Hart, aber gerecht: Norbert Adam im Ruhestand

+
„Jetzt kommt die Entschleunigung.“ Lehrer Adam in seinem Arbeitszimmer.

Lüdenscheid - Er weiß, dass er einen ganz speziellen Ruf hat. Hart, aber gerecht. Stark fordernd, aber auch umsichtig fördernd. Und Respekt einflößend schon durch seinen markanten Bassbariton. So kennen ihn Generationen von Schülern am Geschwister-Scholl-Gymnasium.

Von Olaf Moos

Wenn er darüber redet, dann lächelt Norbert Adam – und widerspricht nicht. „In meinem Unterricht kann man eine Stecknadel fallen hören“, sagt er. „Konnte“, das trifft es besser. Denn jetzt ist Schluss. Im Alter von 65 Jahren, nach dreieinhalb Jahrzehnten am Staberg, geht Norbert Adam heute in den Ruhestand.

„Arbeiten werden immer am Wochenende korrigiert!“ Dieser Satz, gelassen ausgesprochen, umschreibt zwei seiner wesentlichen Eigenschaften. Die erste: Lehrer Adam ist gründlich, arbeitet lieber samstags und sonntags konzentriert in Ruhe als nach Feierabend „mal eben zwischendurch“. Die zweite: Lehrer Adam ist nicht nur Lehrer, sondern auch Politiker und engagierter Kulturfreund – mit wenig Freizeit und vielen Terminen.

Zufälle

Dass er überhaupt Pädagoge geworden ist, hat Norbert Adam einem Zufall zu verdanken. Ebenso die Tatsache, dass er in Lüdenscheid Wurzeln geschlagen hat. Er wird in Paderborn geboren, der Vater stirbt früh, 1968 baut er in Essen sein Abitur. Das ist in der wilden Zeit der Bundesrepublik – Rudi Dutschke lässt in Berlin Ho Chí Minh hochleben. Aber der brave Absolvent aus Ostwestfalen zieht es vor, zur Bundeswehr zu gehen.

1971 schreibt er sich an der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg ein, studiert Deutsch, Geschichte und Geographie und engagiert sich im Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), nahe der CDU. Der RCDS tritt unter anderem dafür ein, dass dem Faktor Bildung oberste Priorität eingeräumt wird. Damit ist der Weg des strebsamen, konservativen und disziplinierten Bürgers vorgezeichnet.

Und als er sich in Freiburg in Wiebke verliebt, wird klar, dass das Sauerland seine Heimat werden wird. Wiebke Brauckmann, Tochter aus altem Lüdenscheider Industrie-Adel derer von Brauckmann & Pröbsting, wird später seine Frau.

Es folgen: Examen, Referendariat im Franziskaner-Kloster Vossenack mit Gymnasium und Internat, die Geburt der ersten von zwei Töchtern, die Bewerbung am „Scholl“ und das Vorstellungsgespräch bei der Schulleiterin, damals Grete Schulze – noch so eine Lünscher Legende aus Disziplin und Strenge.

Am 1. Februar 1980 tritt Norbert Adam seine Stelle an. Und wird aktiver Zeuge einer sich stetig verändernden Schullandschaft. Er vergleicht. „Früher gingen 10 bis 15 Prozent der Schüler aufs Gymnasium, heute sind es 40 Prozent.“ Das Gymnasium sei mehr und mehr „Spiegelbild der Gesellschaft“ geworden, sagt der Lehrer.

Aktiver Zeuge

Und „Reparaturbetrieb“, in dem es neben der klassischen Bildung verstärkt um die Vermittlung sozialer Kompetenzen gehe. Goethe, Schiller, Geschichten und Geschichte, Exkursionen nach Weimar, Erdkunde, Berufsorientierung für Jugendliche, die Gründung einer Management-AG für Ingenieur-Wissenschaften, Medizin und Betriebswirtschaftslehre – das sind Eckpunkte im beruflichen Schaffen des Wahl-Lüdenscheiders. Man soll die Stecknadel im Klassenraum ruhig fallen hören. „Wichtig ist, dass so auch leise und zurückhaltende Schüler zu Wort kommen.“

Mit dem Wandel der Schule geht der Wandel der Stadt einher. Auch den gestaltet Norbert Adam aktiv mit. Mitte der 90er-Jahre tritt er in die CDU ein, sammelt als sachkundiger Bürger kommunalpolitische Erfahrung und wird in den Stadtrat gewählt, dem er seither angehört. Schulthemen sind seine Sache, kein Wunder. Und der Kulturausschuss findet in Norbert Adam – seit 35 Jahren treuer Abonnent der Reihen Schauspiel und Symphonie – einen begeisterten und pragmatischen Mitstreiter.

Und jetzt? „Ich werde weiter Politik machen“, sagt er. Er freut sich über weniger Termine, auf freie Wochenenden, seinen Enkelsohn Karl, Reisen durch Deutschland. Da spricht der alte Haudegen Neudeutsch: „Jetzt kommt die Entschleunigung.“

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare