„Homejacking“-Vorwurf nur schwer zu führen

LÜDENSCHEID ▪ Ein Schock für die heute 30-Jährige: Am 11. Juni 2011 war ihr schöner weißer 1er BMW plötzlich weg. Und: Ein Einbrecher hatte sich vorher in ihrer Wohnung an der Lessingstraße den Zweitschlüssel für das Auto „besorgt“...

Am 22. Oktober hielt die Polizei in Köln einen Mann an. Er saß in einem schönen weißen 1er BMW. Jetzt saß der Koch-Azubi, adrett frisiert und schick gekleidet, unter dem Vorwurf des besonders schweren Diebstahls – „Homejacking“ – auf der Anklagebank. „Ich hab' damit nix zu tun.“

Es beginnt eine äußerst verwickelte Wahrheitssuche. Verteidiger Hasan Yildirim macht es dem Schöffengericht nicht gerade leicht und rät seinem Mandanten, wie schon vorher bei der polizeilichen Vernehmung, besser mal eher zu schweigen. Also tragen die Richter und Staatsanwalt Klaus Knierim mühsam Indizien zusammen – und stoßen dabei auf Ungereimtheiten und Lücken.

Wie zum Beispiel hat der Einbrecher das Auto der 30-jährigen Arbeiterin gefunden? Die war nämlich vor dem Diebstahl zu einer Freundin gefahren, und der der weiße 1er wurde 600 Meter entfernt von ihrer Wohnung auf der Winkhauser Straße geklaut. Die Bestohlene erklärt, woher sie den Angeklagten kennt. „Der wollte mal meinen alten Golf kaufen.“ Und so geriet er an die Adresse der Frau. Wie er den BMW gefunden hat – „keine Ahnung“.

Und wo kommen die ganzen Sachen her, die die Kölner Polizei in dem Auto gefunden hat – darunter auch eine rot-weiße Damen-Sonnenbrille? „Von mir“, sagt der Angeklagte. „Und die Nummernschilder?“ fragt der Richter. „Die gehören auch mir.“ – „Kaufen Sie häufiger Autos?“ – „Ab und zu.“ Ein kleiner Stapel Kurzzeitkennzeichen stimmt den Ankläger misstrauisch. Und Papiere, die nur auf den ersten Blick zu dem 1er passen, ebenfalls.

Er habe den Wagen ein paar Tage vor der Kölner Polizeiaktion in Frankfurt von einem kurdischen Händler aus Essen gekauft, und zwar mit Papas Geld, erklärt der Angeklagte. Bloß: Ermittlungen ergeben, dass der Verkäufer offenbar in Gelsenkirchen sitzt. Und der Fahrzeugschein, den er bei sich hat, ist tatsächlich auf einen 1er BMW ausgestellt – allerdings auf einen schwarzen.

Weitere Ermittlungen ergeben, dass der Fahrzeugbrief von einem BMW stammt, der in Erlensee im Main-Kinzig-Kreis total ausgebrannt ist. Das Wrack ist wohl samt Papieren in einer Restmarktbörse im Internet gelandet. Wer es gekauft hat, ist noch unklar. Der Prozess wird mit weiteren Zeugen fortgesetzt. Der Angeklagte ist mehrfach wegen Einbruchs vorbestraft. In seiner Wohnung fanden Polizisten unter anderem gefälschte Stempel.

Olaf Moos

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