Hebammen-Glück: "Zuzuschauen, wenn Paare zu Familien werden"

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Anja Thiemeyer und Regina Hübner arbeiten seit mehr als 25 Jahren als Hebammen und haben nun den Schritt in die Freiberuflichkeit gewagt.

Lüdenscheid – Sie werden dringend gebraucht, doch immer mehr Beleghebammen ziehen sich aus ihrem Beruf zurück. Dennoch haben Regina Hübner (49) und Anja Thiemeyer (46) diesen Schritt gewagt, nach mehr als 25 Jahren im Schichtdienst als angestellte Hebammen. 

Kaum kennen sie das Ergebnis ihres Schwangerschaftstests, klingeln die ersten Frauen bei Anja Thiemeyer und Regina Hübner durch. So schnell wie möglich wollen sie sich eine der beiden Beleghebammen für die Begleitung ihrer Schwangerschaft sichern. 

Kein Wunder: Die Suche ist mühsam. „Unsere Region ist zwar nicht mit Mainz oder Hamburg vergleichbar, doch auch hier sollten sich werdende Mütter, die eine individuelle Betreuung wollen, rechtzeitig kümmern und möglichst in den ersten drei Monaten nach einer Hebamme suchen“, erzählen Thiemeyer und Hübner. Insbesondere in den Sommermonaten und Ferienzeiten seien sie schnell belegt. 

Kapazitäten sehr begrenzt

Dennoch: „Beim Arzt sollte man bereits gewesen sein. Wir sagen den Frauen immer, dass sie sich anschließend noch einmal bei uns melden sollen.“ 

Denn einige Infos sind für ihre beruflichen Planungen essenziell: Ohne den voraussichtlichen Geburtstermin zu kennen, können die Beleghebammen keine Betreuung übernehmen. Immerhin sind ihre Kapazitäten sehr begrenzt: Pro Monat betreut jede von ihnen etwa fünf bis sechs Frauen, davon ungefähr drei bis vier auch bei der Geburt. 

„Das ist eine Art Baukasten. Es gibt die Begleitung vor, während und nach der Geburt“, erklären sie. Allein die Wochenbettbetreuung umfasst gut zwölf Wochen. Anspruch auf Hebammenhilfe haben übrigens alle Frauen in Deutschland, von der Feststellung der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit. 

"Anrufen, anrufen, anrufen!"

Hebammen arbeiten zum Beispiel fest angestellt in Krankenhäusern im Schichtdienst, wo sie die Frauen betreuen. Eine individuelle Begleitung über die ganze Zeit der Schwangerschaft ist nicht selbstverständlich, doch auch diese Leistungen werden mit der Krankenkasse abgerechnet. 

„Man sollte immer wieder nach Nummern von Hebammen im Internet suchen, bei Kliniken nachfragen und bei Verbänden“, raten sie. Und „Engpässe unbedingt dokumentieren“. Ansonsten gelte: „Anrufen, anrufen, anrufen!“ Und auch in Randgebieten suchen. 

Der Luxus der Eins-zu-eins-Betreuung

„Wir haben selbst mehr als 25 Jahre im Schichtdienst im Klinikum Lüdenscheid gearbeitet, und das war toll“, sagen Thiemeyer und Hübner. Doch im Schichtdienst wechseln die Hebammen und betreuen kurzzeitig mehrere Frauen. 

Durch die Freiberuflichkeit „sind wir jetzt voll für wenige Frauen da. Wobei wir auch vorher, so wie die meisten anderen Hebammen auch, zusätzlich zum Dienst Wochenbettbetreuung angeboten haben – eben noch neben dem Vollzeitjob, weil der Bedarf so groß ist“. 

Nun ist das anders: „Das ist inzwischen schon ein Luxus, eine Eins-zu-eins-Betreuung. Wir bieten eine individuelle Geburtsbegleitung an. Wir und die Frauen, die wir betreuen, stellen uns aufeinander ein – dabei entsteht eine große Vertrauensbasis, man spricht über Wünsche und Vorstellungen“, sagt Regina Hübner. 

"Man muss den Beruf schon lieben"

Doch einfach seien die Bedingungen nicht: „Viele Hebammen ziehen sich aus der Freiberuflichkeit zurück, unter anderem sind die hohen Kosten für die Versicherung ein Problem, vor allem ist es aber sehr viel Arbeit. Man muss den Beruf schon lieben. Für uns war es jetzt aber auch privat einfach der beste Zeitpunkt, um diesen Schritt zu gehen.“ 

Und ihre Zusammenarbeit ermögliche ihnen sogar etwas mehr Freiraum, denn: Begleiten sie Frauen bei der Geburt, sind die Beleghebammen ab der 37. Schwangerschaftswoche abrufbereit, „also rund um die Uhr verfügbar“. 

Sogar ein Kinobesuch ist dann nicht mehr einfach so möglich. Doch zu zweit geht´s: „Wir sprechen uns ab und springen füreinander ein. Aber in den meisten Fällen kündigt sich eine Geburt ja an.“ 

Paare werden zu Familien

Trotz der Strapazen sei es der Beruf wert, sind sich Regina Hübner und Anja Thiemeyer einig. Obwohl es auch sehr schwierige und traurige Erfahrungen gebe, doch die glücklichen Momente überwiegen: „Das Schönste ist, wenn die Eltern das Baby das erste Mal sehen, fühlen und riechen – dieses pure Glück zu beobachten und diese bedingungslose Liebe“, erzählt Thiemeyer.

„Es gibt so vieles, das toll ist“, ergänzt Hübner. „Zuzuschauen, wie Paare zu Familien werden und das alles mitzuerleben, gehört auf jeden Fall dazu.“ 

Der Hebammenberuf sei eben viel mehr als eine medizinische Betreuung, „man braucht auch psychologische Hintergründe“, sagt Thiemeyer. „Wir sind auch Eheberaterinnen, Motivatorinnen, Masseurinnen, auch mal Psychiaterinnen und Ernährungsberaterinnen.“

Totgeburten und Krankheitsfälle

Doch beide erlebten auch schlimme Schicksale, wie Totgeburten oder für die jungen Familien überraschende Diagnosen nach der Geburt: „Wenn ein Kind stirbt oder unerwartet krank ist, ist das schrecklich und ein großer Schock für die Eltern – und auch für uns ist das natürlich nicht einfach. In dem Beruf entwickelt man zwar eine Art Strategie, mit solchen Schicksalen umzugehen, aber man wird niemals emotionslos oder stumpft ab – das sollte auch niemals so sein. Zum Glück erlebt man so etwas sehr selten.“

Kontakt 

Anja Thiemeyer und Regina Hübner haben einen Praxisraum im Klinikum Hellersen. Künftig wollen sie ihr Angebot erweitern und suchen geeignete Räume für Sprechstunden und Kurse. 

Kontakt: Regina Hübner, Tel. 0 16 3/4 03 15 45, Mail: hebamme.regina@gmx.de und Anja Thiemeyer, Tel. 0 17 1/8 33 02 57, Mail: hallo@anjathiemeyer.de.

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