Debatte Heizpilzverbot

Heizpilze zum Überleben: Stadt will Klimakiller erlauben - wegen Corona

Kimberly Hofmann serviert im Café Schröder‘s in Lüdenscheid ein Getränk und Gebäck.
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Kimberly Hofmann serviert im Café Schröder‘s in Lüdenscheid ein Getränk und Gebäck.

Ein Heizpilz-Verbot gilt in vielen Städten - aus Umweltschutzgründen. Jetzt soll der Klimakiller in der Corona-Krise ein Comeback erleben - damit die Wirte und Gastronomen überleben. Die Lüdenscheider Verwaltung will das Verbot aussetzen.

  • Heizpilze gelten als Klimakiller - die Energiebilanz ist schlecht
  • In der Corona-Krise könnten sie das Überleben retten - der Gastronomen
  • Die Stadt Lüdenscheid will Heizpilze wieder erlauben

Lüdenscheid – Willi Denecke redet gar nicht lange drumherum: „Ohne Terrasse hätten hätten wir in der Corona-Krise ganz alt ausgesehen. Das hat uns das Überleben gerettet“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter des Café Schröder’s an der Altenaer Straße. Die Kunden mieden derzeit aus Sorge vor Ansteckung geschlossene Räume, wollen lieber draußen bleiben. Eine Beobachtung, die auch andere Lüdenscheider Gastronomen während der Pandemie machen. Mit Blick auf die kalte Jahreszeit sieht Denecke daher schwarz – falls die Stadt Lüdenscheid an ihrem Heizpilzverbot festhält.

Klimakiller Heizpilze: Überlebenschance für Gastronomen in der Corona-Krise

Seit Inkrafttreten des Nichtraucherschutzgesetzes 2013 schossen die Wärmespender vor den Lokalen und Restaurants wie Pilze aus dem Boden. In der Corona-Zeit sind Heizpilze für die Gastronomen eine Chance, den Winter zu überstehen, sagt Lars Martin, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands Westfalen. „Heizpilze alleine werden niemanden retten, aber es ist eine gute Möglichkeit, Gäste auch in der kalten Jahreszeit auf die Terrasse oder in den Außenbereich zu locken“, sagt Martin. Weil die Gäste nach wie vor verunsichert sind, müssten die Gastronomen alles tun, „um es draußen so gemütlich wie möglich zu machen.“ Neben Heizpilzen gehörten dazu auch ausreichender Windschutz sowie eine Markise oder Überdachung.

Klimaschutz: Heizpilze haben eine schlechte Energiebilanz

Heizpilze werden von Umweltorganisationen allerdings als Klimakiller eingestuft. Sie werden häufig mit Gas beheizt und haben aufgrund des großen Wärmeverlusts eine schlechte Klimabilanz. So war es nicht verwunderlich, dass sich das Heizpilzverbot im Vorjahr auch im Lüdenscheider Klimapaket wiederfand.

Ein Heizpilz in der Außengastronomie in Frankfurt.

Der städtische Klimaschutz-Manager Marcus Müller sagte damals: „In der Gastronomie sehe ich das Thema Heizpilze [...] sehr kritisch. Um in der Winterzeit draußen zu sitzen, kann ich mir auch eine Decke nehmen.“ Das war vor Corona. Inzwischen sind Decken allein aus Infektionsschutzgründen keine Option mehr – dafür aber wieder Heizpilze, wie Fachbereichsleiter Martin Bärwolf auf Anfrage erklärt. „Heizpilze sind von der gesamtstädtischen Energiebilanz her gesehen nicht das Kriegsentscheidende“, sagt Bärwolf. Viel wichtiger sei es jetzt, „als Stadt alles zu tun, um Gastronomen und Händlern, die wegen Corona ums Überleben kämpfen, zu helfen“.

Er verwies auf die vor der Sommerpause parteiübergreifend beschlossenen Corona-Soforthilfemaßnahmen. Im Ausschuss für Stadtplanung und Umwelt am Mittwoch (2. September, 16 Uhr, Ratssaal) wird der Fachbereichsleiter Bericht erstatten und den Ausschussmitgliedern vorschlagen, zur Rettung der Gastronomie dass Heizpilzverbot bis zum 1. April 2021 auszusetzen. Der Vorschlag sei mit Klimaschutz-Manager Müller und Umweltschutz-Fachdienstleiter Hans Jürgen Badziura abgestimmt. Das letzte Wort habe aber die Politik. Mit der Aussetzung des Heizpilzverbots will die Stadt den Gastronomen rechtzeitig vor dem Winter Planungssicherheit geben. Auch bei Windschutz- oder Überdachungskonzepten zeige sich die Stadt lösungsorientiert, sagt Bärwolf.

Gastronom: Ich glaube nicht, dass Heizpilze in Lüdenscheid zu einem weiteren Klimaschaden führen

Die städtische Initiative wird der Gastro-Verein Lüdenscheid gerne hören. Vorsitzender Marc Tegtmeyer hatte Handlungsbedarf angemahnt: „Wir würden uns über ein temporäres Aussetzen des Heizpilzverbots bis nach der Corona-Zeit freuen.“ Oder wie es Schröder’s-Geschäftsführer Willi Denecke ausdrückt: „Ich glaube nicht, dass Heizpilze in Lüdenscheid zu einem weiteren Klimaschaden führen. Für die Gastronomen aber ist jede Maßnahme wichtig, die uns das Überleben sichert.“ In den Heizpilzen sieht er eine „Riesen-Chance.“

Stadtweites Heizpilz-Verbot im Lüdenscheider Klimaschutzpaket: 59 Einzelmaßnahmen sind im Klimaschutzpaket der Stadt Lüdenscheid aufgeführt, das im September 2019 vom Rat beschlossen wurde. Seitdem gilt ein stadtweites Heizpilz-Verbot, auch auf privaten Flächen. Mit Verweis auf den Klimaschutz wurden seitdem bereits Anträge für das Aufstellen von Heizpilzen in der Gastronomie abgelehnt, wie Fachbereichsleiter Martin Bärwolf berichtet. Formal allerdings ist das Verbot noch nicht durchsetzbar, da eine entsprechende Satzung oder Verordnung fehlt, sagt Stadtsprecherin Marit Schulte. Das Verbot wird derzeit also weder kontrolliert noch sanktioniert.

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