Rückschläge, Erfolgserlebnisse und Zukunftssorgen

Harter Weg zum Abitur mit 29 für Schülerin aus dem MK

Tatjana Rehberger Abitur Abendgymnasium
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Die Plettenbergerin Tatjana Rehberger holt ihr Abitur an der Außenstelle des Hagener Rahel-Varnhagen-Kollegs in Lüdenscheid nach.

Der Weg zum Abitur ist kein einfacher. Für eine Plettenbergerin, die in Lüdenscheid zur Schule geht, war der Weg besonders schwer. Die mittlerweile 29-Jährige macht ihr Abitur an einem Abendgymnasium der Bergstadt und macht sich Sorgen um dessen Fortbestand.

Lüdenscheid – Mit 29 Jahren macht Tatjana Rehberger ihr Abitur. Hinter ihr liegt ein langer schulischer Weg, der nicht immer erfolgreich war. Doch das will die junge Frau ändern: Auf dem zweiten Bildungsweg holt sie ihren Abschluss am Hagener Rahel-Varnhagen-Kolleg (RVK) und an dessen Außenstelle im Lüdenscheider Zeppelin-Gymnasium nach.

„Ich habe einen eher bildungsfernen Hintergrund. Ich komme aus einer typischen Arbeiterfamilie. Meine Mutter ist Hausfrau und mein Vater arbeitet in einer Firma. Da wurde nicht so viel Wert auf Bildung gelegt“, sagt die Plettenbergerin.

Nach der Grundschule ging es für sie zunächst auf eine Hauptschule. „Da hatte ich Probleme mit Mobbing und bekam eher schlechtere Noten, weil ich auch selbst nicht so viel für die Schule getan habe.“ Den Abschluss schaffte sie dennoch. Da ihr diese Qualifikation jedoch nicht ausreichte, holte sie an der Volkshochschule in Lüdenscheid ihren Realschulabschluss nach.

Rückschlag

„Eigentlich wollte ich dann auch direkt zur Abendschule gehen und mein Abitur machen. Ich habe mitbekommen, dass die VHS eng mit der Abendschule zusammenarbeitet und man dort sein Abitur machen kann.“ Also machte sie sich schlau, musste aber einen Rückschlag hinnehmen: „Ich hatte die Aufnahmebedingungen für die Abendschule noch nicht erfüllt, deshalb konnte ich mich nicht anmelden“, erinnert sie sich.

Zu den Aufnahmebedingungen zählen beispielsweise eine zweijährige Berufstätigkeit, eine abgeschlossene Ausbildung oder ein freiwilliges soziales Jahr. All das konnte Rehberger nicht vorweisen. „Also griff mein Plan B. Ich wollte eine Ausbildung machen, hatte aber nicht das Glück, einen Ausbildungsplatz zu finden.“ Außerdem habe sie gemerkt, dass sie sich dabei nicht so wohl fühle, da sie eigentlich „schon immer studieren wollte“.

Dann kam jedoch die Wende: „Ich habe noch einmal auf der Website des RVK nachgeschaut und gesehen, dass man sich auch Familien- beziehungsweise Pflegezeit anrechnen lassen kann.“

Und genau das war ihr Weg zum Abitur. „Meine Mutter ist schon sehr früh erkrankt, da war ich noch ein Kind.“ Da sie ihre Mutter seitdem unterstütze und betreue, habe sie die Möglichkeit gehabt, sich diese Zeit als Pflegezeit anrechnen zu lassen und doch noch mit dem Abitur zu beginnen. „Jetzt bin ich in ein paar Wochen fertig“, sagt die Schülerin. Wie es nach dem Abitur weitergehen soll, ist der Plettenbergerin auch schon klar: „Ich würde gerne an der Ruhruniversität Bochum Psychologie studieren.“

Für diesen Studiengang hat sie sich sogar für ein Stipendium beworben, auf das sie von einem Lehrer am Abendgymnasium aufmerksam gemacht wurde. „Die Lehrer unterstützen einen dort wirklich gut“, sagt Rehberger.

Zukunftssorgen

Eine Sorge, so sagt sie, geht ihr allerdings nicht aus dem Kopf: die Sorge um die Zukunft der Außenstelle des RVK. „Man muss pro Klasse 20 bis 25 Schüler haben. Diese Zahlen erreichen wir in der Außenstelle nicht. In meiner Klasse sind wir mit ungefähr 25 Schülern gestartet. Jetzt sind wir nur noch fünf.“ Aus diesen Zahlen zogen die Verantwortlichen des Rahel-Varnhagen-Kollegs Konsequenzen.

„Wir mussten nach eineinhalb Jahren von der Außenstelle in Lüdenscheid mit fünfmal pro Woche Präsenzunterricht in den Kurs Abitur-Online wechseln. Dort sind wir nur noch zweimal pro Woche im Präsenzunterricht in Hagen und dreimal pro Woche lernen wir online von zu Hause aus“, erklärt Tatjana Rehberger, die mit dieser Situation nicht vollends zufrieden ist. „Das ist schon ein Unterschied, ob man fünfmal pro Woche in der Schule ist und lernt oder nur zweimal.“

Aufgrund dieser Entwicklung vermutet die kommende Abiturientin, dass die Zukunft der Außenstelle in Lüdenscheid stark gefährdet ist. Sie glaubt, „dass die Schulleitung das Thema Außenstelle schon ad acta gelegt hat“.

Der Schulleiter des RVK, Dennis Kuck, versteht die Sorgen der 29-Jährigen. „Das Problem ist, dass wir zu wenig Schüler in Lüdenscheid haben, weshalb wir von der Bezirksregierung in Arnsberg auch nicht die dafür benötigten Lehrerstellen bewilligt bekommen.“ Dass das Ende der einzigen RVK-Außenstelle im Märkischen Kreis bereits beschlossene Sache ist, sieht Kuck nicht. „Wir würden uns freuen, wenn sich wieder mehr Schüler aus dem Einzugsgebiet der Außenstelle Lüdenscheid für das Abitur bei uns entscheiden würden. Dicht machen wir die Außenstelle im Moment auf jeden Fall nicht.“

Schülermangel

Das gesamte Kolleg habe in letzter Zeit mit stark rückläufigen Schülerzahlen zu kämpfen. „Das hat in den einzelnen Schulen die Konsequenz, dass sie an den Rand der Funktionsfähigkeit kommen.“ Zudem habe es in den vergangenen Jahren einige Pensionierungen gegeben, wodurch auch Lehrer fehlten. Die sinkenden Schülerzahlen führten auf der einen Seite dazu, dass einzelne Klassen zusammengelegt werden, wie im Fall der Klasse von Tatjana Rehberger. Auf der anderen Seite fehlten auch Multiplikatoren, die für neue Schüler sorgten. Denn: „Wir leben auch davon, dass die Schüler, die bei uns ihren Abschluss gemacht haben, ihren Freunden davon erzählen und die sich dann wiederum bei uns für das Abitur anmelden“, erklärt der Schulleiter. Heißt: Je weniger Schüler ihren Abschluss am RVK nachholen, desto weniger Aufmerksamkeit erhält die Schule.

Das Abitur am Rahel-Varnhagen-Kolleg

Das Abitur am Abendgymnasium des Rahel-Varnhagen-Kollegs mit Zentrale in Hagen wird nach drei Jahren abgelegt. Zusätzlich gibt es für die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, wie am normalen Gymnasium auch, nach zwei Jahren mit der Fachhochschulreife von der Schule abzugehen. Zunächst gibt es eine Einführungsphase, die im Klassenverband organisiert ist. Anschließend gibt es einen Übergang zur Kursphase. Verpflichtend sind in dieser Phase zwei Leistungs- und vier Grundkurse, darunter Deutsch, Englisch und Mathematik.

Informationen zum Abendgymnasium gibt es unter Tel. 0 23 51 / 17 15 84 oder im Internet unter www.rvkonline.de/abendgymnasium.

Was macht Thomas Köhler heute?

Von 2011 bis 2014 besuchte Thomas Köhler, der in Lüdenscheid wohnte, das Abendgymnasium Lüdenscheid und machte dort sein Abitur. In der Serie „Tagebuch eines Abendschülers“ ließ er die LN-Leser regelmäßig an seinem Schul-Alltag teilhaben.

Zuvor hatte er eine Ausbildung zum Krankenpfleger am Klinikum Lüdenscheid absolviert und dort anschließend im Herzkatheterlabor gearbeitet.

Nach dem Abitur begann Thomas Köhler ein Studium der Psychologie an der Technischen Universität (TU) seiner Geburtsstadt Chemnitz. Mittlerweile befindet er sich im fünften Semester des Master-Studiengangs. Seit fünf Jahren ist er zudem Senator der TU. An zwei Standorten der Berufsschule Chemnitz arbeitet er als Dozent für Krankenpflege. Zudem ist er freiberuflicher Fort- und Weiterbildungslehrer und Stresstrainer.

Seine Bilanz der Zeit am Abendgymnasium: „Die Erfahrung hat sich gelohnt. Ich bin meinen Mitschülern und den Lehrern zu tiefstem Dank verpflichtet.“

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