Die Weihnachtstage im Klinikum

„Hier habe ich wenigstens Gesellschaft“

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Elisabeth Koch nahm es mit Humor: „Zu Hause wäre ich alleine gewesen, hier habe ich wenigstens Gesellschaft. Ich kann telefonieren, fernsehen, ich habe Besuch bekommen und ich wurde versorgt, musste nicht selber in der Küche stehen.“

Lüdenscheid - Die Weihnachtsfeiertage nicht im Kreise seiner Lieben zu verbringen, ist für viele mit Wehmut und Traurigkeit verbunden. Doch nicht nur Trennungen oder Zerwürfnisse in der Familie können der Grund sein, auch eine schwere oder plötzlich auftretende Krankheit kann den erwünschten harmonischen Tagen unterm Tannenbaum einen Strich durch die Rechnung machen.

„Auf den Stationen im Klinikum werden möglichst viele Patienten vor den Feiertagen entlassen, in dringenden Akutfällen ist es aber oft nicht möglich“, berichtet Jörg Burbaum, Pflegewissenschaftler und gerontologischer Pflegeexperte im Klinikum. „Patienten, die bewegungsfähig sind, sollten mit ihren Angehörigen Weihnachten zu Hause feiern, vielen ist es wichtig, die Rituale zu erhalten“, weiß der Fachmann.

An den Adventstagen finden auf den Stationen Weihnachtsfeiern statt, Kinderchöre singen, Orchester spielen, CVJM-Bläser gehen durch das Haus – viele Menschen versuchen den Erkrankten die Weihnachtstage im Krankenhaus so angenehm wie möglich zu machen. Auf den Stationen stehen Tannenbäume, Weihnachtsdekoration versucht Wohnzimmeratmosphäre zu vermitteln. Als Alternative zu brennbaren Kerzen, die im Klinikum verboten sind, bieten sich LED-Kerzen an.

„Weihnachtsmänner mit Herz“ unterwegs

Eine Spontanaktion, die Freude brachte: Die „Weihnachtsmänner mit Herz“ wollen ihre Aktion im nächsten Jahr ausbauen.

Erstmals in diesem Jahr waren die „Weihnachtsmänner mit Herz“ auf den Stationen unterwegs: Die Familie Schnelle traf in diesem Jahr selber ein schweres Schicksal, deswegen war es Frank Schnelle und seinen Kindern Shirin und Marlon Brüning ein Bedürfnis, dem Krankenhauspersonal für die liebevolle Betreuung der schwer erkrankten Frau und Mutter etwas zurückzugeben. Schnell schloss sich sein Freund Frank Schuster mit Tochter Lia Tillmann an. In Weihnachtsmann- und Engelkostümen ging das Team über die Stationen, verteilte mit Leckereien gefüllte Teller in den Schwesternzimmern, bedachte die Wartenden in der Notfallambulanz und die Kinder, die die Feiertage im Krankenhaus verbringen müssen. „Wir möchten den Leuten etwas Gutes tun, die in diesem Jahr nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen“, erzählte Schnelle. Sein Freunde Schuster schloss sich an: „Was in diesem Jahr eine Spontanaktion war, möchten wir für das nächste Jahr gerne ausbauen.“

Elisabeth Koch nahm es mit Humor: „Zu Hause wäre ich alleine gewesen, hier habe ich wenigstens Gesellschaft. Ich kann telefonieren, fernsehen, ich habe Besuch bekommen und ich wurde versorgt, musste nicht selber in der Küche stehen.“

Doch nicht nur traurige Gesichter gibt es zu Weihnachten im Klinikum. Für betagte Senioren kann ein Krankenhausaufenthalt zu den Feiertagen sogar eine positive Abwechslung darstellen. Die 86-jährige Elisabeth Koch war vor fünf Wochen gestürzt. Die Situation hatte sich derart verschlechtert, dass sie zwei Tage vor Weihnachten ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die lebenslustige, rüstige Seniorin, die seit mehr als 50 Jahren treue LN-Leserin ist, nahm es aber mit Humor: „Zu Hause wäre ich alleine gewesen, hier habe ich wenigstens Gesellschaft. Ich kann telefonieren, fernsehen, ich habe Besuch bekommen und ich wurde versorgt, musste nicht selber in der Küche stehen.“

Spezielle Menüs zu Weihnachten

Zu Weihnachten gab es spezielle Menüs: Gebratene Entenbrust in Jus mit buntem Möhrengemüse und Semmelknödel oder Kichererbsen-Kürbisragout. „Gutes Essen ist bei älteren Menschen oft das letzte, was ihnen noch bleibt“, weiß Jörg Burbaum. „Und Gesellschaft ist wichtig.“ Deswegen hat er auf einigen Stationen spezielle „Gute Stuben“ eingerichtet, in denen die Erkrankten nicht nur gemeinsam essen, sondern auch an Beschäftigungsangeboten teilnehmen können.

„Hier werden Geschichten von früher erzählt, hier haben Ehrenamtliche ein offenes Ohr für die Probleme der oft dementen Patienten. Wertschätzung und Kommunikation trägt wesentlich zur besseren Genesung bei“, berichtet Burbaum von einer Studie. „Selbst wenn gerade bei dementen Patienten die Erzählungen nicht mehr rational und logisch erscheinen, tut es ihnen gut, Wut, Trauer und Unzufriedenheit loszuwerden. Da ist es wichtig, dass jemand da ist, der zuhört und Mitgefühl zeigt.“

Keine Glatteis-Stürze

Musik sei ein wesentlicher Baustein der Genesung, erzählt Burbaum. Schwester Frederike bestätigt das, erzählt ganz fasziniert von einer Dame, die nie sprach. „Aber als ich sang, sang sie mit. „Es ist belegt, dass durch Musik und Kommunikation die beste Mobilität und Selbstständigkeit erreicht wird“, berichtet Burbaum. „Gerade bei älteren Menschen gilt: Je mehr positive Begegnung da ist, beispielsweise durch die Familie- je größer sind die Genesungschancen und desto geringer ist das Risiko einer akuten Verwirrtheit.“

In diesem Jahr wurden durch die frühlingshaften Temperaturen zumindest keine Glatteis-Stürze eingeliefert. „Ein Jahr hatten wir hier eine alte Dame, die sich eigentlich nur vergewissern wollte, ob draußen ausreichend gestreut war, um ihren Enkel zum Bäcker zu schicken: Das Endergebnis war, dass sie mit einem komplizierten Bruch die Weihnachtstage im Krankenhaus verbrachte“, erinnert sich Schwester Frederike.

Lennard Schulte war traurig, die Feiertage im Krankenhaus verbringen zu müssen. Papa Kai war aber die ganze Zeit über bei dem Zehnjährigen.

Traurig, die Feiertage im Krankenhaus verbringen zu müssen, war Lennard Schulte. Der Zehnjährige wurde wegen einer Blinddarmentzündung eingeliefert. Noch einen Tag vor der Operation habe er mit seiner Mannschaft ein Fußballturnier gewonnen, erzählt er stolz. Doch dann wurden die Schmerzen so akut, dass der Kinderarzt ihn kurz vor Weihnachten einwies.
„Es ist deprimierend“, klagt er zwinkernd, hätte die Feiertage natürlich viel lieber mit seinen Eltern und drei Geschwistern zu Hause verbracht. Während Papa Kai die ganze Zeit bei ihm war, kamen die Mutter und Geschwister regelmäßig – am Heiligen Abend wurde das Wohnzimmer dann kurzerhand in das Klinikum verlegt, es gab leckeres Essen, Süßigkeiten und natürlich die Geschenke.

Stundenweise Beurlaubung

Lia Marielena Korte durfte an Heiligabend für ein paar Stunden nach Hause.

Lia Marielena Korte durfte zwar an Heilig Abend für ein paar Stunden nach Hause, aufgrund einer Hautersatz-Transplantation musste die Dreijährige mit ihrer Mama Irma jedoch die geruhsamste Zeit des Jahres im Klinikum verbringen. Auf der Weihnachtsfeier vom Fußballverein des Bruders erlitt die Kleine am vierten Advent durch Teewasser Verbrennungen zweiten Grades. „Wir spielen viel, die Familie und die Kindergartenfreundinnen kommen zu Besuch“, erzählt Irma Korte.

In persönlichen Gesprächen versuchen die Pflegekräfte, den Wunsch der Familie zu berücksichtigen. Doch aus gesundheitlichen Gründen ist eine stundenweise Beurlaubung nicht immer möglich.

Für viele Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte sind die Weihnachtstage normale Arbeitstage. „Wir reduzieren alles auf die nötigste Arbeit, so dass wir möglichst viel Zeit mit den Patienten verbringen können“, erzählt das Krankenhauspersonal. Auch die grünen Damen sind bis kurz vor Weihnachten im Einsatz. Krankenhausseelsorgerin Bettina vom Brocke berichtet: „Viele Patienten lassen sich von der weihnachtlichen Atmosphäre anstecken, selbst die Muslime.“

Heiligabend gab es um 16 Uhr in der Klinikkapelle einen ökumenischen Gottesdienst mit musikalischer Untermalung von Ferdinand und Silke Riegel, der auch über die Fernseher auf die Stationen übertragen wurde. Im Anschluss ging Bettina vom Brocke mit ihrem Team über die Stationen und verteilte hübsch verpackte Pflegeprodukte. „Es gab doch viele, die Besuch von Verwandten hatten. Die meisten hatten etwas Leckeres oder ein kleines Geschenk mitgebracht, um den Erkrankten die Weihnachtstage im Krankenhaus so angenehm wie möglich zu machen.“

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