Hebammentag: Kosten steigen, Gebühren nicht

LÜDENSCHEID ▪ Geduld ist eine herausragende Eigenschaft von Hebammen. Doch manchmal reißt auch ihnen der Geduldsfaden. Wenn Versicherungssummen und Bürokratie steigen und ihnen die Versorgung der werdenden Mütter immer weiter erschwert wird, regt sich, pünktlich zum Internationalen Hebammentag, Protest.

„Direkt nach der Geburt muss eine Frau erst einmal fünf, sechs Unterschriften leisten“, hat Hebamme Regina Hübner (40), eine von dreien im Team der Praxis „Lichtblick“ am Klinikum Lüdenscheid, schon erlebt. Der Papierkram, da ist sie sich mit Kollegin Raphaela Menzner (31) einig, sei in den letzten Jahren rapide angestiegen. Damit das eigentliche Anliegen, den natürlichen Vorgang von Schwangerschaft und Geburt zu begleiten, nicht hinter Verwaltungsaufwand, wirtschaftlichem Überlebenskampf und immer häufiger auch der weit verbreiteten Unwissenheit werdender Mütter über die Rolle von Hebammen verschwindet – auch deshalb gibt es am 5. Mai einen Internationalen Hebammentag.

In diesem Jahr sind die rapide steigenden Haftpflichtprämien ein Hauptthema der Branche. Freiberufliche Hebammen, so die Befürchtung, gerieten dadurch in Existenznöte. Je nachdem, wie eine Hebamme tätig ist, muss sie im Extremfall rund 1300 Euro mehr im Jahr für die Versicherung bezahlen – was sich für selbstständige Hebammen oftmals nicht mehr lohnt. Die Versicherung begründe die Erhöhung, so heißt es, mit gestiegener Lebenserwartung der Kinder, zunehmender Klagebereitschaft sowie mehr und aufwändigeren Therapiemöglichkeiten.

Das „Lichtblick“-Trio fällt unter die Kategorie „angestellte Hebammen (inkl. Geburtshilfe) mit freiberuflicher Nebentätigkeit (ohne Geburtshilfe)“. Hierbei, so Raphaela Menzner, halte sich der Prämienanstieg mit rund 35 Euro noch in Grenzen. Trotzdem: „Man muss mindestens zehn Geburten machen, um überhaupt die Versicherungskosten herauszubekommen“, rechnet Regina Hübner vor. Drei Geburten im Monat, so sagt sie, habe eine Hebamme bislang haben müssen, um ihre Kosten zu decken. Das lässt sich nicht beliebig steigern. Die Geburtenzahlen gehen zurück. Und: „Unser Tag hat auch nur 24 Stunden.“ Zusatzeinnahmen gibt es durch Kurse und Hausbesuche.

Sarah Reininghaus, Beleghebamme an der Berglandklinik, ist eine derer, die in vollem Umfang von der Erhöhung betroffen ist. Die Freiberuflerin sieht sich aber nicht in ihrer Existenz gefährdet. „Ich schaffe das; so schlimm ist es noch nicht.“ Die Nachfrage sei so groß, dass sie teilweise sogar schon Frauen ablehnen müsse, die von ihr betreut werden wollten. Dass sie sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht hat, hat die heute 24-Jährige nicht bereut: „Das war der beste Schritt, den ich je machen konnte.“

Dass die Versicherungskosten steigen, nimmt sie hin. Irgendwie, so findet Sarah Reininghaus, müssten die steigenden Ansprüche aufgefangen werden: „Wir Hebammen müssen diesen Schutz auch haben. Es kann ja immer etwas sein.“

Nicht jede kann der Entwicklung so ruhig entgegensehen. Den Prämiensteigerungen stünden Gebühren gegenüber, die „ohnehin inakzeptabel niedrig“ seien, klagt der Deutsche Hebammenverband: „Für die Betreuung einer Geburt, inklusive acht Stunden vor der Geburt und drei Stunden danach, bekommt die Hebamme 237 Euro für eine Geburt im Krankenhaus, 445 Euro für eine Geburt im Geburtshaus und 537 Euro für eine Hausgeburt.“ Die Krankenkassen, so der Hebammenverband weiter, seien nicht bereit, die Vergütung auf ein Niveau anzuheben, das der hohen Verantwortung gerecht werde.

Diese Entwicklung sowie sinkende Geburtenzahlen könnten dazu führen, so der Verband, dass es in wenigen Jahren nur noch einige wenige große geburtshilfliche Versorgungszentren gebe. Zwangsläufig verschlechtere sich dadurch das Leistungsangebot, und das Recht der Frauen auf eine freie Wahl des Geburtsortes werde ausgehebelt. Deshalb initiiert der Deutsche Hebammenverband am Internationalen Hebammentag eine E-Petition. Bis Mitte Mai würden, so heißt es dazu, 50 000 Unterschriften benötigt, damit sich der Deutsche Bundestag mit der drohenden Versorgungslücke befassen müsse.

Doch auch die Rolle der Hebamme hat sich verändert. Sei sie früher die natürliche Ansprechpartnerin der Schwangeren gewesen, so wüssten viele heute gar nicht mehr, dass sie Anspruch auf Hebammendienste hätten. „Es gibt Gynäkologen, die uns bewusst boykottieren“, sagt Regina Hübner. „Die haben Angst, wir würden ihnen ihre Schwangeren ‚klauen‘.“

Und so kommt es, dass sich junge Mütter mitunter überrascht zeigen über das Leistungsangebot von Hebammen. Dass die Frauen erst wieder lernen müssten, nicht krank, sondern schwanger zu sein; dass sie keine Wurzelbehandlung ohne Betäubung über sich ergehen lassen müssen, nur weil ein Zahnarzt meint „in Ihrem Zustand“ könne er nichts geben; dass morgendliche Übelkeit nicht Schicksal ist, viele Begleiterscheinungen mit Stressabbau, Kräutern oder Akupunktur sanft behandelbar seien; dass man über Ernährung spreche. Oder den Heidi-Klum-Effekt relativiere: Mal eben das vierte Kind kriegen und, als wäre nichts gewesen, gleich wieder perfekt vor der Kamera zu stehen. Themen gebe es genug. Kurzum: „Wir machen Schwangerschaft wieder zu etwas Normalem“, sagt Raphaela Menzner. Das sei ein „großer Kulturauftrag: Wir bringen den Frauen das Durchleben der Schwangerschaft nahe“.

Im Mittelpunkt steht die Gesundheit, nicht eine Krankheit – deshalb wollte Raphaela Menzner werden was sie ist. Fast ausschließlich Frauen wählen den Beruf, nur vereinzelt Männer – immerhin genug, um für sie eine Berufsbezeichnung zu schaffen: Entbindungspfleger. Drei Jahre Hebammenschule gilt es zu absolvieren. Ausbildungsplätze waren und sind begehrt. „Auf 25 Stellen 800 Bewerber“ – das sei damals schon nichts Ungewöhnliches gewesen, erinnert sie sich. 2002 hat sie ihr Examen gemacht. Die Freude am Beruf ist, allen Widrigkeiten zum Trotz, geblieben, auch bei Regina Hübner: „Es ist schon ein hartes Brot. Aber vom Berufsbild her würde ich es wieder machen.“

http://www.hebammenverband.de

http://www.hebammen-nrw.de

http://www.hebammen-protest.de

https://epetitionen.bundestag.de/

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