Der harte Alltag der Busfahrer: "Drohungen kommen schneller"

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Matthias Fischer bekommt als Betriebsratsvorsitzender der MVG viele Fälle von wenig Respekt von seinen Kollegen mit. Gelegentlich fährt er auch noch selbst Bus.

Lüdenscheid - Busfahrer haben tagtäglich mit – erbrachtem oder mangelnden – Respekt zu tun. LN-Redakteurin Marie Veelen hat mit Matthias Fischer, Betriebsratsvorsitzender bei der MVG, gesprochen. In seiner Funktion als Mitarbeitervertreter bekommt er viel von den Vorfällen und Problemen der anderen Fahrer mit, fährt aber auch selbst noch gelegentlich einen Linienbus.

Was ist für Sie Respekt? 

Respekt ist ein großes Wort und man kann es überall lesen. Ich denke, es bedeutet, man sollte jedem so entgegentreten, wie man selbst behandelt werden möchte, auf Augenhöhe und mit Wertschätzung. Die Frage ist aber, ob wir das wirklich alle leben. Ich bin seit 28 Jahren bei der MVG und alles hat sich in der Zeit gewandelt. Nicht nur der Fahrgast, auch der Straßenverkehr ist aggressiver geworden. Man merkt es im Ganzen, als ob es ein gesellschaftliches Problem sei, dass alle egoistischer geworden sind.

Wird Ihnen Respekt entgegengebracht? 

Ja, absolut. Ich denke, es wird uns genauso viel Respekt entgegengebracht, wie uns auch kein Respekt entgegengebracht wird.

Wie äußert es sich bei Ihnen, dass Ihnen Respekt entgegengebracht wird?

Wenn mich jemand grüßt, wenn er in den Bus steigt und seine Fahrkarte selbstständig zeigt, bringt mir jemand auf jeden Fall Respekt entgegen und zeigt mir, er achtet meine Arbeit und mich als Person. Wir haben aber genauso diejenigen, die das nicht machen und es gibt die dümmsten Ausreden, warum man keine Fahrkarte habe. Das ist eine Missachtung meiner Person und des ganzen Berufsstandes. Wir üben eine Dienstleistung aus, die bezahlt werden muss.

Können Sie sich an einen konkreten Moment erinnern, in dem besonders viel Respekt oder besonders wenig Respekt entgegengebracht wurde?

Wir haben einen Kollegen, dem wurde schon das Nasenbein gebrochen. Das war vergangenes Jahr im Herbst. Der Kollege hatte die Fahrausweise kontrolliert. Als etwas nicht gestimmt hat, ist eine Frau unter Beschwerde ausgestiegen. Kurze Zeit später ist an einer anderen Haltestelle ein Mann eingestiegen und hat ihm die Nase gebrochen und gesagt: Das war meine Freundin, die Du gerade rausgeschmissen hast. Das Problem ist, heutzutage reichen die kleinsten Momente. Manche rasten auch aus, weil der Bus nicht pünktlich kommt. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Fahrgäste, die einem ein schönes Wochenende wünschen beim Aussteigen.

Wie reagieren Sie, wenn sich jemand danebenbenimmt?

Ich spreche denjenigen so an, dass er merkt, dass er einen Fehler gemacht hat. Normalerweise mache ich das über das Mikrofon, aber noch lieber stehe ich auf, gehe nach hinten und sage es persönlich. Und wenn das nicht fruchtet, ist die Fahrtbeförderung für ihn beendet und ich verweise ihn an der nächsten Bushaltestelle des Busses. Dabei geht es auch um die Sicherheit der anderen Fahrgäste.

Mal abgesehen von den Konsequenzen: Ist das belastend? 

Natürlich sind manche Situationen für viele Kollegen belastend. Gerade wenn der Fahrer etwas gesagt hat und man daraufhin dann noch schnell ein Foto von ihm macht und sagt: Wir kommen wieder. Drohungen kommen heutzutage viel schneller als früher. Das ist für viele belastend, denn sie können ja dann auch nicht weg, wenn sie den ganzen Tag dieselbe Linie fahren. Die Reaktion einiger darauf ist dann, dass sie wegschauen, die Fahrgäste nicht anschauen, nicht grüßen und keine Fahrkarten kontrollieren. Aber das ist auch nicht das, was wir wollen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Respektlosigkeiten im Vergleich zu den letzten Jahren zunehmen?

Unser Pressesprecher bekommt regelmäßig Anfragen, wie sich das Gewaltpotenzial der Fahrgäste entwickelt hat. Die Fallzahlen sind nicht gestiegen, aber das Konfliktpotenzial ist höher und die Hemmschwelle niedriger. Diese Art und Weise gab es vor 25 Jahren nicht. Als ich 1992 angefangen habe, habe ich mich von allen respektiert gefühlt. Heute haben wir eine ganz andere Qualität. Die Fahrer müssen sich heute zum Beispiel regelrecht aus der Bushaltestelle herauszwingen, um in den Straßenverkehr zu kommen. Auch das ist eine Form von Respektlosigkeit uns Busfahrern gegenüber.

Woran liegt das aus Ihrer Sicht, dass die Respektlosigkeit zunimmt? 

Zum einen kann über die sozialen Medien bequem aller möglicher Schrott verbreitet werden – sowohl Unwahrheiten als auch anonym. Und zum anderen haben wir es nicht geschafft, Leute von außerhalb richtig zu integrieren. Auch in anderen Kulturen gibt es das Wort Respekt, aber es wird anders gelebt. Wir müssen jedoch einen gemeinsamen Nenner für Werte finden. Und Werte, die wir einmal hatten, werden mit der Erziehung nicht mehr vermittelt durch den ständigen Umgang mit dem Smartphone. Wir als Eltern sind gefragt und müssen die Werte und das, was Respekt bedeutet, weitervermitteln. Das Problem ist zudem, ein guter Job wird mit gutem Geld definiert. Aber jeder Beruf ist ehrbar. Wir müssen damit aufhören, Berufe nur über das Geld zu definieren, denn es muss jeden Beruf geben. Und an dieser Stelle ist auch die Politik gefragt. Normale Handwerksberufe erfahren nicht den Dank, den sie verdienen.

Was kann man aus Ihrer Sicht tun, um wieder für mehr Respekt zu sorgen?

Wir müssen anfangen, auch öffentlich über Respekt zu reden. An Greta Thunberg sieht man schließlich, dass man mit einem Sitzstreik auf sich aufmerksam machen kann. Die Respektlosigkeiten ziehen sich wie ein roter Faden durch die öffentlichen Berufe. Ich weiß nicht, wo wir anfangen sollen, aber das müssen wir definitiv. Es muss den betreffenden Menschen klar gemacht werden, es ist nicht richtig, was du gemacht hast. Außerdem muss jeder bei sich selbst anfangen, sich selbst reflektieren. Wenn ich selbst Respekt erfahren möchte, muss ich ihn auch anderen entgegenbringen.

Zur Person: Seit 1992 ist Matthias Fischer bei der MVG beschäftigt. Seine Lehre zum Berufskraftfahrer hat der 49-Jährige von 1987 bis 1989 in Saalfeld an der Saale absolviert. Seit 2013 ist Matthias Fischer Betriebsratsvorsitzender bei der MVG.

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