Bericht eines jungen syrischen Flüchtlings im AJZ

„Ich komme aus einem verwundeten Land“

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Interessiert und bewegt folgten die jugendlichen Zuhörer den Erzählungen.

Lüdenscheid - Es war ein bewegender Abend am Mittwoch im Alternativen Jugendzentrum (AJZ) an der Altenaer Straße: Zur Veranstaltung „Flucht und Facts“ hatte die Youngcaritas gemeinsam mit der mobilen Jugendkirche „über.dacht“ eingeladen. Im Mittelpunkt stand der ganz persönliche Bericht eines jungen Mannes, der im Alter von 15 Jahren aus Syrien geflüchtet war.

„Ich komme aus einem verwundeten Land“, macht der mittlerweile 18-jährige Hassan Omar den vielen interessierten Jugendlichen im AJZ klar. Neun Jahre lang ging er in Syrien zur Schule. Sein großer Traum: Eines Tages als Arzt zu arbeiten. Aber die Schule gibt es nicht mehr, wie viele seiner Freunde ist sie dem Krieg zum Opfer gefallen. So habe er sein Lachen verloren, erklärt er.

Betretenes Schweigen herrscht im Jugendzentrum, während Hassan – sichtlich bewegt und begleitet von melancholischer Musik – vom langen Weg in sein neues Leben erzählt: Irgendwann ist der Entschluss gefasst, in die Türkei zu flüchten. Aber die Situation in dem nördlichen Nachbarland ist keineswegs erträglicher: Auf sich allein gestellt, ohne seine Familie, muss der Jugendliche bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten.

Der Syrer Hassan Omar (r.) erzählte von seiner Flucht aus dem Bürgerkriegsland.

„Ich bin von einem Dunkel ins andere gekommen“, beschreibt er die Situation in der Türkei. Sein Lichtblick: Die Gewissheit, dass die in Syrien zurückgebliebene Mutter für ihn betet. Der Vater verkauft schließlich das Haus, um Hassan die Überfahrt nach Italien zu ermöglichen. Zwölf Tage verbringt er auf einem Schiff, die letzten drei Tage ohne Essen und frisches Wasser. „Es waren die schlimmsten zwölf Tage meines Lebens.“

Schließlich täuschen die Passagiere vor, in Seenot zu sein – nur so können sie Hilfe von der italienischen Küstenwache erwarten. Endlich im sicheren Europa angekommen, geht es mit dem Bus weiter nach Deutschland – das war im Januar 2015. Jetzt, ein Jahr später, ist die Familie wieder vereint. Hassan spricht fast fließend Deutsch und hat in Lüdenscheid nicht nur neue Freunde, sondern auch sein Lachen wiedergefunden.

Geduldig stellte sich Hassan den Fragen der jugendlichen Zuhörer. Groß war das Interesse an seiner Fluchtgeschichte. Schon in Deutschland möchte er versuchen, seinem Traum, Arzt zu werden, näher zu kommen. Sein anderer großer Wunsch: „Vielleicht kann ich irgendwann wieder in meine Heimat – in die Straße, in der ich aufgewachsen bin.“

Die Veranstaltung war die zweite der Reihe „All inclusive“ zum Thema Integration von Youngcaritas und „über.dacht“. Die nächste von insgesamt sechs Aktionen wird am 6. April ab 19 Uhr ein Impro-Theater sein, der Eintritt ist wie bei allen Veranstaltungen der Aktionsreihe frei.

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