Hobby: Komparse beim Film

LÜDENSCHEID ▪ Er ist dabei. Mittendrin. Kommandos ertönen, Kameras schwenken. Der Borsigplatz ist für Dreharbeiten zum neuen Dortmund-Tatort gesperrt – auch wegen ihm. Ein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Cem Dönmez, 32 Jahre alter Kfz-Mechaniker aus Lüdenscheid, ist beim Fernsehen, endlich.

Jetzt darf er Polizisten anpöbeln, wird dabei gefilmt und kriegt auch noch Geld dafür. 60 Euro am Tag. Der bärenhafte Typ lächelt verschmitzt. „Echt, das ist total cool.“

Am liebsten würde Cem (sprich: Dschäm) mehr sein als nur Komparse. Nicht, dass er Scheu vor solider Arbeit hätte. Der Arbeitsmarkt gibt nicht viel her derzeit für einen Autoschrauber, aber er hat noch immer Jobs gefunden. Derzeit eben zeitweise als Monteur bei Kostal. Auch dort eigentlich eher ein Komparse. Leiharbeiter gehören in der Industrie nämlich auch nicht zur ersten Garde. Hauptdarsteller sind andere, die Nebenrollen längst vergeben und besetzt. Aber es geht irgendwie immer weiter. Und für Cem Dönmez am liebsten mit einem Lachen.

Vielleicht liegt das in der Familie. Cems Schwester hat vor ein paar Jahren mal eine kleine Rolle in einer pseudo-dokumentarischen Gerichtsshow bei Sat.1 ergattert. Und Cem hat seine Schwester zum Set begleitet, hat beobachtet, wie es zugeht beim Fernsehen und wie Richter Alexander Hold ohne Robe aussieht.

„Und dann hat mich die Produzentin in einer Pause angesprochen und zu einem Casting eingeladen.“ Cems erster TV-Job: als Ermittler eine Wohnung durchsuchen und auf dem Flur einen Streit schlichten – keine große Sache. Sein knappes Fazit: „War schon interessant.“ Was die Fernsehfritzen daraus gemacht haben, wie er auf dem Bildschirm wirkt, „das habe ich nie zu Gesicht gekriegt“, sagt er. „Ich weiß noch nicht einmal mehr, wie der Film hieß, in dem ich mitgespielt habe.“ Abgehakt.

Zumindest für eine Weile. In den Medien zu arbeiten, dieser Gedanke hat den Automechaniker nach seiner Lehre bei BMW Kaltenbach an der Kölner Straße keine Ruhe gelassen. „Ich wollte früher unbedingt zum Radio, ich rede nämlich gerne sehr viel.“

Aber diese Eigenheit reicht nicht aus für eine Rundfunkkarriere. Und der Lüdenscheider Arbeitsmarkt hatte zwischendurch keinen Platz mehr für den türkischstämmigen Mann. Cem wurde arbeitslos, fand wieder kleine Jobs, kellnerte, unter anderem im Brauhaus Schillerbad, suchte weiter – aber der große Wurf blieb aus. „Ich habe dann in Köln Arbeit gesucht, irgendwas beim Fernsehen, von mir aus Fahrer oder Kabelträger oder Brötchenholer. Hauptsache, beim Fernsehen.“

Bis er – es war im Frühjahr – in seiner Etagenwohnung am Blücherweg saß, durchs Internet surfte und diesen Satz las: „Türkische Männer für Tatort-Folge in Dortmund gesucht.“ Er schickte sein Foto und seine Rufnummer los und bekam einen Anruf. Der Rest, sagt Cem Dönmez, ging zügig über die Bühne. „Ich bin freitags hingefahren, es gab eine Anprobe, ein Foto-Shooting, und das war’s.“

Und so steht Cem Dönmez aus Lüdenscheid, Schultern wie Kleiderschrank, braune Augen, schwarze Haare, als Besitzer einer – natürlich – Dönerbude mit anderen Komparsen am Borsigplatz. Gerade hat er vor laufender Kamera die Imbisstheke feucht abgewischt. Jetzt beobachtet er, wie Polizisten einen Landsmann festnehmen und schreit mit seinen Komparsen-Kollegen seine Wut über das staatliche Handeln heraus. Vorher eine Probe? Anweisungen? „Gab’s alles nicht. Wir sollten improvisieren und konnten brüllen, was wir wollten.“ Voraussichtlich im November kann sich Cem anschauen, wie er rüberkommt als dicker Schreihals am Borsigplatz. Die Folge heißt „Mein Revier“.

Cem lässt sich weiter zu Kostal ausleihen. Seine Freundin Alexandra ist schon länger als vier Jahre seine Hauptdarstellerin, seine Liebe zum Film ist durch 1200 DVDs in seinem Regal unübersehbar. Zum nächsten Casting fährt er am 30. September. Und Cems Lieblings-Seite im Internet heißt http://www.komparse.de.

Olaf Moos

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