Amtsgericht: 69-Jähriger wehrt sich vergeblich gegen Diebstahlsvorwurf

"Honoren Mann" beim Klauen erwischt

Lüdenscheid - Der Bonner Strafverteidiger Karl-Hans Hassel nennt seinen Mandanten „einen honoren Mann“. Der Angeklagte (69) selbst behauptet, er habe 70 Jahre lang nicht geklaut und werde das auch die nächsten 70 Jahre nicht tun. Strafrichter Andreas Lyra sieht das anders – und verurteilt den pensionierten Kaufmann wegen Ladendiebstahls zu einer Geldstrafe von 600 Euro.

Von Olaf Moos

Es geht um eine schnöde Druckerpatrone im Wert von 29,99 Euro. Der Angeklagte, nach eigenen Angaben lediglich mit einer Rente von 437 Euro ausgestattet, „die Immobilien gehören alle meiner Frau“, hat beim Besuch des Saturnmarktes – auch nach eigenen Angaben – 500 Euro im Portemonnaie. Und vorsorglich eine leere Verpackung in der Hand, mit der richtigen Artikelnummer darauf. Er will, erinnert sich die Frau an der Infokasse, einen Eigentumsbeleg dafür. Den gibt’s aber nur für Waren, nicht für Verpackungen. Der Saturn-Detektiv wird aufmerksam.

Bis hierhin ist die Geschichte einigermaßen unstrittig. Und noch hält sich der zweite Verteidiger des „honoren Mannes“, Rechtsanwalt Karl-Werner Lohmann, vornehm zurück. Denn Lyra schenkt den Worten des Beschuldigten Geduld und Gehör. Der empört sich wortreich über den 135-Kilo-Sicherheitsmann. „Er hat mich ins Büro gezerrt, das war mir unheimlich peinlich.“

Zwischen der Abfuhr an der Infokasse und der Abfuhr ins Büro liegen ein paar Minuten Zeit. Die hat der Detektiv, wie er sagt, genutzt und den Kunden mit dem leeren Kartönchen in der linken Hand per Video beobachtet. Und zwar dabei, wie er mit der rechten ein neues Kartönchen aus den Auslagen nimmt, es in die Jackentasche steckt und in Richtung Ausgang schreitet.

Dabei, sagt der Angeklagte, habe er nicht rausgehen wollen. „Aber am Ausgang gab’s einen Sonderverkaufsstand: Ein Drucker mit Zusatzpatronen für 99 Euro.“ Das habe er sich ansehen wollen. Er geht also an der Infokasse vorbei, hält eine Schachtel hoch und sagt zu der Kassiererin sowas wie „Sind nicht mehr vorrätig“ oder „Jetzt habt ihr keine mehr“ – an den genauen Wortlaut erinnert sich niemand.

Der Detektiv greift zu – „innerhalb des Ladens“, wie Verteidiger Hassel sagt. Weil er sauer auf den selbstbewussten Kunden war, vermutet sein Kollege Lohmann. Der taucht übrigens drei Tage später im Saturn auf und fotografiert. Derselbe Detektiv übt sein Hausrecht aus, untersagt es ihm, es kommt zum Streit – und letztlich zum Hausverbot für den Rechtsanwalt.

Der Rest der Angelegenheit des bislang unbescholtenen Mandanten klingt sonderbar. Auf dem peinlichen Weg zum Büro fällt zufällig die neue Druckerpatrone aus der Jacke zu Boden. Und als die Polizei erscheint, ist auch das leere Schächtelchen verschwunden. Ein Beamter findet die kleinen Pappschnipsel im Schuh des Verdächtigen. Der Angeklagte: „Das ist doch nicht verboten.“ Der Mann kündigt Berufung an.

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