Lüdenscheider Gespräch: Helga Hirsch stellt Nachkriegs-Sicht der Frauen vor

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Helga Hirsch beschäftigte sich in ihrem Buch „Endlich wieder leben“ mit dem Rückblick von Frauen auf die 50er-Jahre.

LÜDENSCHEID - Die 1950er- Jahre waren in Deutschland ein besonderes Jahrzehnt, geprägt von den Schatten der Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen, aber auch von einer schier unbändigen Aufbruchstimmung. Die Journalistin und Autorin Helga Hirsch hat diese nur scheinbaren Gegensätze in ihrem Buch „Endlich wieder leben.

Die fünfziger Jahre im Rückblick von Frauen“ eingefangen. Im Rahmen der Lüdenscheider Gespräche las sie verschiedene Passagen, aus diesem Buch im Kulturhaus, Sachtexte und Biographisches im Wechsel, und stellte sich anschließend der Diskussion mit den rund 40 Zuhörern.

Sie habe nicht mehr nur über Opfer schreiben wollen, sondern über Menschen, „die nach vorne gehen, die etwas wagen“, beschrieb Helga Hirsch ihre Motivation zu dem Projekt. Die Frauen, die sie vorstellt, erlebten die 50er-Jahre in einem Alter etwa zwischen 14 und 24 Jahren. Was sie alle eint, ist das Leben in Deutschland als Jugendliche und junge Erwachsene nach dem Krieg. Ansonsten sind ihre Geschichten so vielschichtig wie die Gesellschaft und das Leben überhaupt. Da gab es zum Beispiel die Diskrepanz zwischen den traditionellen Geschlechterrollen, die in der Gesellschaft immer noch oder wieder vorherrschten, und den tatsächlichen Lebenumständen in den Familien: Trümmerfrauen, die selbstständig lebten und sich dann wieder ins zweite Glied zurückfinden mussten, standen Männern gegenüber, die der Gedanke an die Liebsten zuhause in Krieg und Gefangenschaft am Leben gehalten hatte, die dann aber diese Frauen so nicht mehr wiederfanden, und die kriegsversehrt oder traumatisiert ihre traditionelle Rolle gar nicht mehr ausfüllen konnten. „Der Mythos Mann wankt“, sagte Helga Hirsch. Dennoch setzte sich die Gleichberechtigung, die im Grundgesetz festgeschrieben ist, auch in der Gesetzgebung erst nach und nach durch.

Sie beschrieb, wie Kinder erlebten, dass ihre Mütter die Geliebten der Väter voller Spott tolerierten, und berichtete von anderen, die sich ganz bewusst auf wechselnde Beziehungen einließen, weil es zu wenig Männer gab. „Wenn überzählige Frauen nicht auf Sexualität und Kinder verzichten wollten, mussten sie sich mit verheirateten Männern einlassen.“

Die überzeugte Kommunistin in der DDR, die überhaupt nicht wahrnimmt, dass sie in ihrem Land eigentlich in der Minderheit ist, und die ihre eigenen Interessen und Wünsche, beispielsweise in der Kindererziehung, stets der Partei unterordnet, kommt genauso vor, wie das junge Mädchen aus konservativem Elternhaus im Westen, das aus Liebe zu einem Jazz-Musiker das Boheme-Leben einer Ausbildung vorzieht. Neben dem Aufbruch in das Wirtschaftswunder und ein neues Leben kommt auch die Verdrängung der Vergangenheit vor, die sich unter anderem darin gezeigt habe, dass Deutsche sich selbst als Opfer des Krieges in den Fokus rückten. So erzählt eine Frau in den Interviews von ihrer Großmutter, die 1938 das Haus eines Juden für „ein Appel und Ei“ gekauft habe und mit Unverständnis auf seine Entschädigungsforderung reagierte. Und den Teppich eines anderen habe sie schließlich auch gekauft, um zu helfen. - gör

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