Harte Arbeit, aber keine Bewährung

LÜDENSCHEID ▪ Ganoven haben’s oft auch nicht leicht. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, sind sie mitunter gezwungen, Schwerstarbeit zu verrichten. Wie der 29-jährige Lüdenscheider, der mit einem Komplizen Kabelabschnitte von einem Recyclinghof schleppte, 30 bis 60 Kilogramm schwere Säcke voller Schrott. Zweimal hat es geklappt, die Beute über den Zaun zu wuchten und unerkannt zu verschwinden. Dann war Feierabend. Die Polizei erwischte den Arbeiter und seinen Kumpel in flagranti.

Für den Metallmüll bekam das Duo von einem Schrotthändler 1,20 Euro pro Kilo. Von Amtsrichter Thomas Kabus und seinen Schöffen bekam einer der beiden gestern eine ganz andere Quittung: 14 Monate Gefängnis, ganz ohne Bewährung.

Auf der Anklagebank sitzt ein langer Schlaks mit kräftigen Arbeiterhänden. Anfangs antwortet er etwas maulfaul. Richter: „Was waren die Hintergründe der Taten?“ Angeklagter: „Na, kein Geld gehabt.“ Richter: „An wen haben Sie die Beute verkauft?“ Angeklagter: „An so’n Typen, kenne ich nicht.“ Sein Mittäter hat’s einfacher. Er schwänzt den Strafprozess kurzerhand und bekommt nun einen Strafbefehl per Post: ein Jahr mit Bewährung und 100 Sozialstunden beim Perthes-Werk.

Eine Polizistin tritt in den Zeugenstand. Mit einem Kollegen wollte sie „nur mal gucken“, wie sie sagt. Weil von dem Grundstück mit den vielen Gitterboxen schon so allerhand „abhanden“ gekommen war. „Wir haben die Täter und weiße Leinensäcke gesehen und Verstärkung gerufen.“ Die Kollegen nahmen die Diebe auf der anderen Seite des Zauns in Empfang.

„Schrotthandel – das klingt zunächst nach nichts Besonderem, aber der ist inzwischen lukrativer als ein Banküberfall. Da werden hohe Gewinne gemacht“, hatte Lüdenscheids Polizeichef Bernd Scholz gesagt, nachdem seine Behörde eine vielköpfige Bande von Metalldieben dingfest gemacht hatte. Die Bande macht jetzt Zwangspause, trotzdem gingen die Klauereien von Betriebshöfen und Lagerplätzen – wie berichtet – munter weiter.

Dass der 29-Jährige und sein Kollege nicht nur diesen einen gescheiterten Beutezug, sondern mindestens zwei weitere Coups gelandet haben, hätten die Ermittler ohne das umfassende Geständnis des Angeklagten nie herausbekommen. Zwar laufen Überwachungskameras auf dem Recyclinghof, zwar sind Fotos von dunklen Gestalten bei der Arbeit in der Akte gelandet. Aber Amtsrichter Kabus bezeichnet sie – ebenso wie die magere Beute der beiden – als „Schrott“.

Er habe zwar „keine Lust mehr auf Haft“, sagt der Schlaks. Aber Staatsanwalt und Gericht haben keine Lust auf Bewährung. Die Sozialprognose ist allzu schlecht. - Olaf Moos

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