnbereichsleiterin überwiesen. Die Platzwunde auf ihrer Wange ist verheilt. Unter den seelischen Folgen hat sie länger gelitten. 2000 von den 3500 Euro, sagt sie, habe sie für Kinder in Not gespendet. Und Strafanzeige habe sie erstattet, weil ihr Hausarzt dazu geraten habe. „Dann komme ich besser darüber hinweg, sagte er.“

Für Strafrichter Lyra ist es eine „etwas surreale Situation“, wie er sagt. Und er stellt die Frage, ob der Strafanspruch des Staates in diesem Fall wirklich durchgesetzt werden muss. „Immerhin geht ja keine Gefahr mehr von ihm aus.“ Das hat das Opfer der Attacke am 19. Dezember sicher anders empfunden.

Es steht seit zwei Monaten fest: In der Vorweihnachtszeit geht’s ins Stern-Center zu einem gemeinsamen Kaffeetrinken. Die Bewohner des Altenheims konnten sich anmelden. Der 83-Jährige will offenbar nicht. Doch als es losgehen soll, regt er sich darüber auf, dass er im Heim bleiben muss. Die Zeugin: „Er kam von hinten mit seinem Elektro-Rollstuhl, schimpfte und schlug mit seinem Gehstock nach mir – wieder und wieder.“

Ob er dabei wirklich „Ich schlag’ dich tot, du Drecksau“ gesagt habe, will der Richter wissen. Der Angeklagte: „Drecksau habe ich nicht gesagt.“ Lyra: „Was denn?“ Antwort: „Miststück, das könnte sein.“ – „Das ist auch nicht viel besser.“ – „Das stimmt.“ – „Tut es Ihnen denn leid?“ – „Ja, das tut mir leid.“ – „Das darf nicht mehr vorkommen!“ – „Das wird auch nicht mehr vorkommen.“ In diesem Altenheim bestimmt nicht. Der Mann ist jetzt in einem anderen Haus untergebracht. Ob er das Personaldort auch als „Müll“ oder „Abschaum“ beschimpft, wie er es laut Zeugenaussage häufiger mal getan hat, ist für diesem Prozess belanglos.

Das Verfahren wird eingestellt. Aber es wurde geführt, um zu zeigen, „dass so was einfach nicht geht“. Der Angeklagte wird rausgerollt.

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