Harte Strafe für Kindsvater

LÜDENSCHEID ▪ Die Luft im Sitzungssaal knistert förmlich vor Spannung. Alle warten darauf, dass das Schwurgericht von seiner Beratung zurückkehrt. Die Kammer muss entscheiden, was mit dem 25-jährigen Lüdenscheider passiert, der seine vier Monate alte Tochter am Hals gepackt hat, um das Schreien des Kindes zu unterbinden. Der Mann muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten.

Dann geht die Tür zum Beratungszimmer auf. Die Menschen im Saal scheinen für einen Moment den Atem anzuhalten, als der Vorsitzende Richter die Entscheidung bekannt gibt: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil. Der Angeklagte wird wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt.” Der 25-Jährige wirkt wie erschlagen, lässt sich fast auf seinen Stuhl fallen. „Ein vier Monate altes Kind kann man nicht andauernd würgen und nicht davon ausgehen, dass es dabei nicht zu Tode kommt. Das Kind hat aufgehört zu schreien, er hat aber nicht aufgehört zu würgen”, begründet der Vorsitzende Richter die Entscheidung. Er macht klar, dass für die Kammer kein Zweifel daran bestehe, dass der 25-Jährige zumindest mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt, den Tod seiner Tochter also billigend in Kauf genommen habe. Für den Angeklagten spricht, dass er zum Tatzeitpunkt noch nicht vorbestraft ist. Dann wirft der Richter jedoch die erdrückenden Fakten in den Ring, die sich negativ für den Lüdenscheider auswirken: Das Opfer war besonders schutzwürdig und wehrlos. Zudem habe ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen dem Angeklagten und seiner Tochter bestanden. Und: Erst der massive Eingriff der Kindsmutter habe den 25-Jährigen von dem kleinen Mädchen abgebracht. Dr. med. Horst Sanner, ein erfahrener psychiatrischer Gutachter erklärt, der 25-Jährige leide unter einer Besonnenheitsstörung, was eine verminderte Schuldfähigkeit nahe lege. Sanner: „Es ging ihm offenbar in diesem Moment nur darum, für sich Ruhe zu finden.”

Das Schwurgericht nimmt schließlich auch eine verminderte Schuldfähigkeit an. Mit seinem Urteil kommt es dem Antrag der Staatsanwaltschaft und des Nebenklagevertreters Dominik Petereit nach.

Der Angeklagte nutzt das ihm zustehende letzte Wort, und beteuert, dass er seine Tochter über alles liebe und dass es ihm unendlich leid tue, was er getan hat. Sein Verteidiger Michael Aßhauer, der eine Bewährungsstrafe unter zwei Jahren für angemessen hält, kündigt nach der Urteilsbegründung Revision an. ▪ jape

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